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Ein bisschen Licht ins Halbdunkel bringen

Tatverdacht Menschenhandel: Am Donnerstag kontrollierte die Polizei die Rotlichtmeile Bruchstraße und verschiedene Wohnungsbordelle.

Von Christoph Matthies, 08.07.2012.

Braunschweig. Die Braunschweiger Polizei beteiligte sich am vergangenen Donnerstag an einem niedersachsenweiten Fahndungstag gegen Menschenhandel. nB-Mitarbeiter Christoph Matthies begleitete die Beamten bei ihrem Einsatz in der Bruchstraße.

„Früher haben die Henker hier die Gelder eingetrieben.“ Winfried Keßler steht in der Bruchstraße und erteilt mir eine Lektion in Stadtgeschichte. Der Kriminalhauptkommissar ist Leiter der vierköpfigen Unterabteilung Milieu im Fachkommissariat 1 der Polizeiinspektion Braunschweig, die früher schlicht „Sitte“ hieß. Aus beruflichen Gründen ist Keßler deshalb öfter hier, wo andere Männer hingehen, um ihren Spaß zu haben. Für Bares. Schon seit dem 16. Jahrhundert fungiert die von Fachwerkhäusern gesäumte Gasse als Bordellstraße und ist damit eine der ältesten „Amüsiermeilen“ Deutschlands. Die kleinen Häuschen sehen fast niedlich aus, die Etablissements heißen Nachtfalter oder Papillon. Für romantische Verklärungen gibt es aber keinen Grund, das weiß Keßler ganz genau. Aktuell seien es vor allem Bulgarinnen, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt würden.
Zwei Stunden zuvor, um 15 Uhr in der Braunschweiger Polizeidirektion in Gliesmarode: Einsatzbesprechung zum „Niedersächsischen Fahndungstag zur Bekämpfung des Menschenhandels zum Nachteil osteuropäischer Frauen“. 280 Polizisten sind heute im ganzen Land im Einsatz, um Menschenhändlern auf die Spur zu kommen. „Es geht uns nicht darum, die Prostituierten dranzukriegen, sondern diejenigen, die sie einfangen, nach Deutschland schicken und ohne Ende ausbeuten“, stellt Harry Döring, Braunschweigs Polizeipräsident, vor den eingeladenen Medienvertretern klar.
Der Traum von ein bisschen Wohlstand endet für die Frauen oft auf der schäbigen Matratze eines Billigpuffs, den großen Reibach machen skrupellose Zuhälter. „Den Mädchen wird gesagt, dass man in Deutschland Geld verdienen kann, als Krankenschwester, im Hotelgewerbe oder in der Landwirtschaft“, schildert Georgi Nenov, Polizeiattaché der bulgarischen Botschaft, die Methoden der Schleuser. Die jungen Frauen, zumeist aus Roma-Familien, ohne Schulabschluss oder Ausbildung, schlucken den Köder. Einmal in Deutschland, ist die Rückkehr in die Heimat sehr schwer. Scham, Isolation, Sprachbarrieren und die Androhung von Gewalt lassen die Zwangsprostituierten verstummen, in ihrem seelischen Elend verharren. Dabei könnten die Frauen die Polizei um Hilfe bitten, oder aber Vereine wie Solwodi, der sich mit viel Engagement für die Opfer von Menschenhandel einsetzt.
Ansprechpartnerin für die Bulgarinnen ist auch Zerrin Öznur, die den Einsatz auf der Bruchstraße begleitet. Die Muttersprache der einzigen Ausländermittlerin der Braunschweiger Polizei ist Türkisch, die Sprache, die auch die bulgarischen, häufig muslimischen Roma sprechen. „Meine Arbeit basiert auf Vertrauen“, sagt Öznur, die keine Beamtin ist und deshalb keinem Strafverfolgungszwang unterliegt. „Die Leute können sich mir anvertrauen, kommen zu mir und erzählen.“
Ich lerne Jörn Memenga kennen – als Dokumentenprüfer ist der junge Polizist heute eine der Schlüsselfiguren. Er überprüft die Identitäten der Prostituierten. Die von Anna zum Beispiel. Die 22-jährige Bulgarin – Anna ist nur ihr Arbeitsname – sitzt hinter dem Schaufenster im Haus „Romance“. Bunte Bettwäsche und einige Kuscheltiere erinnern eher an ein Kinderzimmer als an ein Etablissement, in dem Sex für Geld angeboten wird. Memenga überprüft Annas Ausweis mit einer speziellen Lupe. Kippeffekte, UV-Merkmale und die maschinenlesbare Zahl stimmen, die Karte ist echt. Auch der Ausweis der blondierten Eva, die sogar einen gültigen Reisepass dabei hat, bietet keinen Grund zur Beanstandung. Für die Frauen sind diese Kontrollen offensichtlich Routine, und selbst viele Freier lassen sich von dem großen Aufgebot an Polizisten, die meisten davon in Zivil, nicht abschrecken.
Am Ende des Fahndungstages hat die Polizei 60 Frauen in der Bordellgasse kontrolliert, zahlreiche weitere in acht Wohnungsbordellen, die über das Stadtgebiet verteilt sind. Eine Bulgarin wurde aufgrund eines ausstehenden Haftbefehls festgenommen, sie wird wegen einer offenen Schuld eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen. „Es macht einen unzufrieden, dass man eigentlich die Falsche verhaftet. Sie geht für einen Kriminellen anschaffen und geht dafür letztlich in Haft“, äußert Ermittler Thoren Biethan Mitleid mit der jungen Frau. Passverstöße wurden heute nicht festgestellt. Die sauberen Ausweise sind allerdings kein Beleg dafür, dass es hier keine Opfer von Zwangsprostitution gibt. „Wir gehen davon aus, dass die meisten Frauen in der Bruchstraße nicht freiwillig dort arbeiten“, sagt Winfried Keßler.
Am späten Abend nehmen die Beamten in einem Internetcafé unweit der Rotlichtmeile zwei Bulgaren fest, zwei anderen wird ein Platzverweis erteilt. Fotos von den Männern – sie sind Zuhälter – blickten die Polizisten bei ihrer Einsatzbesprechung am Nachmittag von der Wand aus an. Mir fallen wieder die Henker ein, von denen Keßler in seiner Geschichtslektion gesprochen hat.
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