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Eiseskälte und ein Funke Hoffnung

Den Zeitungswagen mit den blauen Packtaschen für die nB lässt Michael Bergmann (Name geändert) nicht aus den Augen. Hunde müssen draußen bleiben, seinen Wagen aber darf er in den Tagestreff Iglu mitnehmen. Foto: Korth

Für Zeitungszusteller Michael Bergmann ist der Tagestreff Iglu Zuflucht und Anker.

Von Marion Korth, 23.01.2016.

Braunschweig. Es hat wieder angefangen zu schneien. Michael Bergmann, so wollen wir ihn nennen, schaut auf die dicken Flocken vor dem Fenster. „Bei dem Wetter werde ich eine Stunde länger brauchen“, sagt er dann. Bergmann ist Zeitungszusteller, und er ist obdachlos.

Draußen Eis und Schnee, aber hier drinnen ist es warm. „Iglu“ heißt der Tagestreff in der Wilhelmstraße. Wie passend. Michael Bergmann kommt jeden Tag. Er ist dankbar für das Essen dort und die Unterstützung, die er bekommt. Erst im Mai war er nach Braunschweig gezogen, der Liebe wegen. Er kennt hier keinen Menschen, und die Liebe hat auch nicht gehalten. Immer Streit, Ende November hat die Frau ihn hinausgeworfen. Jetzt läuft die Trennung. Bergmann hat sein Zuhause und den Boden unter den Füßen verloren.

Minus neun Grad

„Minus neun Grad hatten wir am Montag“, sagt Sozialpädagogin Barbara Horn. Wegen der eisigen Temperaturen suchen mehr Menschen als die sonst üblichen 50 den Tagestreff auf. Am Montag waren es gleich vier, die sofort ein Dach über dem Kopf brauchen, weil es draußen nicht mehr auszuhalten ist oder sie nicht länger bleiben können, wo sie aufgenommen worden sind. Darunter eine Frau, die seit Wochen in ihrem Auto schläft. Oder Michael Bergmann, dem die Tage davonlaufen. Zuletzt war er bei einer Familie untergekommen. Keine Dauerlösung, bis Sonntag darf er noch bleiben, dann weiß er nicht wohin. Wieder auf die Straße? Bergmann kennt so ein paar Stellen. „Wo ein bisschen Schutz ist – unter einer Brücke“, sagt er. In einer Tiefgarage hatte er auch schon den Schlafsack ausgerollt. Irgendwohin, nur nicht zurück in die Unterkunft an der Horst. Gewalt, Drogen, Alkohol, zu fünft auf einem Zimmer, kein Tag ohne Polizeieinsatz, erzählt er. Ausgeraubt worden sei er. Der Rucksack, sein Portemonnaie, der Personalausweis – alles weg. Auch sein Hörgerät, das mit im Rucksack steckte. „Wir kümmern uns jetzt um Ersatz“, sagt Barbara Horn. Eine Meldeadresse, Ersatzpapiere, der Antrag ans Jobcenter. All das bringen sie im Tagestreff auf den Weg.

Bergmann ist misstrauisch geworden. „Es wird geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist.“ Den Zeitungswagen mit den blauen Taschen für die nB lässt er deshalb nicht aus den Augen. Im Tagestreff steht der neben einem Kinderwagen an der Wand. Alle hier wissen, zu wem er gehört.

Zimmer gesucht

Heute ist Mittwoch, nB-Tag. Normalerweise wäre Bergmann jetzt schon in seinem Zustellrevier unterwegs – Gabelsberger Straße, Kreuzstraße. Zeitungen zu verteilen, bringt ihm derzeit seinen einzigen Verdienst, bis hoffentlich demnächst das Jobcenter zahlt. Ein Anfang. Der gelernte Montageschlosser hat sich mit allen möglichen Beschäftigungen über Wasser gehalten. Auch Friedhofsgärtner war er mal. „Es gibt eigentlich keine Tätigkeit, die ich nicht gemacht habe“, meint er. Seit drei Monaten trägt Bergmann nun die Zeitung aus, wünscht sich, dass es mit einem Festvertrag als Zusteller klappt. Dazu die täglichen Gänge ins Iglu. Nein, es ist nicht alles schlecht. Bergmann ist zuversichtlich. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagt er. Aber eine Bleibe, die braucht er ganz dringend. „Wenigstens für ein oder zwei Monate“, sagt Barbara Horn. Ein Zimmer und neue Hoffnung für Michael Bergmann. Um alles andere kümmert sie sich dann schon. Vielleicht meldet sich ja jemand …

Info

Eine warme Dusche, die Möglichkeit, Kleider zu waschen und zu trocknen, Essen, ein bisschen Ruhe, Gespräche und Zuspruch – all das und viel mehr gibt es im Tagestreff Iglu, einer Einrichtung der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten. Die Mitarbeiter bringen Anträge und Briefe auf den Weg, begleiten zu Behörden, hören zu und helfen, wo sie können. Mit den Stadtteilläden wird Hand in Hand gearbeitet, dort werden weiterführende Hilfen und Beratung organisiert.

„Aber zaubern können wir nicht“, sagt Viola Weihe, die ihr Berufspraktikum im Tagestreff absolviert. Wenn es um eine richtige Wohnung geht, wird es schwierig. Zuletzt wurde ein Wohnungsloser in einer Pension untergebracht. Viele meiden die Notunterkünfte der Stadt.

Sachspenden – eine Frau hat gerade eine dicke Daunenjacke vorbeigebracht – sind willkommen. Winterschlafsäcke, Isomatten, Zelte werden immer gebraucht. Geld für Winterstiefel, Passfotos oder Thermounterwäsche ebenfalls. Das Team freut sich deshalb über Spenden auf das Konto der Stiftung Wohnen und Beraten (IBAN: DE88269513110161176128; BIC: NOLADE21GFW; Verwendungszweck Tagestreff IGLU Nothilfen).

Wer über die kalte Winterzeit (oder länger) eine Unterkunft zur Verfügung stellen kann, wird gebeten, unter der Nummer 12 16 78 32 Kontakt mit dem Tagestreff aufzunehmen.
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