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Harte Arbeit und kein Lohn: „Irgendwann wollte ich weg“

Leo trifft: Lino Carringi – Cafébesitzer feiert ein kleines Jubiläum – 50 Jahre Deutschland.

Von Birgit Leute, 01.08.2012.

Braunschweig. Nein, singen kann er nicht. Aber sonst, sagt Lino Carringi, sonst sei er ein richtiger Italiener: fröhlich, lebenslustig, schell per Du mit seinen Mitmenschen. Seit 30 Jahren prägt der Römer mit seinen Cafés den Kohlmarkt. Nach Deutschland kam er, „um frei zu sein“.

Wolfsburg, VW, Bandarbeit, ein Stockbett in einer Baracke – Lino Carringi teilte das Schicksal vieler Italiener „der ersten Stunde“, die Anfang der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Mit einer Ausnahme: „Ich kam nicht aus der Not heraus.“
Lino Carringis Eltern betrieben ein Lebensmittelgeschäft und ein Café – nicht auf dem platten Land, nicht im armen Sizilien oder in Kalabrien, sondern in Rom, der Hauptstadt. Der Laden ging gut. Als Lino nach acht Jahren Internat nach Hause kam, sollte er ins Geschäft mit einsteigen. „Mir schmeckte das überhaupt nicht“, sagt er rückblickend. „Ich wurde nicht bezahlt, geriet mit meinem Vater aneinander. Irgendwann wollte ich nur noch weg.“
Mit fünf Freunden brach der damals 18-Jährige schließlich nach Deutschland auf. „Ich kannte weder das Land noch die Sprache, aber ich war vom Internat her Disziplin und Ordnung gewohnt. Das half mir, mit der fremden Mentalität und dem Arbeitsleben zurechtzukommen.“
Klingt nach einem perfekten Start. Carringi lächelt verschmitzt. „Na ja. Wahr ist, dass ich bei VW so viel kaputt machte, dass ich als einziger nach einem Jahr rausflog.“ Hammer, Feile, Bohrmaschine – damit hatte der junge Mann während seiner Internatszeit nicht zu tun gehabt und konnte deshalb im Werk auch nicht damit umgehen. Der gewitzte Römer ließ sich nicht unterkriegen, jobbte in Helmstedt, später in Schöningen, lernte über den Fußball endlich auch Deutsche kennen – und schließlich seine Frau. „Die Eltern waren zuerst einmal skeptisch“, erinnert sich der 68-Jährige. „Italiener waren den Leuten suspekt, und in der Familie wollte man ’so einen‘ schon gar nicht haben.“
Dank seines Charmes und seines Optimismus‘ brach er schnell das Eis. Zwei Kinder hat das deutsch-italienische Gespann. Wenn alles gut geht, wird die Tochter einmal das Giallo-Blue, eines der Cafés von Carringi am Kohlmarkt, übernehmen. „Ehrlich – wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Geschichte mit den Cafés nie angefangen“, winkt Carringi ab. Den Cafébetrieb kannte er von zu Hause, wollte auf gar keinen Fall das machen, was schon die Eltern gemacht hatten. „Ein Freund überredete mich schließlich. ’Du kannst das Lino‘, sagte er, und überließ mir sein Eiscafé, ohne einen Pfennig Geld dafür zu nehmen.“
Der Freund hatte recht. Seit 30 Jahren „herrscht“ Carringi inzwischen über mehrere Cafés am Kohlmarkt. Von einem hat er sich kürzlich getrennt – aus Altersgründen. „Irgendwann muss man kürzertreten: Ich hatte viel Glück im Leben, aber ich habe auch hart gearbeitet. Es ist Zeit, das Leben zu genießen“, sagt er. Also zurück nach Italien? Carringi lacht. „Wenn, dann nur zum Urlaub machen. Ich habe kein Heimweh. Mein Zuhause ist hier. Im Herzen bin ich Italiener geblieben, aber ich habe durch Deutschland auch viel Neues kennengelernt – und Deutschland durch uns Italiener auch.“
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