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Ein warmes Pferdeohr für alle Sorgen

Shettie Susi sorgt für ein Lächeln auf den Gesichtern (v.l.): Friederike Bewig, Victoria, Sonja und Tristan Gattung. Fotos: T.A.

Seit mehr als einem Jahr gibt es in Querum ein Reit-Projekt für Geschwister schwer kranker Kinder – Positive Erfahrungen.

Von Birgit Leute, 16.08.2016.

Braunschweig. Tief gräbt Victoria ihre Finger in die blonde Mähne, die dick und störrisch links und rechts des Pferdehalses fällt. Seit einem Jahr steigt die Sechsjährige regelmäßig in den Sattel. Shetti Susi ist längst zur besten Freundin geworden und hilft, gelassener durch den Alltag zu kommen. Durch einen Alltag, bei dem Victoria zwangsläufig manchmal die zweite Geige spielt, denn ihr Bruder ist schwer krank.

Im Januar 2015 wurde auf dem Hof des Reit- und Therapiezentrum Bewig in Querum ein neues Projekt gestartet: Wo bislang nur kranke oder behinderte Kinder durch eine Reittherapie gefördert wurden, können inzwischen auch deren Geschwister auf dem Pferderücken eine Auszeit nehmen. Rund 100 Sechs- bis Zwölfjährige aus der ganzen Region haben bislang von diesem „Geschwisterkinderstützpunkt“ profitiert. Die Initiatoren sind zufrieden mit dem Erfolg.

„Jede Familie, die zwei oder mehr Kinder hat, kennt die Herausforderung, alle unter einen Hut zubringen“, sagt Rebecca Kampschulte vom Netzwerk für Versorgung schwer kranker Kinder und Jugendlicher, Träger des Projekts. Für Eltern mit einem gesunden und einem kranken Kind seien die Probleme ungleich größer: „Oft gilt die ganze Aufmerksamkeit dem Sorgenfall; das gesunde Kind muss dann zurückstecken und fühlt sich schnell übergangen“, weiß Kampschulte.
Auch Victoria und ihre Familie kennen diesen Spagat. Als Sohn Tristan zwei Jahre alt war, bemerkte Sonja Gattung, dass seine Entwicklung langsamer verlief als bei anderen Kindern. Die Ärzte diagnostizierten eine Chromosomenanomalie, seither kreist jeder Gedanke um Therapie- und Heilungsmöglichkeiten, Victoria läuft zwangläufig „irgendwie so mit“.
„Es ist zwei Jahre her, dass ich mit der Reittherapie für Tristan angefangen habe. Sie hilft ihm, aber kostet auch Zeit. Victoria dann noch regelmäßig zu anderen Hobbys zu begleiten – das hätte mich irgendwann zerrissen“, sagt Sonja Gattung hilflos. Umso glücklicher ist sie über das Projekt, mit dem nun auch die gesunden Kinder einbezogen werden.

Einmal in der Woche gibt es kostenlos Reitunterricht, darüber hinaus werden Ganztags-Reitertage auf dem Hof in Querum veranstaltet. Nicht nur Gleichgewicht und Fitness werden trainiert, auch die kleine Seele soll profitieren. „Zum Teil ist es das erste Mal, dass die Geschwister Kinder in einer ähnlichen Situation treffen und merken: Ich bin gar nicht alleine“, sagt Friederike Bewig, Eignerin des Reit- und Therapiezentrums. Betreuer und Pferd würden schnell zu Vertrauten werden, denen Sorgen und Nöte erzählt oder ins Ohr geflüstert würden. „Victoria kommt gerne hierher, und: Wir können endlich gemeinsam die Freizeit verbringen“, sagt Sonja Gattung glücklich.
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