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Eine Familie auf Talfahrt

Monika Slotta umrundet von bürokratischen Formularen. Die alleinerziehende Mutter eines krebskranken Kindes ist am Ende ihrer Weisheit – und ihrer Kraft. Foto: Thomas Ammerpohl

Krebskrankes Kind wird zum Behördenproblem.

Von Birgit Leute
Braunschweig, 08.07.2015. Für ihre Lage gibt es offenbar kein passendes Formular. Seit Monaten wird Monika Slotta von einer Behörde zur anderen geschickt und ist am Ende ihrer Weisheit. Und ihrer Kraft.

Begonnen hatte alles im Februar dieses Jahres. Da erhielt die alleinerziehende Mutter die Hiobsbotschaft: Ihr 22-jähriger Sohn ist an Krebs erkrankt. Stadium drei, sagten die Ärzte – also fortgeschritten. Für die Altenpflegerin, die seit dem Tode ihres Mannes vor 17 Jahren ihre drei Kinder alleine großzieht, ein schwerer Schlag. Denn ihr Sohn ist nicht nur krank. Er ist auch seit seiner Geburt behindert – und damit begann der Hürdenlauf für die Familie.
„Marcel arbeitete bis zu seiner Erkrankung bei der Lebenshilfe und zwar im sogenannten ’Berufsbildungsbereich‘. Zwei Jahre lang wurde er finanziell von der Agentur für Arbeit unterstützt. Anfang April hätte er in den unbefristeten Arbeitsbereich wechseln sollen“, erzählt Monika Slotta. Doch: Mit der Krebserkrankung Marcels änderte sich für die Behörden plötzlich alles.

Die Lebenshilfe sah keine Möglichkeit mehr, Marcel weiter zu beschäftigen. „Mein Sohn müsse leider ’ausgegliedert’ werden“, zitiert die Mutter ein entsprechendes Schreiben. Im Klartext: Marcel musste gehen, kam nicht in den unbefristeten Arbeitsbereich und war damit arbeitslos.
„Die Lebenshilfe schrieb mir als Begründung, dass sie kranke Menschen nicht beschäftigen dürfe. Mein Sohn könne wiederkommen, wenn er gesund sei. Doch nach jetzigem Stand ist das eher unwahrscheinlich“, sagt die Mutter. Ihre Stimme klinkt eisern beherrscht, fast tonlos. Und doch: Die Bitterkeit ist deutlich zu spüren.

Finanziell droht die Familie jetzt langsam aber sicher abzurutschen. Marcel bekommt keinerlei Unterstützung mehr; Monika Slotta muss mit einer Zwei-Drittel-Stelle für den Unterhalt, der Familie sprich Miete, Essen, Kleidung, alleine sorgen. „Ich habe noch einmal Kindergeld für Marcel beantragt, doch noch keine Reaktion bekommen. Mein Antrag auf Grundsicherung wurde von der städtischen Behörde abgelehnt. Nicht sie, sondern die Agentur für Arbeit sei für Marcel zuständig“, erzählt Slotta von ihrem Besuch in der Naumburgstraße.

Allerdings – auch die Arbeitsagentur zuckte nur mit den Schultern. Zwei mehrseitige Formulare liegen auf dem Esstisch der Familie. Darin fordert die Agentur Mutter und Sohn auf, sich aktiv um eine Arbeit zu kümmern. „Eingliederungsvereinbarung“ heißt das im Behördendeutsch. Finanzielle Unterstützung gibt es nur, wenn man sich an diese Vereinbarung hält. „Das ist doch absurd“, sagt Slotta fassungslos. „Ich habe doch eine Arbeit als Altenpflegerin. Jetzt soll ich mir also zusätzlich noch eine Stelle suchen, damit ich Vollzeit arbeite, was mit einem behinderten Kind gar nicht möglich ist. Und Marcel ist todkrank. Bei der Lebenshilfe wurde er deshalb ausgegliedert; jetzt soll er sich vonseiten der Agentur für Arbeit um eine Stelle kümmern – was stimmt denn jetzt?“

Die Ersparnisse der Familie sind längst aufgebraucht, die Luft wird immer dünner. Trotz ihrer eisernen Selbstbeherrschung – am Ende kämpft Monika Slotta doch mit den Tränen. „Seit Monaten werden wir nur herumgeschoben. Niemand will unseren Fall auf dem Schreibtisch haben, und es gibt keinen, der uns mal einen Rat gibt“, sagt sie. „Ich fühle mich, als ob ich nichts wert sei.“
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3 Kommentare
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Hans-Jürgen Hain aus Braunschweig - Innenstadt | 07.07.2015 | 22:28  
6
Brigitte Rapp aus Braunschweig - Innenstadt | 08.07.2015 | 07:38  
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