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„Es bleibt nur wenig Zeit für eine Entscheidung“

Ein Organspenderausweis hilft, den potenziellen Willen des Verstorbenen zu ermitteln – Dr. Martin Willmann im nB-Interview

Von Marion Korth, 25.04.2010

Braunschweig. In Deutschland warten etwa 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan. Viele warten vergeblich. Dr. Martin Willmann ist Oberarzt in der Neurochirurgie am Städtischen Klinikum, und er ist Transplantationsbeauftragter. Im nB-Interview sagt er, warum sich jeder mit dem Thema Organspende auseinandersetzen sollte.

? Haben Sie selbst einen Organspenderausweis?

! Ja, und auch schon relativ lange. Hier in der Neurochirurgie kommt man an diesem Thema nicht vorbei.

? Was spricht aus Ihrer Ansicht dafür, einen solchen Ausweis zu haben?

! Ein Organspenderausweis hilft, den potenziellen Willen des Verstorbenen zu ermitteln. Patienten kommen zu uns in die Neurochirurgie nach einem schweren Unfall, nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Es handelt sich um unvorhergesehene Fälle, und dann stellt sich manchmal sehr kurzfristig heraus, dass der Patient nicht zu retten ist. Nach dem Transplantationsgesetz sind wir dazu verpflichtet, die nächsten Angehörigen, meistens der Ehepartner oder die Eltern, nach einer möglichen Spendenbereitschaft zu fragen. Eine der häufigsten Antworten, die wir dann hören ist: Darüber haben wir nie gesprochen.

? Wann wird die Frage nach der Organspende gestellt?

! Erst dann, wenn der Hirntod des Patienten festgestellt ist. So lange daran irgendein Zweifel besteht, ist der Patient für uns auch nicht tot und wird alles für ihn getan. Es gibt zwar die Angst davor, aber ein Organspenderausweis gilt nicht als Freibrief, die Organe zu entnehmen, die man gerade braucht. Und wir können die Frage nach einer Organspende natürlich auch erst dann stellen, wenn wir uns sicher sind, dass die Angehörigen, die ja selbst unter Schock stehen, wirklich begriffen haben, dass der Patient tot ist. Sie dürfen auf keinen Fall das Gefühl haben, in irgendeine Entscheidung hineingepresst worden zu sein. Wir üben da auch keinerlei Druck aus, so nach dem Motto: Das war doch bestimmt ein guter Mensch, der anderen Menschen gern geholfen hätte...

? Wie reagieren die Angehörigen im Zweifelsfall?

! Im Zweifelsfall steht sicher die Unversehrtheit des Körpers an erster Stelle. Aber tendenziell bekommen wir mehr Einwilligungen als Ablehnungen. Manchmal haben wir das Gefühl, dass die Entscheidung für eine Organspende auch als Trost empfunden wird, aber wie gesagt, dass darf für uns kein Argument sein. Für uns ist wichtig, dass die Entscheidung, egal ob dafür oder dagegen, frei getroffen wird, damit sie auch später noch tragfähig ist und sich niemand Vorwürfe macht.

? Wie viel Zeit bleibt denn, eine solche Entscheidung zu treffen?

! Nicht viel Zeit. In manchen Fällen nur ein paar Stunden, maximal ein bis zwei Tage.

? Können Sie verstehen, wenn Menschen, die sich mit dem Thema Organspende auseinandersetzen, Vorbehalte haben?

! Ja, das kann ich verstehen. Aber wir können versuchen, diese Vorbehalte auszuräumen. Für Angehörige ist es sehr schwer zu begreifen, dass ein Mensch, der hirntot ist, wirklich tot ist. Dieser Mensch ist warm, sein Herz schlägt – das passt nicht zu unserem Bild von einem Toten. Das ist selbst für uns Ärzte emotional manchmal schwer zu verstehen. Und dann ist da noch die Unsicherheit, den weiteren Prozess nicht verfolgen zu können, nicht zu wissen, was dann passiert.

? Gelten denn für die Organspende irgendwelche Altersgrenzen?

! Nein, es gibt keine Beschränkungen. Grundsätzlich kommt jeder, wenn er ansonsten gesund war, in Frage. Ausgeschlossen sind aber beispielsweise Menschen, die kurz vorher eine Krebserkrankung hatten oder HIV-positiv sind.

? Kann denn der Hirntod zweifelsfrei festgestellt werden oder könnte der Patient vielleicht auch im Koma liegen?

! Die Diagnostik bezüglich des Hirntods ist die sicherste, die es gibt. Es sind immer zwei Ärzte beteiligt, um das festzustellen. Ein wichtiges Indiz ist zum Beispiel, ob die Atmung noch selbsttätig funktioniert. Auch das kontrollieren wir unter anderem. Die Unterschiede zu einem Komapatienten sind sehr deutlich.


? Wie groß sind denn die Erfolgsaussichten, dass eine Organspende wirklich Leben rettet, beziehungsweise ein Leben wieder lebenswert macht?

! Die Erfolgsaussichten, dass das neue Organ angenommen wird, sind gut und liegen bei mehr als 80 Prozent. In 70 bis 80 Prozent der Fälle funktioniert das Organ auch noch nach vielen Jahren gut. Es handelt sich um eine etablierte Therapie.

? Es gibt immer wieder Horrormeldungen, dass die Notlage von Menschen in der Dritten Welt ausgenutzt wird, um ihnen beispielsweise eine Niere abzukaufen. Wie sehen die Zahlen aus?

! In Deutschland stehen zirka 12 000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ. Es gibt feste Kriterien, wer auf diese Warteliste kommt. Das ist auf jeden Fall unabhängig von Geld oder Versicherungsstatus, da gibt es kein Gemauschel. Jeden Tag sterben drei Menschen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan gefunden werden konnte. Das Städtische Klinikum ist selbst kein Transplantationszentrum, aber von uns kamen 13 Organspenden, mit dieser Zahl stehen wir bundesweit gleichauf mit Großkliniken wie in Hannover oder Hamburg.

? 13 Organspender, so wenig?

! Natürlich sterben viel mehr Menschen, aber meistens hört das Herz auf zu schlagen, bricht der Kreislauf zusammen. Dann scheidet eine Organspende aus.

? Wenn es um die Aufklärung geht, was ist Ihnen wichtig?

! Das Entscheidende ist, über das Thema Organspende zu sprechen. Wir bringen dieses Thema auch in die Schulen, damit sich schon junge Menschen im Ethik- oder Religionsunterricht damit auseinandersetzen. Es geht dabei nicht um Werbung für die Organspende. Wie gesagt, mir ist wichtig, dass darüber überhaupt gesprochen wird.

Hintergrund
Im Mai erscheinen die neuen Serviceseiten Gesundheit. Herausgeber ist die Agentur Media World, Medienpartner erneut die nB. Seriöse Information, auf sachliche Richtigkeit von einem Fachbeirat überprüft, steht in den Serviceseiten an erster Stelle. Im aktuellen Heft, das demnächst in unserer City-Geschäftsstelle sowie im Pressehaus erhältlich sein wird, äußert sich Dr. Martin Willmann, Oberarzt in der Neurochirurgischen Klinik und nebenamtlich Transplantationsbeauftragter des Städtischen Klinikums, ebenfalls zum Thema Organspende. Auch wird dem Heft ein Organspenderausweis zum Ausfüllen beiliegen. Das haben wir zum Anlass genommen, um mit ihm über wichtige Fragen zu sprechen. m
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