Anzeige

HIV-positiv: Wer ehrlich ist, wird einsam

2015 wird die Braunschweiger Aids-Hilfe 30 – Lebensaussichten sind besser geworden, die gesellschaftliche Isolation bleibt.

Von Marion Korth, 10. Januar 2015.

Braunschweig. Toleranz ist aktuell ein strapaziertes Wort. Aller Aufklärung zum Trotz wollen fast zwei Drittel aller HIV-positiven Menschen lieber nicht darauf bauen und verschweigen aus Angst vor Diskriminierung die Infektion mit dem Immunschwächevirus am Arbeitsplatz. Das will die Aids-Hilfe mit einer Kampagne ändern.

Unsicherheit und Angst kennzeichneten Mitte der 1980er-Jahre die Situation, seuchengleich schien sich eine gefährliche, bis dahin unbekannte Krankheit auszubreiten: die Immunschwäche Aids. Die Lethargie zu durchbrechen, mit diesem Ziel gründete sich im September 1985 die Braunschweiger Aids-Hilfe.
Sachliche Informationen zu sammeln, Verbindungen zu knüpfen, Hilfe anzubieten, Diskriminierung entgegenzuwirken und Handlungsstrategien zu entwickeln, das waren die vordringlichsten Aufgaben und sind es bis heute. Jürgen Hoffmann ist seit 23 Jahren hauptamtlicher Geschäftsführer und war eines der zwölf Gründungsmitglieder. Er hat die Zeit, in der Schwule mit Schuldzuweisungen und Verteufelung konfrontiert wurden und sogar über eine Kennzeichnungspflicht nachgedacht worden ist als Zeitzeuge erlebt. Die nB sprach mit ihm darüber, was sich in 30 Jahren verändert hat, und was mit der Kampagne „30 Jahre – 30 Partner“ erreicht werden soll.

? Mit welchem Leidensdruck kamen die Menschen in den 80ern in die Aids-Hilfe, was sind heute ihre größten Sorgen?

! Medizinisch konnte man in den 1980er-Jahren kaum etwas machen. Leute, die die Diagnose Aids hatten, mussten damit rechnen, innerhalb von zwei Jahren zu sterben. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 18 Monaten nach Ausbruch der Krankheit. Wer damals zu uns kam, hatte eigentlich mit dem Leben abgeschlossen. Das war sehr belastend, auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Seit Mitte der 1990er-Jahre gibt es wirksame Medikamente, die das Virus in Schach halten und auch ständig verbessert werden. Wer sich heute frühzeitig testen und behandeln lässt, hat eine gute Prognose.
Was über die Jahre gleich geblieben ist, das ist die gesellschaftliche Isolation.

? Wenn es diese Vorbehalte noch immer gibt, haben dann die Aufklärungskampagnen und das Wissen über die Krankheit nichts gebracht?

! Man kann nicht sagen, dass uns das Wissen nichts gebracht hat, ohne dieses Wissen hätte sich das Virus viel stärker verbreitet. Das Zusammenwirken von Gesundheitsamt und dem Bundesamt für gesundheitliche Aufklärung als staatliche Organisationen sowie der Aids-Hilfe als nichtstaatliche Organisation ist in der Welt einmalig und vorbildlich. Als nichtstaatliche Organisation können wir beispielsweise Drogenkonsumenten viel besser ansprechen als staatliche.
Die gesellschaftliche Isolation hat eben auch damit zu tun, dass wir unangenehmen Dingen gern aus dem Weg gehen. Und wer traut sich schon, direkt zu fragen, ob man sich nicht doch anstecken kann. Also geht man lieber gleich auf Abstand.

? Was bedeutet das für jemanden, der HIV-positiv ist?

! Sobald es öffentlich wird, wird es schwer. Wir kennen hier den Fall einer Mutter, die in einem Dorf bei Wolfenbüttel lebt. Die Nachricht verbreitete sich dort wie ein Lauffeuer, schließlich wurden ihre Kinder, die sich nicht angesteckt haben, nicht einmal mehr zu Kindergeburtstagen eingeladen. Die Mutter hat daraufhin gesagt, jetzt erst recht. Und ist in die Öffentlichkeit gegangen. Das Fernsehen hat einen Beitrag über sie gemacht. Die meisten aber verschweigen ihre Krankheit ganz oder informieren nur einen kleinen Kreis vertrauenswürdiger Menschen. Dieses Versteckspiel ist psychisch sehr belastend.

? Wie knüpft die Kampagne „30 Jahre – 30 Partner“ an?

! Menschen, die HIV-positiv sind, haben heute eine Lebensperspektive, sie können darauf hoffen, dass die Krankheit niemals ausbricht, Sie können am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sie können arbeiten, sie sind leistungsfähig wie alle anderen auch, und sie sind auch nicht öfter krank als diese – das haben Studien bewiesen. Trotzdem halten fast zwei Drittel aus Angst vor Diskriminierung ihre Krankheit im Arbeitsleben völlig geheim. Wir möchten 30 Firmen finden, die ein Zeichen setzen, dass auch diese Menschen bei ihnen willkommen sind und aufgenommen werden. Es geht um das Unterstützende, nicht darum, jemanden auf Händen zu tragen.

? Ein Zeichen setzen? Wie soll das aussehen?

! Indem die Unternehmen erst einmal ihr Interesse bei uns anmelden und eine E-Mail schicken. Der nächste Schritt ist, dass wir auf unseren Seiten 30Jahre-30Partner.de die Firmen und ihre Logos veröffentlichen. Und wenn wir im September 30 Jahre Aids-Hilfe mit einem Empfang feiern, dann möchten wir das Firmenengagement gern auch öffentlich würdigen.

? Und Sie glauben, dass sich genügend Firmen finden?

! Ja! Auf jeden Fall! Es haben sich schon etliche gemeldet. Und es können gern mehr als 30 werden. Da ist zum Beispiel eine Frau, die im Bekleidungsbereich arbeitet. Ihre Chefin weiß Bescheid, ihre Kollegen auch, und es war gar kein Problem, dass sie am Welt-Aids-Tag einen Tag frei bekommt, um an einer Aktion teilzunehmen. Wir freuen uns, wenn auch größere Firmen ein Zeichen setzen. Je mehr Mitarbeiter, desto mehr Menschen erreichen wir. Als Schirmherr für diese in Deutschland einzigartige Aktion haben wir Wirtschaftsminister Olaf Lies gewonnen. Das freut uns. Schön wäre es, wenn wir auch noch Oberbürgermeister Ulrich Markurth ins Boot holen, außerdem sprechen wir mit IHK, Arbeitgeberverband und Stadtmarketing.
Die Kampagne ist kein einseitiger Prozess, da haben beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – etwas davon. Wenn Mitarbeiter angenommen werden, dann wirkt sich das positiv aus – und das gilt nicht nur für Menschen, die HIV-positiv sind.

Info

Aus Anlass ihres 30-jährigen Bestehens sucht die Aids-Hilfe Unternehmen, die aidskranke und HIV-positive Menschen im Arbeitsleben offen und ohne Vorurteile entgegenkommen und sich dafür einsetzen, das Arbeitsklima für HIV-Positive zu verbessern.
Weitere Informationen: www.30jahre-30partner.de
Adresse und Kontakt auch für Beratungssuchende: Braunschweiger Aids-Hilfe, Eulenstraße 5, 38114 Braunschweig, Telefon 58 00 30, E-Mail info@braunschweig.aidshilfe.de, Internet www.braunschweig.aidshilfe.de .
Die Aids-Hilfe ist Montag, Dienstag und Donnerstag von 10 bis 16 Uhr, Freitag von 10 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung erreichbar.
Anonyme Beratung am Telefon unter 1 94 11.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.