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„Du darfst dir nie sicher sein“

Mezzosopranistin Karine Ohanyan ist mit ihrer Traumrolle Carmen zu Gast am Staatstheater

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „Carmen ist leidenschaftlich, kompromisslos – und sie weiß um ihre Wirkung auf Männer“, sagt Karine Ohanyan. Die Mezzosopranistin ist die idealtypische Besetzung für die Rolle der wohl berühmtesten Spanierin. „Ja, mir ist diese Frau sehr nah“, sagt Karine, „aber in manchem auch sehr fern.“

Eher fern zum Beispiel ist ihr die mitunter etwas flatterhafte Art der Bühnenfigur Carmen. „Ich bin eine sehr sichere Frau“, erklärt Karine Ohanyan, „mit klaren Standpunkten und festen Werten, ich flattere nicht wie ein Vogel, weder in meiner Meinung, noch in Beziehungen zu Menschen.“
Karine Ohanyan spricht schnell, erzählt offen und gern. Dann stockt sie: „Wie sagt man?“ – die Armenierin aus Istanbul, aufgewachsen in Frankreich, kann auf eine dermaßen charmante Art nach den richtigen Worten suchen, dass es sich allein dafür lohnt, ihr gegenüber zu sitzen. Aber Zuhören ist hier genauso wichtig. Karine Ohanyans warmer Mezzotimbre, der auf der Bühne diese sinnliche Wirkung entfaltet, wirkt auch im Gespräch. Sie ist einfach hinreißend. Und in dem schönen Kopf wohnt ein messerscharfer Verstand.
Vor der Zustimmung zur Gesangskarriere hatten die Eltern den Abschluss der Schule und eine „ordentliche“ Ausbildung gewünscht, Karine lernt „irgendetwas mit Buchhaltung“. Türkisch, armenisch und französisch spricht sie sowieso, deutsch, englisch und italienisch kommen rasch dazu. Ein kluges Kind.
Und vor allem – ein singendes Kind. „Ich war jeden Sonntag in der armenischen Kirche, bei uns wurde und wird ständig gesungen“, erzählt sie und strahlt bei der Erinnerung aus ihren sprichwörtlichen Mandelaugen.
In Nizza, dort wo ihre Familie zu Hause ist, ist auch ihre Heimat. „Meine Basis“, nennt sie es liebevoll. Von hier aus startet ihr Siegeszug: Riga und Moskau, Bonn und Düsseldorf, Graz und Leipzig, Antwerpen, Maribor, Gent – fast überall steht Karine Ohanyan auf den Brettern, die auch ihr die Welt bedeuten. Eine erstklassige Ausbildung hat sie im Gepäck: Acht Jahre Studium in Operndarstellung und Gesang, Abschluss mit Auszeichnung, gleich im Anschluss ein festes Engagement an der Opéra Comique in Paris.
Schließlich ihr Debüt als „Carmen“. Ihre Interpretation der Titelpartie an der Wiener Volksoper wird umjubelt – ein perfekter Start. „Diese Rolle hat mir viele Türen geöffnet“, blickt die 38-Jährige auf die Anfänge ihrer Karriere zurück. Für drei Jahre bleibt sie als festes Ensemblemitglied in Wien, singt Mrs. Meg Page in ‘Falstaff’, Frau Reich in ‘Die Lustigen Weiber von Windsor’ oder Prinz Orlofsky in ‘Die Fledermaus’. Dann der Sprung: Seit September 2003 arbeitet Karine Ohanyan freiberuflich. „Das hat Vor- und Nachteile“, ordnet sie ein. „Schön ist, dass ich immer wieder neue Häuser, neue Ensembles, neue Städte kennenlerne, dafür kann ein festes Engagement das gute Gefühl der Sicherheit vermitteln.“
Leere Hotelzimmer, fremde Städte – manchmal macht das Nomadenleben müde. „Dann wünsche ich mir ein Zuhause mit Mann, vielleicht sogar mit Kind“, erzählt sie von der Suche nach dem großen Glück. „Ein Mann, der zuhören kann“, nennt sie die ihr wichtigste Eigenschaft für ihren Traumpartner.
Melancholie blitzt auf, hat bei dieser temperamentvollen Künstlerin aber keine Chance. Sie liebt die Arbeit (immer), die Kollegen (meistens), das Leben sowieso. Auch nach der 100. Carmen geht sie hochkonzentriert an diese Rolle. „Du darfst dir nie zu sicher sein“, sagt sie, „ich nähere mich dieser Figur immer wieder wie beim ersten Mal. Ich öffne mein Herz, meine Seele, drei Stunden lang bin ich mit meinem ganzen Körper diese Frau.“
Und wer das nicht erlebt, hat etwas verpasst: Am Mittwoch wieder im Großen Haus.
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