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Ein Lkw hat die Zukunft überrollt: Julias Kampf

Die elfjährige Julia. Vor mehr als drei Jahren hat ein Lastwagen ihr linkes Bein zerquetscht. Seitdem ist für die ganze Familie nichts mehr, wie es war. Foto: oh
 
Julia mit „George“. Der kleine Hund stand auf ihrer Wunschliste. Mutter Silke versucht, wo es geht, Wünsche zu erfüllen. „Gehen können“ steht ganz oben. Und aktuell ein Besuch bei „Olaf, der Schneemann“ im Disneyland in Paris. Fotos: oh
 
Julia und ihre Mama Silke.
 
Glückliche Momente – Ausflug an den Ölper See: Sohn Jan-Niklas („Niki“) mit seiner Freundin Leni, Jonas, Julia und Hund George.

Vor drei Jahren wurde das Mädchen überfahren – ganze Familie leidet.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 12.06.2015.

Braunschweig. Eigentlich ist Silke H. eine starke Frau, die ihr Leben gut im Griff hat. Aber eben nur eigentlich. Zurzeit wachsen der alleinerziehenden Mutter die Probleme fast über den Kopf. „Ich arbeite nur noch die Spitze des Eisberges ab“, sagt sie. Seit dem Unfall ihrer heute elfjährigen Tochter ist nichts mehr, wie es war. Und vor allem: Es wird immer schlimmer.

Schon vor dem 19. Dezember 2011 glich ihr Alltag einem Balanceakt, aber Silke hat alles unter einen Hut gekriegt: drei Kinder von zwei Vätern (die beide mehr oder weniger im Off verschwunden sind), ihren Beruf im öffentlichen Dienst, den Haushalt – das normale Leben eben. Es lief.
Am 19. Dezember vor drei Jahren änderte sich alles. Ihre Zwillinge Julia und Jonas (damals sieben Jahre alt) waren wie jeden morgen auf dem Schulweg, als Silkes Handy klingelte: „Ihre Tochter ist verunglückt ...“ Als sie aus der Haustür stürzte, sah sie schon Blaulicht blinken, Ärzte und Polizisten waren im Einsatz.
Ein Lastwagen hatte Julia an der Siegfriedstraße übersehen und mit einem der Zwillingsräder vom Fußweg gerissen. Das linke Bein wurde von oberhalb vom Knie ab zerquetscht und mehrfach gebrochen. „Es war praktisch Matsch“, beschreibt Silke.

Der Unfall ist jetzt mehr als drei Jahre her. Das kleine Mädchen wurde sofort operiert, anschließend in ein künstliches Koma verlegt. Erst an Heilig Abend holten die Ärzte Julia zurück. Sie hat überlebt – das war das Wichtigste und das größte Glück für die Mutter und die beiden Brüder. Doch Julias Bein heilt nur mühsam; aufwendige Operationen, immer wieder Hauttransplantationen, Wachstumsstörungen und, und, und.
Gerade war die jetzt Elfjährige wieder im Krankenhaus. Sechs Wochen lang. Julia war gestürzt – nicht das erste Mal. „Andere Kinder bekommen ein Pflaster und einen Lolli“, hatte der Arzt in der MHH gesagt, „bei Julia wird es gleich wieder langwierig, schmerzhaft und kompliziert.“ Das beschädigte Bein ist kürzer als das andere, Julia geht unsicher, ist dadurch immer sturzgefährdet, braucht Gehhilfen oder einen Rollstuhl. Und lernt wieder laufen – zum fünften Mal.
Und das Deprimierende daran: kein Ende in Sicht. „Julia wird so vieles niemals machen können, was für andere Mädchen normal ist“, sagt die Mutter und kämpft mit den Tränen. Durch Wachstum, Vernarbungen oder Stürze wird es immer wieder neue Probleme mit den Unfallfolgen geben. Erst im Januar war erneut eine Operation notwendig – und jetzt der Sturz. Alles von vorn.
Julia selber vermeidet es, ihr Bein anzusehen. Erst recht versteckt sie es vor den Blicken der anderen. Und die Pubertät kommt erst noch...
Silke versucht seit dem Unfall, diese Ausnahmesituation zu meistern. Julia muss – wenn sie nicht sowieso im Krankenhaus ist – zur Schule, zu Therapien, zur Reha, zu Ärzten. Das will organisiert werden. Das alte Auto springt gerade mal wieder nicht an ...

Und dann ist da ja auch noch Jonas. Julias Zwillingsbruder leidet am Asperger-Syndrom, eine Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums. „Auf seine Umwelt wirkt er mitunter sehr speziell“, beschreibt seine Mutter. Am besten geht es dem Jungen, wenn der Alltag möglichst gleichmäßig und klar strukturiert abläuft. Seit Julias Unfall die absolute Ausnahme.
Die Unfallfolgen sind vielfältig. Die Auswirkungen auf Jonas, der beim Unfall neben seiner Schwester stand, und auch auf die Mutter, die auf das Geschehen zugelaufen kam, sind noch gar nicht klar diagnostiziert. Beide sind in therapeutischer Behandlung.

Eine große Hilfe ist für Silke ihr 19-jähriger Sohn Jan-Niklas aus erster Ehe. „Er und seine Freundin kümmern sich um Jonas, wann immer sie Zeit haben.“ Aber Jan-Niklas will ausziehen, studieren, sein eigenes Leben aufbauen. „Schon jetzt habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn hier so sehr einspannen muss“, sagt seine Mutter. Und es geht ja auch nicht immer.
Beim jüngsten Krankenhausaufenthalt begleitete Silke ihre Tochter in die MHH. Das hieß für Jonas, dass er zu einer befreundeten Familie ziehen musste. Ständige Veränderungen, die dem Jungen schwer zu schaffen machen.
Die Zukunft – nicht absehbar. Die Familie wurschtelt sich so durch, aber ganz augenscheinlich schwinden die Kräfte. Silke H. braucht Hilfe. Und da sie nicht um Almosen betteln mag, hat ihre Anwältin den Kontakt zur Zeitung hergestellt. Die BZ hatte zweimal berichtet, jetzt wir.

Es gab Schmerzensgeld, das im Wesentlichen aufgebraucht ist, durch mehr als drei Jahre Ausnahmezustand. Durch einen Umzug in eine einigermaßen behindertengerechte Wohnung, durch Zusatzausgaben, durch kleine Extras, mit der die Mutter versucht, ihren Kindern das Schicksal ein wenig zu erleichtern.
„Jede einzelne Maßnahme muss beantragt, begutachtet und bewilligt werden“, erklärt Silke den mühsamen Weg durch die Bürokratie. Nur ein Beispiel: ein Fahrrad für Julia. Es muss ein behindertengerechtes Dreirad sein. „Aber Julia möchte so ein Rad nicht“, erklärt die Mutter. Es gibt diese Form von Rädern auch in etwas schicker, flotter gestaltet, in schönen Farben. Aber das zahlt dann die Kasse nicht.

Oder das Bett. Ein höhenverstellbares, behindertengerechtes Bett würde das Kind bekommen. „Das will sie aber auf keinen Fall in ihrem Zimmer“, sagt die Mutter. Einen Zuschuss für eine bessere Matratze gibt es nicht. Und so weiter und so weiter....

Seit dem Unfall ist Silke H. immer wieder krank. Sie fühlt sich unwohl dabei, hat ein schlechtes Gewissen dem Arbeitgeber und den Kollegen gegenüber. Aber sie hat keine Wahl. Um auch nur annähernd so etwas wie Normalität zurückzubekommen, braucht die Familie viel mehr Geld. Eine Haushaltshilfe wäre nötig, eine zuverlässige Unterstützung im Alltag. Jeden Tag.

Die Anwältin will klagen. Ausgang ungewiss:

„Silke H. hat mich im März 2013 in meiner Kanzlei aufgesucht. Vor mir hatte sie schon einmal den Anwalt gewechselt, so dass ich als dritte Anwältin mit der Angelegenheit befasst war und bin.
Neben der Korrespondenz, die ich mit der Kravag (gegnerische Versicherung) führe, habe ich die Familie zudem anderweitig unterstützt. Letztendlich kann man sagen, dass ich mittlerweile mit Silke und ihrer Familie befreundet bin. Es ist mir gar nicht möglich, die ganze Angelegenheit nur sachlich und juristisch zu betrachten. Mir liegt Julias Geschichte und ihre Zukunft sehr am Herzen. Auch bemerke ich zunehmend, dass Frau Hs. Kräfte schwinden und die gesamte Familie in Mitleidenschaft gezogen ist.
Neben den drastischen psychischen Folgen, die der Unfall für alle Familienmitglieder hat, steht für mich im Vordergrund, den materiellen Schaden zu mindern, dadurch, dass möglichst weitreichende finanzielle Ansprüche gegenüber der Kravag und der GUV realisiert werden. Die GUV übernimmt die Kosten für den behindertenbedingten Mehrbedarf und Heilbehandlungen, welche sie dann ihrerseits von der Kravag einfordert. Letztendlich ist die Kravag , was meine Tätigkeit anbelangt, zuständig für das Schmerzensgeld. Eine letzte Zahlung der Kravag erfolgte im Januar 2015. Die Familie H. benötigte sämtliche bisher gezahlten Gelder, um Folgen der Entwicklung und Verschlechterung von Julias Gesundheitszustand zu finanzieren.
Zunächst gab es im Februar Operationen in Braunschweig, und dann kam es zu dem Sturz Julias Ende April mit weitreichenden Folgen. Es folgte ein fast sechswöchiger Krankenhausaufenthalt zunächst in Braunschweig, dann in Hannover. Wir haben keinerlei Rücklagen mehr.
Ich habe zwischenzeitlich die Kravag angeschrieben und weiteres Schmerzensgeld für die Leiden Julias seit Februar gefordert. Die Versicherung lehnt jegliche weitere Zahlung ab und teilt mir mit: „Ihre Ausführungen zum Sturz sind nicht ausreichend, um diesen ausschließlich dem Unfall zuzurechnen. ...“
Ich habe mich daraufhin an den Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie in Hamburg gewandt, der bereits drei Gutachten über Julia erstellt hat. Er hat sich als Zeuge und Sachverständiger für ein gerichtliches Verfahren zur Verfügung gestellt und mir schriftlich bestätigt, dass die Funktionseinschränkungen des durch den Unfall zerstörten Beines zumindest eine wesentliche Teilursache für Folgestürze, so auch den Sturz vom 24. April 2015, darstellt. Seines Erachtens ist das bislang gezahlte Schmerzensgeld viel zu gering.
Wenn man sich vor Augen führt, was Julia bislang seit dem Unfall durchmachen musste, dass sie ein Schuljahr wiederholen muss, welchen Verlust an Freizeit und Spaß sie als Kind bislang schon hatte und wie es zukünftig in ihrem Leben weitergehen wird, so ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die Kravag meint, es sei mit dem bisher gezahlten Geld €getan.
Die Schmerzen, die Julia durch den Unfall in ihrem jungen Leben schon erleiden musste, lassen sich mit Geld gar nicht wieder gut machen. Normalerweise müsste die Kravag aus meiner Sicht Millionenbeträge zahlen. Das geben aber die deutschen Gesetze insbesondere das Schadensersatzrecht nicht her.
Nichts destotrotz müssen die Ansprüche nun gerichtlich geltend gemacht werden, und ich habe bereits eine Klage im Entwurf über bis jetzt noch zu zahlendes Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 150 000 Euro.
Die Gerichtskosten (die klägerseits vorab verauslagt werden müssen, damit dieses Klageverfahren bearbeitet und die Klage überhaupt der Kravag zugestellt wird) belaufen sich auf fast 5000 Euro€. Dieses Geld hat Familie H. nicht. Auch kann ich keine Prozesskostenhilfe für die Familie beantragen, da dafür wiederum das Familieneinkommen zu hoch ist. Die Rente, welche Julia seit dem Unfall monatlich erhält und welche die Kindesmutter für sie auf einem Konto anspart, wird als Einkommen angerechnet. Tatsächlich sind wir in einer Sackgasse.
Ich möchte noch erläutern, dass es bei den geltend zu machenden Ansprüchen lediglich um das Schmerzensgeld für Julia geht. Die Tatsache, dass auch Julias Zwillingsbruder und die Mutter aufgrund des Unfalles tagtäglich erhebliche psychische Schmerzen erleiden, interessiert die gegnerische Versicherung ohnehin nicht. Auch insoweit haben sie sämtliche Ansprüche zurückgewiesen. Dass der Unfall das Familienleben stark beeinträchtigt und alle Familienmitglieder erheblich beeinträchtigt und die Folgen noch gar nicht abschließend absehbar sind, spielt für die Versicherung keine Rolle.

Kommentar:

Ungerecht: Das schreit zum Himmel

Ein Unglück, ein Schicksalsschlag, wie auch immer man diesen Unfall bezeichnen mag, das, was jetzt passiert, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die elfährige Julia wird ein Leben lang mit den Unfallfolgen zu kämpfen haben, ihre Mutter und ihre Geschwister sind am Ende. Sie alle trifft keine Schuld. Aber sie alle leiden mit. Das wird sich nicht ändern lassen. Aber mindestens umfangreiche Hilfe haben sie verdient.
Um auch nur annähernd so etwas wie Normalität zurückzubekommen, braucht die Familie um Silke H. viel mehr Geld. Eine zuverlässige Unterstützung wäre nötig, eine feste Kontaktperson, die morgens die Kinder zur Schule bringt, kocht, mittags bei den Schularbeiten hilft und mit Jonas noch ein wenig spielt. Dann könnte Silke wieder arbeiten gehen. Das wäre der einzige Weg für sie, wieder Kraft zu finden. Für die Versicherung ist der Fall erledigt; der Verursacher – also der Lkw-Fahrer und auch die Transportfirma – haben sich nicht einmal nach Julia und ihrem Schicksal erkundigt. Was sind das nur für Menschen?
Die bisherigen Hilfsangebote sind jeweils für Stunden, für bestimmte Projekte, für bestimmte Maßnahmen. Das reicht nicht. In Amerika würden der kleinen Julia vermutlich mehrere Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen. Hier bei uns versucht jetzt die Anwältin mühsam, gegen die Geldsorgen vor Gericht zu kämpfen. Aber selbst dazu braucht es Hilfe. Ich hoffe, die findet sich.

Ingeborg Obi-Preuß
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