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Frachter bei voller Fahrt übernommen

Einzug ins neue Büro: Dompredigerin Cornelia Götz. Foto: T.A.

Cornelia Götz wird heute um 15 Uhr als neue Dompredigerin feierlich eingeführt – Sie ist die Nachfolgerin von Joachim Hempel.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 20.07.2014.
Braunschweig. Heute kommt die Neue. Also, eigentlich ist sie schon da, aber heute wird es feierlich: Einführung von Cornelia Götz als Dompredigerin.

Sie hat das Amt von Joachim Hempel übernommen. Große Fußstapfen, aber die braucht sie nicht zu fürchten, sie geht einen anderen Weg. Ihren sehr eigenen. Der hat sie aus dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt an den Braunschweiger Dom geführt.
Noch ist ihr Büro im Pfarramt eine Baustelle, die Maler sind am Werk, es wird geräumt und eingerichtet. Die Mitarbeiter haben mit der neuen Chefin bereits Gespräche geführt, Wünsche formuliert, Verbesserungsvorschläge gemacht. Cornelia Götz ist die Nachfolgerin von Joachim Hempel. Sie wird die Arbeit am Dom neu aufstellen. Es weht jetzt ein anderer Wind.
Denn ihre Sozialisation in der DDR, der Zusammenbruch des Regimes und die sich daraus ergebenden Veränderungen bilden das Fundament in der Haltung der Theologin.
Erzählt sie von damals, blitzt es rebellisch und beharrlich auf. „Wenn der Konsum und die vermeintliche Freiheit im Westen so viel wichtiger sind, als hier mit uns durchzuhalten – dann geht doch.“ So hat sich das damals für die 22-jährige Studentin in Erfurt angefühlt, als ihre Landsleute nach dem Mauerfall in Scharen in den Westen gingen.
Es gab auch die anderen. Menschen, die seit Jahren politisch aktiv waren. Und die, die in dieser Zeit aktiv wurden. So wie Cornelia Götz. Als Praktikantin der Studentengemeinde hatten sie und ihre Mitstreiter die Nächte durchdiskutiert, Plakate geklebt, Demonstrationen organisiert. „Klar, waren wir direkt nach dem Mauerfall in Westberlin, ja, das war toll“, beschreibt sie, „aber wir wollten nicht weg, wir haben ganz viel geplant, und wir haben gedacht: Vielleicht geht auch ganz etwas Neues los, die BRD ist nicht so viel großartiger als das, was wir jetzt werden könnten.“ Das war der Plan. Die Geschichte rollte darüber hinweg.
Die Eltern – eben noch ausgegrenzt – waren plötzlich angesehene Leute. Für den Vater war die Welt wieder heil. „Er hat sich unglaublich gefreut. Die Wiedervereinigung hat ihm viel bedeutet“, sagt die Tochter. „Das habe ich gut verstanden.“
Sie selbst war eher aufgewühlt. Es passte nicht. „Ich war leer, müde“, blickt sie zurück. Mit ein paar Mitstreitern organisierte Cornelia Götz im Februar 1990 die Ausstellung „Träume vom Sozialismus“ – das ging gründlich schief. „Die Leute waren extrem genervt, plötzlich galt ich als rückwärtsgewandt, ich wurde in den SED-Partei-Topf gesteckt.“
Und da gehörte sie schon gar nicht rein – geradezu absurd. Ihre Jugend in der DDR war geprägt von einem gewissen Außenseitertum, der Vater Jurist in der sächsischen Landeskirche, die Mutter aus einem Pfarrhaushalt. Genug für ein Studienverbot.
„Nach dem Abitur wurde mir eine Ausbildung zur Audiologie-Phoniatrie-Assistentin angeboten“, erzählt Götz, „an einer Fachhochschule in Erfurt.“ Das hat sie gemacht. „Ohne eine Ahnung zu haben, um was es dabei geht.“ Aber sie wollte weg aus Karl-Marx-Stadt, weg von zu Hause. Wo sie sehr glücklich war, aber es wurde ihr zu eng.
Also Erfurt – besser als nichts. Und wenn schon kein Studium, dann zumindest die Fachhochschule. Außerdem gab es schon Martin, der in Erfurt Physik studierte, heute in der PTB arbeitet und ihr Ehemann geworden ist.
In ihrer Ausbildung, in der sie sich um Patienten mit Stimm-, Hör- und Gleichgewichtsstörungen kümmerte, merkte Cornelia Götz bald, dass das Patientengespräch für sie am wichtigsten wahr. „Mich interessierten vor allem die Menschen und ihre Geschichten.“
Das ist so geblieben. Als die Mauer gefallen und die Grenze offen war, entschied sich Cornelia Götz für das Theologiestudium. Nun aus ganz freien Stücken.
Die PTB lockte die Familie schließlich mit einem guten Job für den Ehemann Richtung Braunschweig. „Ich bekam eine Pfarrstelle in Gielde und Neunkirchen bei Schladen“, erzählt Götz. Sie war gern „Pfarrerin in der Rübe“, erzählt sie, „die Ritterlichkeit der Bauern dort hat mir das Leben leichtgemacht. Wir bekamen viel Unterstützung und Anerkennung.“
Und dann meldete sich der Bischof an. Auf einen Kaffee. Friedrich Weber (inzwischen im Ruhestand) wollte Cornelia Götz als persönliche Referentin. Und wenn der Bischof etwas will ...
Jedenfalls zog die Familie 2005 nach Wolfenbüttel, und Cornelia Götz schrieb Reden, Predigten, Grußworte. Im Zuge der Reformprozesse der Landeskirche wuchsen ihr Anteile von Stabsstellenarbeit zu. Mit engen Kontakten zum Braunschweiger Dom. Und zu Joachim Hempel.
Hier schließt sich der Kreis. Joachim Hempel hatte sie im Blick – als mögliche Nachfolgerin. Das hat geklappt. Cornelia Götz ist seit dem 1. Juli die neue Dompredigerin, heute wird sie mit einem Gottesdienst feierlich in ihr Amt eingeführt.
Die Mutter von zwei Kindern (Luise, 16, und Fritz, 22) rudert mächtig, um den Frachter, den ihr Joachim Hempel bei voller Fahrt übergeben hat, auf Kurs zu halten. Aber sie ist nicht allein: Die zweite Pfarrstelle ist seit vergangenem Sonntag mit Pfarrerin Katja Witte-Knoblauch besetzt, ein eingespieltes Team freut sich auf die beiden Frauen, die Pfarrer der Nachbarkirchen haben Hilfe angeboten.
Und dann hat Cornelia Götz auch noch ein gesundes Gottvertrauen, das sie bis hierhin getragen und begleitet hat. „Manchmal gehen auch wir einfach unter im Trubel der Termine, der Arbeit und der Hektik, manchmal ist es schwer, Beruf und Familie in Balance zu halten, aber ganz oft ist mir und meinem Mann sehr bewusst, was für ein wunderbares Leben wir haben“.
Das gibt ihr Kraft. Für ihre neue Aufgabe am Braunschweiger Dom.
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