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Drei Jahre Gefängnis

26-Jähriger tötete seine schwerkranke Mutter.

Braunschweig (j), 13.06.2012.

Weil er seine seit sieben Jahren im Wachkoma liegende Mutter getötet hat, verurteilte das Landgericht Braunschweig einen 26-Jährigen gestern zu einer Haftstrafe von drei Jahren. Wegen der außergewöhnlichen Umstände erkannte das Gericht auf Totschlag in einem minderschweren Fall.

Infolge eines Reitunfalls 2004 hatte die Mutter des Angeklagten schwere Hirnverletzungen davongetragen und war nicht mehr ansprechbar, was zu seelischen, aber auch finanziellen Belastungen der Familie führte. „Ich wollte Mama erlösen“, hatte der Angeklagte beim Prozessauftakt gesagt. Nach dem „Sterbehilfeprozess“ fordert die Deutsche Hospiz Stiftung mehr Unterstützung für Angehörige von schwerstpflegebedürftigen Menschen. „Selbstjustiz am Krankenbett ist keine Lösung“, sagte der Vorstand der Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, gegenüber dem evangelischen Pressedienst. Angehörige seien aber oft überfordert und müssten psychologisch begleitet werden. Auch Landesbischof Friedrich Weber forderte eine stärkere öffentliche Diskussion über Leid und Sterben. Er könne die Verzweiflung verstehen, die den jungen Mann zur Tat getrieben habe. Die Tat selbst sei jedoch nicht zu rechtfertigen.
Die Staatsanwältin hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert, der Verteidiger eine Bewährungsstrafe. Bewährung wäre nach Ansicht des Vorsitzenden Richters Ralf Polomski jedoch das falsche Signal gewesen. Es hätte dazu führen können, „dass es in Zukunft bei ähnlichen Fällen kein Halten mehr gibt“.
Der junge Mann habe in der Überzeugung gehandelt, seine Mutter zu erlösen. Dennoch sei der Schutz des Lebens das höchste Gut. Vor diesem Hintergrund müsse es eine harte Strafe geben. Der Angeklagte hatte Geräte zur Unterstützung der Atmung entfernt und der 47-Jährigen mehrere Minuten Mund und Nase verschlossen. Vorher war sein Antrag auf Sterbehilfe vom Pflegeheim aus rechtlichen Gründen abgelehnt worden.
Brysch bescheinigte dem Gericht, es habe sich sehr genau mit der Handlung und den Motiven befasst. „Auch die Rechtfertigung, aus Mitleid zu töten, muss genau hinterfragt werden“, sagte der Vorstand der Patientenschutzorganisation. Die Getötete habe keine Patientenverfügung gehabt und nach Einschätzung ihres Arztes nicht im Sterben gelegen. In solchen Fällen müssten alle Betroffenen unterstützt werden, damit nicht die eigene Belastung der Angehörigen auf die Patienten projiziert würde.
Der evangelische Bischof Friedrich Weber hat im Zusammenhang mit dem Urteil eine stärkere öffentliche Diskussion über Leid und Sterben gefordert. „Tod ist eine zu starke Privatangelegenheit. Er darf nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt werden“, mahnte er. Nach seiner Ansicht sollte jeder Erwachsene beizeiten eine Patientenverfügung verfassen.
Gegen das Urteil kann binnen einer Woche Revision eingelegt werden.
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