Anzeige

Ein Leben zwischen den Welten

Rainer Liebmann (links) und Peter Kepp sind seit 40 Jahren ein Paar. Foto: Erik Beyen

Rainer Liebmann ist vermeintlicher Republikflüchtling und seit 40 Jahren mit einem anderen Mann zusammen.

Von Erik Beyen, 14.07.2017.

Mariental. Homosexualität ist heute mit Abstrichen eigentlich kein Problem mehr. Vor 40 Jahren sah das wohl noch ganz anders aus. Rainer Liebmann (70) kann davon ein Lied singen, denn exakt 40 Jahre ist er bereits ein und demselben Mann treu. Dass er diesen überhaupt getroffen hat, nennt er heute eine glückliche Fügung am Ende einer Tragödie, die ihren Lauf in der ehemaligen DDR genommen hatte. Liebmann war als vermeintlicher Republikflüchtling in Haft, freigekauft von der Bundesrepublik Deutschland. Heute lebt er mit seinem Partner Peter Kepp während der warmen Jahreszeit auf dem Campingplatz in Mariental. Dort hat er unsere Zeitung an seiner Geschichte teilhaben lassen.

Drei Tage Bunker für eine Frage
Das Leben auf dem Campingplatz nennt der gelernte Porzellanbrenner ein Stück Freiheit, ein vielbedeutendes Wort, etwa im Sinne der freien Gedanken und Sprache. Er nahm sie sich, auch zu sozialistischen Zeiten. Aus Sicht des Systems ein Fehler, aus seiner Sicht: „Nicht verhandelbar.“ Liebmann erinnert sich an einen Fall während seiner Militärzeit. Mit dem Sozialismus gehe es stetig bergauf. So habe das in Lehrbüchern gestanden. Liebmann fand einen Haken an dieser Aussage. Jeder Berg habe nämlich einen Gipfel. Was, wenn der erreicht sei? Für diese Frage an seinen Vorgesetzten gerichtet, bekam er auf der Stelle drei Tage „Bunker“, die Arrestzelle in Militärsprache. „Aber es ist doch so: Nach dem Aufstieg kommt immer ein Abstieg“, sagt er noch heute.

Seine kritische und unbekümmerte Haltung sollte den Arbeiter letztlich für Jahre hinter Gitter bringen. Es war das Jahr 1973. Damals lebte Liebmann unweit der Zonengrenze in Thüringen und machte sich auf eine Reise durch die DDR – Urlaub. Das Problem: Er hat niemandem erzählt, dass und wohin er in den Urlaub fahren würde. Offensichtlich ein Fehler, denn irgendwer habe ihn wohl vermisst. „Da hat mich jemand angezinkt“, erzählt er, denn daheim bekam seine Mutter Besuch von der Polizei. Und die fand „verdächtiges Material“: ein handgeschriebenes Westfernsehprogramm und eine Landkarte von der DDR, auf der die Bundesrepublik ein weißer Fleck war. Doch Rainer Liebmann hatte den weißen Fleck etwas mit Straßen „vervollständigt“, Straßen, die eigentlich am eisernen Vorhang endeten.

Der Fund im heimischen Zimmer machte ihn bereits zum potentiellen Republikflüchtling. Es folgte die Fahndung mit Zugriff an der Ostsee. Die Stasi war sich sicher: Der Mann will fliehen. „Wie denn, ich bin Nichtschwimmer“, habe er damals erklärt, ohne Erfolg. Zwei Jahre Gefängnis bekam er. Weil er aber einen Ausreiseantrag nach Haftentlassung stellte, brummte ihm die Richterin ein weiteres Jahr auf. Echte Beweise, dass er wirklich flüchten wollte, hat es nicht gegeben.

30 000 Westmark für ein Menschenleben
Bis zum letzten Tag saß er seine Strafe ab, hat etliche Kilo verloren und auch den Glauben an sein Land. Für Liebmann war klar: Hier würde er nicht alt werden. Und so kam es auch. Die Bundesrepublik Deutschland kaufte ihn frei. Zwischen 20 000 und 30 000 West-Mark für ein zumindest in der DDR zerstörtes Menschenleben. Ein echtes Geschäft, bei dem der Begriff „Freiheit“ einen bitteren Beigeschmack bekam, denn es bleibt der Eindruck zurück, als hätten die DDR-Funktionäre unschuldige Menschen ganz bewusst mit der Aussicht auf Devisen durch Freikäufe ins Gefängnis gesteckt. Für Liebmann begann das Leben 1976 in Westberlin neu.

Schritt für Schritt musste der damals sportliche Mann lernen, dass die neue Freiheit auch viel Eigeninitiative und Eigenverantwortung mit sich gebracht hatte, auch, was seine sexuelle Ausrichtung bedeute, die er nun lebte. Noch 1976 traf er den damals erst 16 Jahre alten Peter Kepp in der Apollo-Sauna, einem Treff für Schwule. Kepp, der Junge, der nach Halt suchte, Liebmann, der die Dinge ohne Zwang und Druck laufen lies. Die beiden kamen sich näher und waren, so erzählen sie es heute, einander verfallen, nicht ohne Folgen für den Jüngeren.

„Meine Mutter hat mich unterstützt, mein Vater hat mich aus seinem Leben gelöscht“, erzählt Kepp mit Tränen in den Augen, „er hat mich wie Müll entsorgt.“ Das alles ist lange her. Liebmann und Kepp blieben gegen alle gesellschaftlichen und familiären Widerstände ein Paar, trauten sich aber erst nach der Jahrtausendwende wirklich in die Offensive, denn schwul galt bis weit in unsere Zeit als abnorm. Heute ist das alles vergessen. Demnächst, so erzählt Peter Kepp, wollen sie heiraten und dann nach Mariental ziehen. „Wir waren immer glücklich, sind es jetzt aber erst recht“, sagt er. Und Rainer Liebmann? „Ich bereue keinen Tag in meinem Leben.“


Kontakt
Wenn auch Sie einen Menschen kennen, der Außergewöhnliches leistet oder eine spannende Lebensgeschichte erlebt hat, dann melden Sie sich per E-Mail an redaktion@neue-helmstedter.de.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.