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Einsamkeit und Heimweh auf dem Weg ins Paradies

Metin Aslan mit seiner Frau Ayfer und dem jüngsten Sohn Behcet. Foto: Obi-Preuß
 
Das erste Passfoto in Deutschland: Metin Aslan mit 15 Jahren. Fotos: privat

Metin Aslan ist mit 15 Jahren seinem Vater nach Deutschland gefolgt – Morgen feiert der „Braunschweiger Türke“ auf dem ATP seinen Erfolg.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 08.07.2017.

Braunschweig. „Ich gehe für euch“ hat der Vater damals unter Tränen gesagt. Eine Szene, an die sich Metin Aslan erinnert, als wäre es gestern gewesen. Dabei ist es lange her, Ende der 60er, in seinem Heimatdorf Tunceli in Anatolien, oben auf den Bergen.

Tunceli gibt es nicht mehr. Nach politischen Unruhen wurde das ganze Dorf in die Nähe von Izmir umgesiedelt. Und auch sonst ist das Leben, das Metin Aslan heute führt, so weit entfernt vom Leben seiner Kindheit, wie die Sonne vom Mond.
Er besitzt zwei Restaurants in Braunschweig und Hannover, ist Mitinhaber des Großhandels Aslan Import, und – er ist Braunschweigs „In-Türke“. Morgen feiert er mit seinem Restaurant Tandure auf dem ATP-Turnier das 30-jährige Bestehen. Freunde, Bekannte, Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Medien werden sich die sprichwörtliche Klinke in die Hand geben. Metin Aslan ist 60 Jahre alt. Ein gemachter Mann. Und – er ist angekommen.

Hunger und Kälte

Zwei Jahre nach seinem Vater folgte der 15-jährige Metin ihm. „Deutschland ist das Paradies, das sage ich meinen Kindern immer wieder“, betont Metin, „ihr müsst das wertschätzen.“ Zu gut weiß er noch wie sich Hunger und Kälte anfühlen, „wir haben zu Hause in Anatolien mit acht Menschen in zwei Zimmern gelebt, keine Heizung, kein Ofen, und im Winter 20 Grad Minus“, erzählt er; und die Stimme wird brüchig. Im „Paradies“ angekommen, galt es für den Jugendlichen Anfang der 70er Jahre erst mal durchzuhalten. Arbeit in einer Pension, „zwölf Stunden, fast ohne Pause“, den kargen Lohn sind die unfreundlichen Wirtsleute am Ende schuldig geblieben. Dann in die Fabrik zu WMF. Glasbläser hat Metin gelernt. „Wir haben in den Holzbaracken gelebt, die noch von den Häftlingen aus dem Krieg dort standen“, blickt er zurück. „Aber immerhin, wir waren dort rund 60 junge Türken, ich war nicht mehr so allein.“

Heimweh, Einsamkeit, Sehnsucht – starke Gefühle, die sein Leben durchziehen. Auch das seiner Frau Ayfer. Wenn die beiden von „früher“ und von „zu Hause“ erzählen, kämpfen sie mit den Tränen. Bei einem der anfangs seltenen Besuche in der Heimat hatte Metin seine Ayfer gesehen. Und sich direkt verguckt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt er und schaut stolz auf seine schöne Frau. Nach der Heirat sollte es noch Jahre dauern, bis die Familie zusammen in Deutschland wohnen konnte. Metin ackerte im Stahlhandel, als Lkw-Fahrer, im Lager, als Lackierer, schließlich bei MAN in Salzgitter. „Ich wollte Geld verdienen, um meine Familie nachholen zu können“, erzählt er.

1980 endlich hatte er es geschafft, die Aslans bezogen gemeinsam eine Wohnung in Braunschweig in der Weinbergstraße. Metin war schon relativ gut integriert. „Ich hatte schnell die Sprache gelernt, außerdem war ich begeisterter Boxer.“ In den Jahren 1974 und 1978 erkämpfte er sich den Niedersachsen-Meister-Titel. „Ohne den Sport wäre ich sicher nicht so gut angekommen.“

Immer im Dienst


Sohn Ulas war damals schon geboren, er arbeitet heute als Kaufmann, 1981 kam der Zweite, Behcet, 1993 die Zwillinge, Zara und Lara, „meine Mädchen“, sagt Metin und lächelt stolz. Beide sind im Studium. Behcet ist geblieben. Er hat Koch gelernt, er folgt den Fußstapfen der Eltern. „Das war Papa zunächst gar nicht recht“, erzählt Behcet, der in absehbarer Zeit das Tandure übernehmen wird. Der Vater wollte „etwas Besseres“ für die Kinder.

„Meine Frau und ich haben 1986 unser erstes Restaurant eröffnet“, sagt Metin, „das Ararat in Salzgitter. Und seitdem arbeiten wir fast rund um die Uhr.“ Ayfer übernahm die Küche, „wir hatten 54 verschiedene Gerichte auf der Karte, allein 14 davon mit Auberginen“, erzählt sie stolz von ihren Kochkünsten, die sie von Mama und Oma gelernt hat.

Bis heute sind Metin und Ayfer fast immer „im Dienst“. Erst allmählich gönnen sie sich etwas mehr Ruhe, überlassen dem Sohn das Tagesgeschäft. „Aber so wie viele Gäste da sind, helfe ich wieder in der Küche“, lacht Ayfer. Und im Tandure sind meistens „viele Gäste.“

Ihren Ruhestand – wann immer das sein wird, wollen Ayfer und Metin in ihren beiden Heimatländern verleben, sie sind angekommen in Deutschland, aber das Herz schlägt türkisch. Wie gelingt das Ankommen? Hat Metin Tipps für junge Ausländer, die jetzt neu in Deutschland starten? „Du musst dich einlassen“, sagt Metin, „du musst Deutsch lernen und du musst den deutschen Takt leben. Das hier ist ein Industrieland, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit – die deutsche Arbeitsmoral ist wichtig, die musst du lernen und beherzigen.“
Dazu kommen für die Aslans Tugenden wie Familienzusammenhalt und Toleranz. Der älteste Sohn Ulas lebt mit einer Italienerin zusammen, Behcet ist mit einer Deutschen verheiratet. „Die Liebe zu deinen Kindern ist wichtig“, sagt Metin, „ich habe nie Druck gemacht.“

Ein Konzept, das zumindest bei den Aslans aufgegangen zu sein scheint. Eine offensichtlich glückliche Familie, die in verschiedenen Ländern und Sprachen ihre Wurzeln hat, verbunden durch tiefe Zuneigung und Respekt. Herzlichen Glückwunsch.
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