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Flüchtlinge, Mindestlohn, Sparbeschlüsse

Uta Hirschler. Foto: T.A.

Pröpstin Uta Hirschler zieht nach vier Jahren eine Zwischenbilanz: „In Zukunft die diakonische Haltung von Kirche noch weiter stärken“.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 22. April 2016

Braunschweig. Der Start war nicht ganz einfach, bei ihrer Wahl zur Pröpstin gab es Gegenwind, aber inzwischen ist Uta Hirschler seit vier Jahren im Amt. Die Nachfolgerin von Klaus Jürgens, Armin Kraft und Thomas Hofer hatte große Fußstapfen vor sich und konnte als erste Frau auf dieser Position nicht gerade auf einen Vertrauensvorschuss setzen.

? Würden Sie die Aufgaben ihres Amtes in Stichworten erklären?

! Zunächst bin ich Dienstvorgesetzte aller Pfarrer. Die Propstei Braunschweig hat zurzeit 28 Gemeinden mit rund 75 000 Mitgliedern. Meine Aufgaben allgemein formuliert, sind: Das kirchliche Leben anregen und fördern, die Propstei in der Öffentlichkeit vertreten und die Aufsicht über Kirchengemeinden, Pfarrämter und Pfarrer.

? Wie können Pfarrer beaufsichtigt werden?

! Wir sind im regelmäßigen Kontakt, einmal im Monat treffen sich alle Pfarrerinnen und Pfarrer. Das ist nicht in erster Linie ein Aufsichtsinstrument, es geht eher um eine fast geschwisterliche Ebene zwischen den Pfarrern. Dieser Austausch ist sehr wichtig, denn in ihren Gemeinden sind sie doch vielfach auf sich gestellt.

? Und die Aufsicht?

! Alle sieben Jahre soll es eine Visitation geben. Ich nehme eine Woche lang an allen Veranstaltungen in der Gemeinde statt, treffe die kirchlichen Mitarbeiter, aber auch die Multiplikatoren aus der jeweiligen Gemeinde wie Bürgermeister, Vereinsvorsitzende und andere Akteure. Das eröffnet häufig ganz neue Räume für die künftige Arbeit.

? Ihre größten Herausforderungen im Moment?

! Innerkirchlich die Umsetzung von Sparbeschlüssen, außerkirchlich die Integration der Flüchtlinge. Besonders schön ist die Vorbereitung des Reformationsjubiläums.

? Welche Sparbeschlüsse?

! Durch demografischen und gesellschaftlichen Wandel haben wir weniger Kirchenmitglieder, darauf hat die Landeskirche reagiert: Wir müssen enger zusammenarbeiten.

? Was bedeutet das in der Praxis?

! Zurzeit sind 34 Gemeindepfarrstellen in der Propstei Braunschweig mit 40 Pfarrerinnen und Pfarrern besetzt, in Zukunft soll es nur noch 25,5 Stellen geben. Nächsten Mittwoch treffen wir uns, um über neue Zusammenschlüsse und Grenzen und künftige Stellenzuweisungen zu beraten.

? Unter welchen Gesichtspunkten wird neu geplant?

! Für jetzige Entscheidungen haben wir die Kirchenvorstände angehört und die Sozialräume in den Blick genommen. Später wird es gelten, in den Regionen und Gemeinden Kooperationen zu suchen und Prioritäten zu setzen. Das fällt vergleichsweise leicht, wenn es nur drei Konfirmanden gibt und die Nachbarn nah dran sind. Anderes schmerzt sehr. Da gilt es, sinnvoll zusammenzulegen oder zu entscheiden. Meist regeln die Kirchenvorstände und Pfarrer in den Regionen und Gemeinden das allein und untereinander, bei Bedarf helfen wir gern.

? Naturgemäß gibt es bei Stellenkürzungen Unruhe. Auch in der Kirche?

! Das ist ganz natürlich. Es gibt noch ungelöste Probleme. Abschiede tun weh. Solidarität ist gefragt. Aber zugesagt ist: Es wird kein Umzugswagen rollen.

? Bereiten Ihnen diese Umstrukturierungen Sorgen?

! Natürlich möchte ich, dass auch künftig die Botschaft von der geschenkten Freiheit lebendig ist. Ich sorge mich aber auch sehr konkret darum, frei werdende Stellen wieder besetzen zu können. Denn auch wir haben Nachwuchssorgen. Wer also jetzt Lust auf den Pfarrberuf bekommen sollte, dem kann ich nur Mut machen. Das ist ein wunderbarer Beruf mit bester Zukunftsperspektive. Und die nötigen Sprachen – Latein, Griechisch und Hebräisch – können studienbegleitend nachgeholt werden.

? Gerade wurde am Tostmannplatz die „Oase“ eröffnet, ein Treff für Flüchtlingsfrauen. Die Kirche ist als Träger dabei. Bis dahin war das kirchliche Engagement für die Flüchtlinge eher zurückhaltend, ist der Eindruck richtig?

! Nein, wir sind gar nicht zurückhaltend, sondern sehr aktiv in diesem Bereich. Nur in die Öffentlichkeit gehen wir mit unseren Projekten erst, wenn sie auf guten und sicheren Füßen stehen. Gerade für die „Oase“ hat das einige Zeit gedauert, es sind verschiedene Akteure beteiligt. Jetzt steht die Finanzierung für drei Jahre, deshalb konnten wir jetzt auch offiziell starten.

? Gibt es noch mehr Projekte?

! Zahlreiche. An fast jedem Ort, an dem Flüchtlinge untergebracht sind, interessiert sich die jeweilige Gemeinde für Wohlergehen von Flüchtlingen und Gesellschaft. In vielen Gemeinden werden Treffen und Unterstützung organisiert. In Watenbüttel gibt es regelmäßige Treffen. In St. Thomas im Heidberg stellt die Kirchengemeinde Räumlichkeiten zur Verfügung. Dazu kommt eine enorme Hintergrundarbeit. Ein Beispiel ist die ehemalige Diakonin für die Weststadt, die jetzt als Bildungsreferentin vor allem an der Sensibilisierung für die besondere Situation der Flüchtlinge auf der deutschen Seite arbeitet. Sie organisiert Seminare für Jugendliche. Ein anderes Beispiel: An der Jakobikirche werden wir Pfarrhäuser für die Unterbringung unbegleiteter Flüchtlinge zur Verfügung stellen können. Dort werden bis zu zwei Wohngruppen Platz finden, das Elisabethstift wird als Träger fungieren. Und wir planen mehr als nur die Unterbringung, im Jugendkeller soll ein interkultureller Treffpunkt entstehen.

? Ist die Kirche ein besonders guter Partner in der Flüchtlingsarbeit?

! Auf jeden Fall ein besonders geübter Partner. Kirche war immer schon global aktiv. Wir haben einen Vorsprung durch den weltweiten Horizont. Unsere diakonischen Angebote gelten für alle. Unabhängig von Religion und Sprache. Aber unabhängig davon sind unter den Flüchtlingen auch Christen. So haben wir zu den großen Festen englischsprachige Gottesdienste gefeiert und planen in St. Katharinen ein Fest zur Begegnung von Christen aus aller Welt.
Dieses Verstehen und Annähern ist beispielsweise auch unsere Aufgabe im Kontakt mit Partnerkirchen. Die Kirche in Tschechien hat jahrelang in einer Nische überlebt, über das Thema der Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz im Kommunismus hat sie sich 1995 gespalten und noch immer nicht versöhnt. Im Kontakt mit uns gibt es Differenzen beim Thema Umgang mit Homosexualität. Da arbeiten wir uns zentimeterweise vorwärts und ringen um den gemeinsamen Weg. Und dann bereichert uns genau das, und das Ringen um Verständnis ist der Schlüssel zum gemeinsamen Die-Welt-Gestalten.

? Und hier in Braunschweig? Was gilt es hier für Sie, gerade aktuell zu gestalten?

! Die Sanierung der Diakoniestation und die Realisierung des Tagestreffs an der Dankeskirche sind erfolgreich gestartet, aber es bleibt noch einiges zu tun: Wir sind auf dem Gebiet der Altenpflege ein Anbieter unter vielen, der Tarifvertrag Diakonie in Niedersachsen ist relativ neu. Die Einführung des Mindestlohnes, gute Löhne für den Dienst am Nächsten, der Tarifvertrag Soziales sollten doch eine Freude und nächste Schritte sein. Für unseren Erfolg auch als Gesellschaft ist die politische Forderung nach einer tarifgebundenen Refinanzierung wichtig.
Außerdem steht für 2017 mit dem Reformationsjubiläum etwas ganz Besonderes an. Die Entdeckung und Stärkung der Freiheit, die Gott schenkt, finde ich sehr aktuell. Braunschweig wird eine hervorragende historische Ausstellung haben und hat Grund auf die Stadtgeschichte stolz zu sein. Ausstellungsteam, Kirchengemeinden und Propstei sind derzeit daran, ein vielfältiges Angebot vorzubereiten.

? Eine Bilanz nach vier Jahren im Amt? Sind Sie beliebt?

! Das ist keine Kategorie für mich. Ich lebe gerne hier und denke, ich bin gut angekommen, ich habe gute Kontakte in die Stadt, auch in die jüdische Gemeinde und zu Muslimen.

? Ihre Ziele bis zur nächsten Wahl in acht Jahren?

! Ich möchte gestalten können, die Gemeinsamkeiten betonen und die diakonische Haltung der Kirche stärken. Die Vernetzung der diakonischen Projekte und kirchlichen Orte wird uns bereichern.
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