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Ein Pfarrer ständig auf Achse

Horst Heinrich ist Zirkus- und Schaustellerseelsorger – Konfirmation zwischen Karussells.

Von Marion Korth, 13.06.2010

Braunschweig. 11 Uhr auf dem Schützenplatz: Das Familien-Abenteuerland wird noch gewienert und geschrubbt. In der Weinstube nebenan beginnt die Tonprobe: „Eins, zwei, drei“, tönt es über Lautsprecher. Alles klar, ein Knopfdruck, dann kommt das Glockengeläut aus der Konserve.

Feierlich ist es irgendwie trotzdem. Nico Berweke (15) ist am Freitag konfirmiert worden. Pfarrer Horst Heinrich, der Leiter der „Circus- und Schaustellerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland“ ist dafür eigens 600 Kilometer aus Stuttgart angereist. Das ist sein Job. 7000 Volksfeste und Messen finden jedes Jahr in Deutschland statt. „Da kann ich natürlich nicht überall hin“, sagt er. Aber er gibt sich Mühe, möglichst viele der rund 10 000 Aussteller zu erreichen. An die 70 000 Kilometer legt er dafür im Jahr zurück. Erkältet hat er sich außerdem. „Wegen der Klimaanlage im Auto“, sagt er entschuldigend.
Nicos Eltern, Frank und Sandra Berweke, sind vor allem im Großraum Braunschweig unterwegs, können vieles von zu Hause aus organisieren. Bekannt ist vor allem ihr Pufferstand auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Andere Aussteller sind dagegen ständig auf Achse. Die Anbindung an eine feste Kirchengemeinde fehlt. Aber auch in Schaustellerkreisen wünschen sich Menschen seelischen Beistand, finden Taufen, Trauungen oder Beerdigungen statt. Für diese Menschen ist Pfarrer Heinrich da. Nach einer Konfession fragt er nicht, sucht einfach das Gespräch. Die Aussteller, obwohl ihre Zahl groß ist, meint er recht gut zu kennen. „Viele treffe ich immer wieder“, sagt er.
Inmitten der Fahrgeschäfte und Würstchenbuden steht er direkt im Leben. Der improvisierte Altar mit Blumenschmuck und brennenden Kerzen wurde unter einem Pavillon aufgebaut. Der Regen in der Nacht hätte beinah alles unter Wasser gesetzt. „Das Pavillondach hing schon bis hier herunter“, sagt Vater Frank Berweke und deutet Tischhöhe an.
Nico trägt den Psalm vom „Guten Hirten“ vor, den er sich für seine Konfirmation ausgesucht hat. Pfarrer Heinrich hat sich bewusst für Gospelmusik zum Mitklatschen und nicht für traditionelle Kirchenlieder entschieden. Auch der liturgische Ablauf wird eher locker gehandhabt. „Die meisten kennen die Gottesdienstliturgie nicht und die Lieder musste ich immer allein singen, das bringt nichts“, sagt er.
Früher war der 60-Jährige auch Gemeindepfarrer, dann Militärseelsorger in Bosnien. Eine Tätigkeit auch mit Schattenseiten, wie er sagt. „Ich wollte auf jeden Fall noch ein Mal etwas anderes machen.“ Da passte es sich gut, dass die Stelle des Schaustellerseelsorgers gerade neu zu besetzen war. Sieben Jahre ist das her. Die Kinder sind erwachsen, seine Frau hat auf den umtriebigen Pfarrer schon in dessen Zeit in Bosnien verzichten müssen. Wann er in Rente geht, weiß Heinrich noch nicht so genau, sein Beruf macht ihm Spaß.
Langeweile wird er in der Zeit danach aber nicht haben. „Auf meiner Visitenkarte steht dann Horst Heinrich, kein Titel, sondern nur ’Verweiler und Flaneur“, sagt er lächelnd. Aktiver Turniertänzer ist er außerdem und begeisterter Motorrollerfahrer. „In diesem Jahr fahre ich mit meiner Frau auf der Vespa nach Slowenien“, erzählt er.
Bleibt eigentlich nur, ihm beruflich und privat allzeit gute Fahrt zu wünschen!
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