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Hier zählen die Menschen, nicht Minuten

Drei Jahre Braunschweiger Hospiz – Das Ziel: Lebensqualität bis zuletzt – Momentaufnahme eines besonderen Ortes

Von Marion Korth, 21.03.2010

Braunschweig. „Ohne Liebe kehrt kein Frühling wieder.“ Das Zitat des Tages, geschrieben von Friedrich Schiller. Das Buch liegt aufgeschlagen in der Eingangshalle des Hospiz’ an der Broitzemer Straße. Die Menschen, die hier wohnen, haben nur noch wenige Tage, vielleicht ein paar Wochen vor sich. Auf dem Tisch stehen frische Blumen, Sonne fällt durch die Fenster.

Den Schatten gibt es auch. In einem Zimmer oben kämpft eine Frau trotz Morphiumgaben mit Schmerzen. Krankenschwester Monika Wiechmann ist bei ihr, massiert ihr mit einem speziellen Öl den Rücken. Im Hintergrund quakt es aus dem Fernseher. RTL philosophiert darüber, wie es Marc Terenzi nach der Scheidung von Sängerin Sarah Connor geht. „Wen interessiert das nur“, frage ich mich.
Die Kranke soll es bequem haben. „Sie können sich an mich lehnen“, sagt Monika Wiechmann. Sie strahlt Ruhe aus und Konzentration. Die Frau lehnt sich an, ihr Gesicht entspannt sich. Die Zeit bleibt stehen, da ist nur noch Nähe. Wenig später wird sie sich hinlegen und ein bisschen schlafen.
Jetzt weiß ich, was die Krankenschwester meint, wenn sie sagt: „Meine Stärke ist am Bett.“ Sie hat ihre Sache gut gemacht, das habe ich der Frau angesehen, und ist trotzdem unzufrieden. „Das war jetzt für mich unbefriedigend. Sie muss noch besser eingestellt werden, diese Schmerzen dürfen nicht sein“, sagt Monika Wiechmann. Sie wird der Ärztin Bescheid sagen.
Eine Krankenschwester
„Jeder Tag ist eine Herausforderung“, sagt Monika Wiechmann. Unendlich groß der Schatz, den sie an Selbsterfahrung gesammelt hat. Es gibt viel zu tun. Während unseres Gespräches klingelt immer wieder ihr Telefon. Aber da ist trotzdem das Gefühl, wirklich für die Menschen da sein zu können. Hier muss sie nicht über jede Minute, die für eine Pflegeleistung im Kassensinn vorgesehen ist, Rechenschaft ablegen. Wenn etwas länger dauert, dauert es eben länger. Und wenn sie doch in ein anderes Zimmer gerufen wird, dann kommen die Ehrenamtlichen wie stille, gute Geister, um sich ans Bett zu setzen, zuzuhören oder einfach nur da zu sein.
Ein Ehrenamtlicher
Siegfried Bernotat ist einer dieser Ehrenamtlichen. „Ich wollte etwas im Sozialen machen“, sagt der Ingenieur im Ruhestand. An drei Tagen kommt er jetzt für je eine Schicht ins Hospiz – er kommt gern. Tiefschürfende Gespräche mit den Kranken seien eher die Ausnahme, viele sind schon zu schwach oder verwirrt, wenn sie kommen. Aber er selbst habe sich schon Gedanken über Leben und Tod gemacht. „Aber ich bin nicht gläubiger geworden“, sagt er lächelnd.
Vom ersten Tag an ist Krankenschwester Monika Wiechmann im Hospiz dabei, hat sich einen Traum erfüllt. Das klingt merkwürdig. Aber die Frau mit den wachen Augen und den kurzen grauen Haaren beschäftigt sich mit den Themen Tod und Trauer, seitdem sie ihre Eltern viel zu früh verloren hat. Und später, als sie in der Hauspflege tätig war, erlebte sie die Grenzen der ambulanten Pflege, wenn Menschen sich entschlossen hatten, zu Hause sterben zu wollen. Den Hospizgedanken hat sie verinnerlicht, er ist der Leitfaden allen Handelns.
Im Hospiz spricht niemand von Kranken, Patienten oder gar Kunden. Die Menschen, die hierher zum Sterben kommen, heißen „Gäste“. Und genau so werden sie behandelt. „Ich rase nicht morgens durch die Zimmer, um alle zu waschen“, sagt Monika Wiechmann. Wer ausschlafen möchte, darf das. An erster Stelle steht der Gast, er gibt die Richtung vor, seine Wünsche sind es, die zählen.
Ein Gast
Erika (Name von der Redaktion geändert) ist erst seit zwei Tagen im Hospiz – auf eigenen Wunsch. „Eine gute Entscheidung“, sagt die 68-Jährige. Sie hat Krebs, wie eigentlich alle hier. Sie weiß erst ein paar Tage, dass die Ärzte nichts mehr für sie tun können. „Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich wäre gern noch länger geblieben“, erzählt sie mir. Sie ist so ruhig, so gefasst, nur einmal sehe ich ihre Hand zittern. Früher ist sie gern gewandert und Fahrrad gefahren, dazu ist sie jetzt zu schwach. Bis 63 war sie „kerngesund“, dann die Diagnose Brustkrebs. Sie hat überlebt und „noch einige schöne Jahre“ verbracht. Dann kam der Krebs zurück. Er hat ihr Leben im Griff, lässt nicht mehr los.
In den vergangenen vier Monaten kam sie gar nicht mehr aus ihrer Wohnung heraus, dazu die Chemotherapien. „Ich habe mit allem abgeschlossen, ich lasse niemanden zurück, der auf mich angewiesen ist“, sagt sie. Im Hospiz fühlt sie sich geborgen. „Die Schwestern sind so lieb.“ Dreimal sei sie heute schon gefragt worden, ob sie etwas essen möchte. Sie freut sich auf den Besuch ihrer besten Freundin, die am Nachmittag kommen will. Hat sie noch Wünsche? Erika denkt nach. „Nein, wenn man krank ist, wird man genügsam.“ Aber dann fällt ihr doch noch etwas ein: „Ich habe so viele Bücher, die ich noch lesen wollte.“
Als ich gehe, wünscht sie mir alles Gute. „Keiner weiß, wie viel Zeit er hat“, sagt sie mir. Ich bin froh, dass ich sie kennenlernen durfte.
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