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„Es liegt keine psychische Störung vor“

Im Mordprozess sagte der psychiatrische Gutachter des Angeklagten aus.

Von Marc Wichert, 14.08.2012.

Braunschweig. Der Mordprozess gegen einen 33-Jährigen vor dem Landgericht Braunschweig wurde am Mittwoch mit dem psychiatrischen Gutachten und einer Einschätzung zu den Todesumständen des Braunschweiger Opfers fortgesetzt.

Der Rechtsmediziner Dr. Lars Hagemeier hat für die Bewertung der Todesumstände der 53-jährigen Braunschweigerin, die nach dem Axt-Überfall im Februar vor zwei Monaten gestorben ist, die Patientenakte begutachtet und vor Gericht erläutert. Nach seiner Einschätzung liegt weder bei der Klinik in Hessisch-Oldendorf noch bei dem Wolfenbütteler Pflegeheim eine mögliche Verantwortung am Tod der Frau.
Die war vor Gericht in Betracht gezogen worden, denn: Nur einen Tag, nachdem die 53-Jährige nach zwei Monaten aus der Spezialklinik in das Pflegeheim verlegt worden war, starb die Frau. Deshalb bestanden Zweifel an der Aussage des behandelnden Arztes der Klinik, wonach die Patientin stabil gewesen sei. Die Untersuchung der Akte sollte Klarheit bringen, ob nicht möglicherweise die Patientin so krank gewesen sei, dass sie nicht hätte verlegt werden dürfen.
Krank ja, verlegungsunfähig nein, war das Fazit des Mediziners. Es bestünden keine Zweifel seitens der Rechtsmedizin, dass allein der Axtschlag unmittelbar zum Tode geführt hätte. Zwar sei das Opfer an einer Bronchitis gestorben. „Aber bei einer Trachealkanüle stellt sich nicht die Frage, ob, sondern wann es zu einer Bronchitis kommt.“ Diese Atemkanüle wurde der Patientin bereits auf der Intensivstation in Braunschweig eingesetzt, weil sie wegen der massiven Hirnschädigung infolge des Überfalls nicht mehr selbstständig atmen konnte. Insgesamt sei die Patientin in einem schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen, konstatierte der Mediziner. Permanent schlechte Entzündungswerte im Blut, ständige Bronchitis, mehrmals täglich Absaugen von Sekret, erhöhte Temperatur, eine Harnwegsinfektion, häufige Gaben von Antibiotika und eine Reanimation zählte der Sachverständige auf. Aktenvermerk: „Keine Besserung des Zustandes“, die Maßnahmen der Klinik seien ausgeschöpft gewesen.
Auch das Gutachten von Dr. Joachim Dedden, Chefarzt einer psychiatrischen Klinik, dürfte für die Urteilsfindung am Dienstag von Bedeutung sein. Zunächst schilderte er die Vorgeschichte des 33-Jährigen, wie der Angeklagte selber sie ihm erzählt habe. Der Vater ein Trinker, die Mutter der Mittelpunkt der Familie, aufgewachsen in einem dörflichen Milieu, zwölf Jahre Schule, unerfüllter Berufswunsch Polizist, Armee, erste Anzeige wegen Schlägerei und Diebstahl. Als junger Mann noch eine Anzeige wegen Alkohol am Steuer, Arbeitslosigkeit, schließlich Bekanntschaft mit einer Frau, der späteren Mutter seiner heute achtjährigen Tochter. Vor zwei Jahren Tod der Mutter, „ein Schlag für die Familie“, schildert Dr. Dedden.
Er bescheinigte dem Angeklagten eine normale Intelligenz, hohe Kränkbarkeit und Selbstunsicherheit. „Aber es liegt keine psychische Störung vor.“ Auch könne er sich nicht vorstellen, dass der 33-Jährige vor den Taten so viel Bier getrunken hat, wie er selber vor Gericht angegeben hatte. Sein Vorgehen nach den Taten spreche jedenfalls dagegen.
Der nächste Verhandlungstermin ist morgen, am Dienstag ist die Urteilsverkündung.
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