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„Extrem viel Kraft auch im Alltag“

Nach 80 Kilometern auf dem schneebedeckten Gipfel: Frank Reintjes bei der Brockenchallenge. Foto: oh
 
Frank Reintjes im Waisenhaus in Südafrika. Der Braunschweiger Verein „Friends For Life“ unterstützt dieses Projekt. Foto: oh

Laufen bis fast zum Umfallen: Dr. Frank Reintjes gehört zu den 15 Mitgliedern des Vereins „Friends For Life“.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 27.10.2013.

Braunschweig. Von Springbock nach Wuppertal – gleich beim ersten Etappenlauf über 500 Kilometer quer durch Südafrika hat Frank Reintjes sein Herz verloren. An das Land, an die Menschen und ganz besonders an die Arbeit von Greer Brewer, eine Frau, die in einer entlegenen Ecke nördlich von Kapstadt ein Waisenhaus eingerichtet hat.

Frank Reintjes ist Extremsportler. Und er ist Arzt. Und beides hat miteinander zu tun. Das Ungewöhnliche an seiner Karriere ist die Motivation. Frank Reintjes zieht seine Kraft aus den Erfahrungen seiner Kindheit. Und er setzt sie in sinnvolle Aktionen um – auf verschiedenen Ebenen.
„Ich war ein dickes Kind“, erzählt der heute drahtige junge Mann. Er begann zu Laufen und Volleyball zu spielen und lernte schnell, dass er sich, seinen Körper und sein Leben durch Sport positiv beeinflussen kann. „Außerdem litt ich jahrelang unter einer chronischen Mittelohrentzündung, mehrere Operationen waren nötig. Ich weiß sehr genau, was es heißt, Ohrenschmerzen zu haben.“

Nah bei den Kindern

Auch daraus zog er seine Lehren – die Entscheidung für ein Medizinstudium fiel früh. Ein Praktikum in der Kinderonkologie stoppte ihn zunächst. „Ich bewundere Menschen, die krebskranken Kindern helfen, aber ich habe das einfach nicht ausgehalten“, sagt er im Rückblick. Der Schritt zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt war da geradezu logisch.
Heute hat Reintjes – nach vielen Jahren im Krankenhaus – mit einem Partner zusammen eine eigene Praxis, in der ihm die Kinder besonders am Herzen liegen. „Ich verstehe meinen kleinen Patienten nur zu gut, ich fühle mit ihnen, wenn Ohrenschmerzen sie quälen. Und ich kann aufgrund meiner eigenen Erfahrung Eltern davon überzeugen, dass in einem bestimmten Stadium der Krankheit gehandelt werden muss – im akuten Fall sind die vielfach gescholtenen Antibiotika ein Segen.“
Für seine Sportleidenschaft fand er auch unter den Medizinkollegen Mitstreiter, Menschen, die ein bisschen verrückt sind. „So wie ich“, sagt Reintjes, „immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.“
Extremsportler treffen sich überall auf der Welt zu ihren für Außenstehende absurden Distanzläufen, diese Menschen kennen sich, sie verbindet ein eigenes Laufband. „Allein in Braunschweig sind wir 15, die sich dem Laufen für soziale Zwecke verschrieben haben“, sagt Reintjes und schwärmt von einem „intensiven Gemeinschaftsgefühl“, wenn die Frauen und Männer aus aller Welt sich treffen zu ihren Läufen durch die Sahara, durch ewiges Eis und Schnee in Norwegen, zu einem 160-Kilometer-Mauerlauf durch Berlin oder quer durch die Atacamawüste in Chile.

Friends For Life

Davor steht knochenharte Vorbereitung. Monatelang. Dann läuft Frank Reintjes mit Gewichten im Rucksack durch Braunschweig; fragende Blicke von Passanten lassen ihn kalt. Er macht sein Ding. „Du musst es ernst nehmen“, erklärt er, „sonst klappt es nicht.“ Jeder Ausrüstungsgegenstand wird genau befragt: Brauche ich dich wirklich? Jedes Gramm zählt.
Reintjes ist Gründungsmitglied des Braunschweiger Vereins „Friends For Life“. „Alle Kosten tragen wir selbst“, sagt Reintjes, „die Spenden, die wir sammeln, gehen zu 100 Prozent an soziale Zwecke.“
Ganz vorn steht da das Waisenhaus von Greer Brewer in Südafrika. „Das erste Baby hat sie im Straßengraben gefunden“, erzählt Reintjes noch immer tief bewegt. „Eine unerhört couragierte Frau, ein unglaubliches Projekt“, ist der Extremsportler beeindruckt, „wir sammeln gern und intensiv dafür. Und jeder Cent kommt an“.
Vielleicht dient der soziale Zweck ja auch ein wenig als Deckmantel, um den Irrsinn des Extremsports überhaupt erklären zu können? „Na ja“, räumt der Mediziner ein, „nicht alle in meiner Umgebung sind immer nur begeistert von meiner Leidenschaft.“ So musste er seiner Frau versprechen, nicht mehr als einen längeren Etappenlauf im Jahr zu machen; und die achtjährige Tochter zieht lieber Ballett- als Laufschuhe an. „Das Familienleben geht vor“, versichert der Arzt. Wenn also gerade keine Tour ansteht, macht er „nur“ sein normales Training, so rund 80 Kilometer in der Woche – Minimum. In der Vorbereitungszeit wird das gern verdoppelt.
Frank Reintjes hat Fotos herausgesucht – winzig kleine Läufer in riesigen Weiten vor atemberaubenden Kulissen. Seine Augen leuchten, wenn er von sternenklaren Nächten in unberührter Natur erzählt. Aber er zeigt auch Fotos von blutenden Fersen, zerschundenen Füßen, schmerzverzerrten Gesichtern.

Kraft für den Alltag

„Daraus wächst eine Grundzuversicht“, fasst Frank Reintjes den Zauber des Extremsports zusammen. „Es gibt tiefe Täler, in denen du nicht weißt, woher du die Kraft für den nächsten Schritt nehmen sollst, aber du weißt, wenn du durchhältst, wird es besser. Du bist einfach nicht mehr so verzweifelt. Und diese Grundzuversicht gibt extrem viel Kraft auch im Alltag“.
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