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Eltern „denken“ ihre Stadt

Haben sich ihre Stadt „gedacht“ und sich dabei speziell das Thema Bildung vorgenommen (v.l.): Dr. Farahnaz Javanmardi, Camilla Al-Mousllie, Samira Ciyow und Doris Bonkowski. Foto: T.A.

Sprache und Bildung als Schlüssel zur Integration – Viele Ideen fürs gemeinsame Lernen.

Von Marion Korth, 13. Februar 2015.

Braunschweig. „Mein Sohn hat im Iran Abitur gemacht, aber das wurde hier in Deutschland nicht anerkannt, er musste zurück in die zehnte Klasse.“ Zahra Ranji erzählt, dass ihr Sohn die Schule kurz vor seinem (zweiten) Abitur am liebsten abgebrochen hätte: „Er hatte keine Lust mehr.“ Bildung ist der Schlüssel zur Integration, die Forderung nach der Anerkennung schulischer Abschlüsse nur eine von vielen Ideen und Anstößen, die Mitglieder des „Elternnetzwerkes interkulturell“ entwickelt und formuliert haben. Anstoß für den Ideenworkshop gab aktuell das Beteiligungsprojekt „Denk Deine Stadt“.

Was soll sich in Braunschweig verändern, was ist gut, was soll bleiben? Beim Beteiligungsprojekt „Denk Deine Stadt“ sind alle Menschen gefragt, wirklich alle. Deshalb gab es die Umfrage-Postkarten in vielen Sprachen, zum Beispiel in Chinesisch, Türkisch, Polnisch oder Russisch. Zumindest die Eingangsfrage war in verschiedenen Landessprachen formuliert worden, auf der Rückseite ging es deutsch weiter. Nicht nur, weil das Wort Zukunftswerkstatt schwerlich zu übersetzen ist.
Die Geste kam an. „Wenn ich etwas in meiner Landessprache geschrieben sehe, fühle ich mich sofort angesprochen, egal worum es geht“, sagt Dr. Farahnaz Javanmardi, die sich auch vorher schon im Elternnetzwerk engagierte. In die Freude der Eltern, gehört zu werden, hätte sich zum Teil auch Staunen gemischt: „Meinen die das wirklich ernst?“, war eine häufig gehörte Frage. „Das ist das Prinzip, alle sollten sich eingeladen fühlen“, sagt Doris Bonkowski, Leiterin des städtischen Büros für Migrationsfragen, wo auch die Koordinierungsstelle des Elternnetzwerkes angebunden ist.
Menschen mit Migrationshintergrund sind keine Minderheit. Rund 150 Nationen sind in Braunschweig vertreten. Bei den Kindern im Alter bis zu sechs Jahren haben aktuell fast 43 Prozent eine andere Staatsbürgerschaft als die deutsche oder aber Vater und/oder Mutter stammen aus einem anderen Herkunftsland. Bildung ist das zentrale Thema, das die Eltern bei allen Unterschieden verbindet und speziell aus der Sicht von Migranten besondere Fragen und Probleme aufwirft. Zum Beispiel die nach einer von Fachkräften begleiteten Schulaufgabenhilfe, nach Sprachlernklassen auch an Gymnasien, um Kindern mit guter Schulbildung einen schnellen Übergang ins Schulsystem zu ermöglichen, nach dem flächendeckenden Angebot von Sprachförderung, nach der Anerkennung der Mutter- als Fremdsprache. So wie in Schweden, wo beispielsweise Persisch als Fremdsprache anerkannt sei und mit Note Erwähnung im Zeugnis finde. Ein wichtiges Signal für die Kinder, die das Lernen „ihrer“ Sprache dann nicht nur als Freizeitbeschäftigung ansehen und ernster nehmen würden und für die Eltern, die Herkunftssprache in der Familie zu pflegen. Für Camilla Al-Mousllie ein wichtiges Anliegen. „Herkunftssprachlicher Unterricht wird bislang nur bis zur Grundschule angeboten“, bedauert sie. Aber auch ganz Grundsätzliches ist nicht selbstverständlich. Familien, die erst wenige Monate in Deutschland sind, kennen den Unterschied zwischen Real- und Hauptschule oder gar Integrierter Gesamtschule nicht. Ihnen würden die richtigen Ansprechpartner und Zugangsmöglichkeiten fehlen.
An der kaum noch zu bewältigenden Nachfrage nach Integrationsangeboten liest Doris Bonkowski ab, „dass sich etwas dreht“. Bei den Menschen sei angekommen, dass die Gesellschaft vielsprachig und interkulturell sei. Die Mitglieder im Elternnetzwerk wünschen sich, dass sich eine weitere Öffnung vollzieht – Kinder mit Migrationshintergrund ihre Stärken zum Beispiel als Dolmetscher ausspielen dürfen, zu Zeitzeugen werden, wenn im Politikunterricht die Gründe für Flucht und Vertreibung beleuchtet werden, Lehrer sich für ihre Eigenheiten interessieren, denn: „Integration ist immer wechselseitig“, sagt Samira Ciyow von der Koordinierungsstelle.
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