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Für den Lebenstraum die Ärmel hochgekrempelt

erfekt integriert: Aimen Aouili mit seiner Frau Aicha und seinem Töchterchen Anadil. Im Februar erwartet die kleine Familie Zwillinge. Fotos: Thomas Ammerpohl
 

Aimen Aouili kam als Student von Tunesien nach Braunschweig – Mit seinem Restaurant hat er sich einen Traum erfüllt.

Von Birgit Leute, 12.12.2015.

Braunschweig. Aimen Aouili streicht mit der Hand über den dunkelbraunen Tresen. „Sehen Sie die eingelassenen Kacheln? Die habe ich selbst aus Andalusien besorgt.“ Der 33-jährige Tunesier hat sich mit seinem spanischen Restaurant einen Lebenstraum erfüllt. In den Schoß gefallen ist ihm dieser Erfolg nicht. „Auch nicht in einem Land, von dem viele gerade denken, dass es reich und perfekt ist“, sagt Aimen lächelnd und mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingsströme. Dennoch: Aouili ist der perfekte Beweis dafür, dass Migranten mit dem richtigen Biss und Optimismus echte Durchstarter sein können.

„Meine Familie ist schon lange mit Deutschland verbunden: Mein Vater kam Ende der 60er Jahre nach Deutschland, arbeitete bei VW. Doch als ich drei Jahre alt war, gingen wir zurück“, erzählt der dunkeläugige Tunesier in praktisch akzentfreiem Deutsch. Dieses fremde Land im Norden – es ließ den jungen Aimen trotzdem nicht los. „Ich war als Kind völlig fasziniert, wenn mein Vater Deutsch redete und für mich war klar: Ich möchte nach Deutschland gehen“, erinnert sich der Tunesier.

Jung und voller Heimweh

2004 schrieb sich Aouili an der TU ein. Elektrotechnik. Ein jungen Mann, Anfang 20, mit viel Enthusiasmus und trotzdem – einem schrecklichen Heimweh nach der Familie. „Es gab Abende im Wohnheim, da kämpfte ich mit den Tränen“, gesteht er rückblickend. War das wirklich das Traumland?
Es war: Aimen lernte Aicha, seine heutige Frau, kennen, ihre Familie und viele deutsche Kommilitonen und Professoren, die ihm alle das Gefühl gaben: Du bist hier willkommen. Du schaffst das.
Und Aimen schaffte es. Er schloss sein Studium ab, bekam eine Stelle bei Volkswagen und arbeitete dort so lange, „bis meine Frau wegen der Schichtarbeit meuterte“, erzählt Aimen lachend.

Gastronomie als Traum

Von da an arbeitete er an der Verwirklichung seines zweiten Traums: einem eigenen Restaurant. „Schon während des Studiums habe ich viel in der Gastronomie gejobbt, immer die Augen offen gehalten und viel gelernt. Irgendwann fragten mich die ehemaligen Betreiber des „El Mundo“, ob ich das Lokal übernehmen wollte. Ich war sofort dabei“, sagt er. Auch dafür musste Aimen die Ärmel hochkrempel – und Rückschläge einstecken. „Ein halbes Jahr nach der Übernahme brannte das Lokal durch einen technischen Schaden aus. Danach zogen sich die Verhandlungen mit der Versicherung monatelang hin. Uns stand das Wasser bis zum Hals“, erinnert sich der Jung-Gastronom an die prekäre finanzielle Situation. Aimen biss die Zähne zusammen und klotzte ran: In zwei Monaten ohne Schlaf, dafür aber mit vollem Körpereinsatz, renovierten er und seine Familie das Lokal und konnten vor kurzem wiedereröffnen.

Sprache ist wichtig

Einen Moment lang blickt der Tunesier nachdenklich durchs Fenster auf die winterliche Terrasse, wo Stühle und Tische längst fortgeräumt sind. „Wenn ich meine Geschichte mit der aktuellen Situation in Tunesien und der Flüchtlinge vergleiche, kann ich nur sagen: Ich hatte Glück, schon vor Jahren aus meinem Heimatland aus- und in Deutschland eingewandert zu sein“, sagt er. Die Aufnahme damals sei entspannter vor sich gegangen.
„Ich kann verstehen, dass die Deutschen angesichts der Menge anfangen, nervös zu werden“, überlegt der Tunesier. Hat er persönlich schlechte Erfahrungen gemacht? „Nein“, sagt Aimen sofort. „Wir fühlen uns hier zu Hause. Aber damit es so ist, ist es wichtig, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen und die Regeln zu akzeptieren“, sagt er mit Blick auf seine Geschichte.

IN KÜRZE

Aimen Aouili wurde 1982 in Tunesien geboren. Er studierte Elektrotechnik an der TU Braunschweig, arbeitete eine Zeit bei Volkswagen, entschied sich aber dann, seiner Leidenschaft nachzugehen und Gastronom zu werden. Seit rund einem Jahr leiten er und seine Familie das „El Mundo“ im Bültenweg.

DIE SERIE

Seit den Ergebnissen der ersten Pisa-Studie ist das Bild fertig: Rund ein Viertel der Migranten – vor allem die türkischstämmigen – gelten als Bildungsversager, als integrationsunwillig und als Gruppe, für die eigens Programme entwickelt werden, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.
Aber – es gibt auch ganz andere Geschichten: von Migranten, die sehr gern und sehr gut bei uns angekommen sind, die in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft wichtige Aufgaben erfüllen und die als gute Beispiele für gelungene Integration beziehungsweise als Vorbild für andere Bürger mit ausländischen Wurzeln dienen können. Ihre Geschichte macht deutlich, wie groß der Gewinn für eine Gesellschaft ist, wenn sie Vielfalt und andere Kulturen schätzt und positiv bei sich aufnimmt.
Wir stellen wieder einige dieser „ganz anderen typischen Migranten“ vor.
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