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Eine Regentonne voller Tränen

Ulrike und Michael Borowski können sich keinen schöneren Ort zum Wohnen für sich und ihre kleine Tochter vorstellen. Ein Haus mit Garten woanders im Stadtgebiet ist für sie unerschwinglich. Fotos: Thomas Ammerpohl
 
Reinhard Huwe (BUND) hat in zwei Stunden 27 Brutvogelarten auf acht Hektar Fläche im Holzmoor gezählt. „Diese Fülle hat mich überrascht“, sagt er, stutzt und greift zum Fernglas: „Da drüben ist ein Grauschnäpper, den habe ich noch gar nicht auf meiner Liste.“ Huwes Erklärung für die Vielfalt: Jeder Garten ist anders gestaltet, dazu kommen als Besonderheit die vielen großen Bäume.
 
CDU und Grüne haben für die Aufstellung eines Bebauungsplans gestimmt. Bibs, Linke und SPD sehen das Projekt kritisch.

Abgesang auf eine ehemals heile Welt: Die wachsende Stadt macht vor dem Holzmoor nicht Halt.

Von Marion Korth, 30. Mai 2015.

Braunschweig. Die heile Welt hat aufgehört, eine zu sein. Zeichen der Auflösung, wohin man schaut: Baggerspuren, wo die Laube stand; ein Baumstumpf in der Wiese, dieser Kirschbaum wird nicht mehr blühen. Ein Garten nach dem anderen wird aufgegeben. Und die, die bleiben, stehen auf der Bremse: „Wir machen alle nichts mehr, wir wissen nicht wofür und wie lange das noch geht“, sagt Anwohnerin Petra Muglia. Im Holzmoor währt die Zukunft nur noch ein paar Monate, 2016 möchte die ECB Beteiligungen GmbH & Co KG, ein Unternehmen der Borek-Gruppe, das Bauprojekt beginnen. Die Stadt braucht neue Wohnungen.

Das Holzmoor – planerisches Niemandsland. Auf dem einstigen Grabeland hätten niemals feste Häuser entstehen dürfen, manche wohnen – bis zum Grundstücksverkauf mit Duldung der Stadt – seit Jahrzehnten hier, für manche Häuser gibt es Bauunterlagen, für manche nicht. Die Stimmung ist gedrückt und auch ein bisschen trotzig. „Wir werden uns wehren, bis zuletzt.“ Ein anderer Satz stimmt nachdenklich. „Eine Regentonne wäre mit unseren Tränen schon voll“, sagt Diana Muglia.
Kristine Schmieding, die für die Grünen im Stadtbezirksrat Wabe-Schunter-Beberbach sitzt und die Anwohner unterstützt, hat eingeladen. Eine Mischung zwischen Bürgerprotestmarsch und vogelkundlicher Wanderung wird es werden, zwei Stunden durch die Gärten Im Holzmoor.
Es wohnt sich gut hier. „Lebensqualität pur“, schwärmt eine Anwohnerin. Zwischen Karl-Hintze-Weg und Bevenroder Straße ist ein Schutzgebiet entstanden – für Mensch und Tier. Wohnen im Grünen zu erschwinglichen Preisen. Alle kennen sich, man schaut nacheinander, hilft sich bei Besorgungen. Gelebte Nachbarschaft, alle freuen sich über die „wahnsinnige Entwicklung“, die die kleine Kim gemacht hat. Ihre Eltern sind verzweifelt. „Sie wollen uns in eine Wohnung stopfen. Das macht einen fertig, wir wissen nicht, wo es hingeht“, sagt Michael Borowski. Die Borowskis wohnen seit acht Jahren in einem Haus zur Miete, in dem sie gar nicht wohnen dürften.
Viele haben investiert, Siegfried Markgraf hat ein wirkliches Traumhaus geschaffen. „Ich würde das Grundstück gern kaufen“, sagt er. Eine Gartenbesitzerin (Name der Redaktion bekannt) hat vor einem Jahr Strom legen lassen und eine neue Küche angeschafft. Jetzt hat sie die Kündigung für ihren geliebten Sommerwohnsitz erhalten. „Ich habe den Aufhebungsvertrag nicht unterschrieben, ich sitze das aus.“ Auch auf die Gefahr hin, dass die in Aussicht gestellte Kostenübernahme für den Abriss der Lauben dann verloren sein könnte. Viele hätten das als Androhung verstanden. Eine weitere Anwohnerin kommt hinzu: „Wir fühlen uns unter Druck gesetzt.“ Die Ungewissheit zehrt an den Nerven, die Schweigeklauseln in den Verträgen verunsichern.
Eine ältere Frau steht am Gartenzaun, 77 Jahre ist sie alt, hinter ihr das kleine Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Über das, was um sie herum passiert, will sie nicht sprechen. Sie hat sich mit der ECB Beteiligungen GmbH & Co KG geeinigt. Wenn es so weit ist, wird sie in eine der neu gebauten Wohnungen ziehen.
„Juristisch gesehen müsste die ECB gar nichts tun, aber es gibt eine moralische Verpflichtung“, sagt Tatjana Jenzen. Sie und Kristine Schmieding hoffen, dass sich doch noch eine „Insellösung“ findet. Die Häuser in der 80 Meter breiten Freiluftschneise stünden einer neuen Bebauung nicht im Weg, sagt Jenzen. Auf Antrag der Bibs soll der Rat am Dienstag die „sofortige Einstellung der Abbrucharbeiten im Holzmoor-Nord“ beschließen. „Warum sollen die Leute weichen, wenn doch noch gar nicht gebaut wird“, sagt Tatjana Jenzen. Gartengestalter Manfred Vogelsang fährt im Firmenwagen an der Gruppe vorbei. Er hat hier auch einen Garten. Aber mit dem Gesang der Vögel ist es bald vorbei, dann kommen die Baufahrzeuge.

Wir baten auch die ECB sowie die Stadt um Stellungnahmen.


DIE ECB

Geschäftsführer Bernd Assert zum Stand der Planungen: Wir planen Wohnraum für unterschiedliche Zielgruppen und Einkommensniveaus. Vorgesehen sind etwa 500 Wohneinheiten (80 Prozent Mietwohnungen, 20 Prozent Eigenheime). Baubeginn soll 2016 sein.
Zu den Aufhebungsverträgen: Wir haben schon sehr früh den Stadtbezirksrat und die Anwohner offen über unser Bauvorhaben und die rechtliche Situation im Holzmoor informiert. Uns war von Anfang an an einer größtmöglichen Transparenz und einem persönlichen Kontakt gelegen. Die Aufhebungsverträge müssen unterschiedlich sein, weil die Häuser und Lauben unterschiedliche Werte haben. Gerade weil wir nicht wollen, dass es zu Unmut unter den Anwohnern kommt, halten wir es für sinnvoll, wenn die Vertragsinhalte unter den Vertragspartnern bleiben.
Zu Einzelfalllösungen: Unser Ziel ist es grundsätzlich, für alle betroffenen Personen oder Familien sozialverträgliche und einvernehmliche Lösungen zu finden. Deshalb ziehen wir den Bau eines Mehrfamilienhauses vor, um sofort Wohnraum für den Kreis zur Verfügung zu haben, der im Holzmoor bleiben möchte. Darüber stimmen wir uns gegenwärtig mit der Stadt ab. Eine „Insellösung“ ist bei einem so komplexen Bauvorhaben städtebaulich keine sinnvolle Alternative.

DIE STADT

„Einvernehmliche und sozialverträgliche Lösungen“: Die Stadtverwaltung legt unverändert Wert auf eine einvernehmliche und sozialverträgliche Lösung. Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer hat deshalb eine an ihn gerichtete E-Mail von Familie Borowski zum Anlass genommen, umgehend persönlich mit dem Investor Kontakt aufzunehmen. Dabei wurde ihm versichert, dass die ECB weiter mit Hochdruck nach einer angemessenen und die besonderen familiären Verhältnisse berücksichtigenden Wohnung sucht. Der Stadtbaurat bleibt weiterhin in dieser Sache mit dem Investor im Gespräch.
Baubeginn: nicht vor Ende nächsten Jahres.
„Insellösung“: Der Rat hat einen Aufstellungsbeschluss gefasst. Das heißt, die Verwaltung erarbeitet jetzt in Abstimmung mit dem Investor einen Rahmenplan. Derzeit können noch keine Details zur Planung mitgeteilt werden, da die Abstimmung noch läuft. Die Planung ist dann den Gremien vorzulegen, um Planungsrecht schaffen zu können. Allerdings ist die geschilderte „Insellösung“ an dieser Stelle aus städtebaulicher Sicht nicht sinnvoll.
Abbrucharbeiten: Es wird in Kürze einen gemeinsamen Ortstermin zur Klärung diverser Detailfragen mit dem Investor geben. Der Investor hat zugesagt, bis dahin keine weiteren Abbrucharbeiten durchzuführen.
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