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„Draußen“ und doch mittendrin

Der Awo-Campus in Querum ist ein guter Ort zum Arbeiten. „Ich mag die grüne Umgebung“, sagt Fersahoglu-Weber. Foto: T.A.
 
Die Stationen.
 
Die erste Pizza seines Lebens hat Rifat Fersahoglu-Weber gemeinsam mit einem Freund bei Stresa gegessen – das war 1980 und ist bis heute eine schöne Erinnerung. Fotos (2): T.A.

nB-Serie Stadtrundgang: Awo-Vorstandsvorsitzender Rifat Fersahoglu-Weber hat viel mit Menschen zu tun.

Von Marion Korth, 17.10.2015.

Braunschweig. Verabredung mit Rifat Fersahoglu-Weber (48) zum Stadtrundgang: „Ja, dann treffen wir uns doch am besten erst einmal hier draußen.“
„Hier draußen“ ist in Querum, genauer am Peterskamp 21. Hier befindet sich der Awo-Campus. Ein geschichtsträchtiger Ort im Nordosten, mehrere Gebäude verstreut zwischen Bäumen. Die Arbeiterwohlfahrt passt gut dorthin, schon vor dem Zweiten Weltkrieg hat der überzeugte Sozialdemokrat Otto Emil Franz Grotewohl dafür gesorgt, dass Arbeiterkinder sich am Stadtrand erholen durften. „Im Krieg wurden hier Bunkerkinder versorgt und aufgepäppelt“, erzählt Rifat Fersahoglu-Weber. Die Awo, die 1933 enteignet worden war, habe das Gelände nach Ende der Nazi-Herrschaft als Ausgleich zugesprochen bekommen.

Als Vorstandsvorsitzender der Awo kommt Rifat Fersahoglu-Weber freilich nicht zur Erholung, sondern zum Arbeiten nach Querum. Trotzdem: „Ich mag die grüne Umgebung.“ Und wenn es einmal stressig ist, dann macht er einen kleinen Spaziergang, trifft sich mit Mitarbeitern in der Kantine. „Wir haben hier einen guten Teamgeist.“
Auf die Frage, ob er als Vorstandsvorsitzender mehr mit Zahlen oder mit Menschen zu tun hat, antwortet er schnell: „Mit beidem.“ Rund 100 Einrichtungen zählen zum Bezirksverband Braunschweig, der als Spitzenverband gleichzeitig ihr Sprachrohr ist. Jeden Tag diskutiert Fersahoglu-Weber mit Mitarbeitern, jeden Tag geht es um Zahlen und Bilanzen. Beruflich ist er dafür gut gerüstet, hat eine Ausbildung als Diplom-Sozialarbeiter und Betriebswirt, bringt Erfahrung aus Beratungsarbeit und Verwaltung mit. Fast genau vor zehn Jahren wählte ihn das Awo-Präsidium zum Vorstandsvorsitzenden – als Nachfolger Ulrich Markurths, der heute Braunschweigs Oberbürgermeister ist.
Braunschweig, Hannover und immer wieder Brüssel. Rifat Fersahoglu-Weber ist viel unterwegs, seine Fachkompetenz ist auch auf europäischer Ebene gefragt, weil etliche Länder eine soziale Wohlfahrt mit Verbänden wie der Awo gar nicht kennen.
Awo-Vorstandsvorsitzender ist nicht wirklich ein politisches Amt, aber Fersahoglu-Weber ein politischer Mensch. Einer mit sozialdemokratischen Wurzeln, einer mit sozialem Gewissen. „Aus dem Amt heraus darf ich auch einmal draufhauen und klar Position beziehen.“ Wenn es um soziale Fragen geht, darf man sicher sein, aus dem Peterskamp zu hören. In der Flüchtlingsfrage hat er eine Meinung, seine persönliche. „Wir können die Flüchtlingsströme nicht aufhalten. Aber ich glaube, wir können das in einer bestimmten Größenordnung verkraften. Es wird aber unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflussen“, sagt er.

Erinnerung an schöne Bohlweg-Zeiten.

Aus Salzgitter in die „große Stadt“: Braunschweig war immer etwas Besonderes.

Neulich hat sich Rifat Fersahoglu-Weber gemeinsam mit seiner Frau das Musical „Da Da Da“ im Theater angeschaut. Und sofort waren die Erinnerungen da – die 80er-Jahre, die waren auch seine Zeit. „Meine erste Pizza habe ich mit 13 bei Stresa auf dem Bohlweg gegessen. 2,50 Mark für ein Stück, das war viel Geld“, sagt er und lacht. Seither ist er erklärter Fan der italienischen Küche. Eines seiner Lieblingsurlaubsziele ist – wen wundert’s – Italien, und dort speziell die Toskana.
Jetzt sind wir wieder auf dem Bohlweg – zum Fototermin, nicht um Pizza zu essen. Rifat Fersahoglu-Weber schaut hinüber zum Schloss. „Ich war eher dagegen, aber es ist ein Erfolg“, sagt er dann. Öfter hat er Gäste bei sich. „Und die sind jedes Mal beeindruckt, wenn sie vor der Fassade stehen.“ Ja, in Braunschweig habe sich viel in den vergangenen Jahren getan. Überhaupt, Menschen, die Braunschweig nicht kennen, würden mit einer anderen Vorstellung wegfahren, als mit der sie gekommen sind. „Da denke doch viele immer noch an Zonenrand.“
Der heute 48-Jährige hat niemals direkt in Braunschweig gewohnt, aber immer ganz in der Nähe. „Aus der Gegend bin ich nie wirklich weggekommen“, sagt er nachdenklich. Aber warum auch? So oder so ist Braunschweig „seine Stadt“ – beruflicher Mittelpunkt ebenso wie Freizeitziel, um einzukaufen oder ins Kino zu gehen. Oder früher eben ins Pano oder ins Jolly. Und wenn’s um Fußball geht, da wurden die Daumen sowieso für Eintracht Braunschweig gedrückt.
Die Tochter beginnt demnächst ihr Studium in Göttingen. Zeit für die Eltern, sich neu zu orientieren. „Wir überlegen, nach Braunschweig zu ziehen“, sagt Rifat Fersahoglu-Weber. „Braunschweig ist echt lebenswert.“ Wären die Häuser nur nicht so teuer … Lengede im Landkreis Peine, wo er jetzt mit seiner Familie wohnt, ist auch schön. Dort sitzt Fersahoglu-Weber für die SPD im Ortsrat.
Aufgewachsen ist er in Salzgitter. Der Vater war ein typischer Gastarbeiter, hat in der Stahlhütte gearbeitet und ist – auch das typisch – wie die meisten geblieben. „Mein Vater kommt aus Südanatolien, meine Mutter aus Salzgitter-Bad und meine Oma aus Ostpreußen. Wenn man es platt ausdrücken möchte: Ich bin zwischen Döner und Königsberger Klopsen aufgewachsen.“ Nur Türkisch spricht er selbst nicht.
Wenn Fersahoglu-Weber in diesen Tagen wieder einmal Bilder von Menschen auf der Flucht sieht, geht ihm die eigene Familiengeschichte durch den Kopf, dann sieht er Parallelen. „Das sind erst einmal mutige Menschen“, sagt er. „Wie mein Vater, der ist auch einfach losgegangen auf der Suche nach einem besseren Leben.“ Und: „Es ist legitim, sich ein besseres Leben zu wünschen.“ Deshalb habe jeder Flüchtling, egal aus welchem Land, ein Recht, dass seine Aufenthaltsmöglichkeit geprüft wird. Das ist seine persönliche Meinung. „Wir brauchen Zuwanderung, und wir brauchen eine Zuwanderungsquote.“

Abends im Lichterglanz

Der Kohlmarkt ist schön, sehr schön, wegen der vielen Cafés rundherum und der südländischen Atmosphäre. Noch schöner aber findet Rifat Fersahoglu-Weber einen anderen Ort: „Mein Lieblingsplatz ist der Altstadtmarkt.“ Nicht wenn sonnabends ein Marktstand neben dem anderen steht, sondern wenn es dunkel wird, und die Lichter angehen.
Die Menschen seien stolz auf ihre Stadt, das sei spürbar. Noch vor ein paar Jahren hätte niemand vom Braunschweiger Land gesprochen, auch darin sieht Rifat Fersahoglu-Weber das Zeichen einer neuen Identität.

Zur Serie:

Menschen aus Braunschweig, die wir eigentlich kennen, möchten wir von einer anderen Seite vorstellen.
Deshalb bitten wir sie, mit uns einen Stadtrundgang zu machen. Zu Lieblingsplätzen, Orten, die mit besonderen Geschichten verbunden sind, oder auch in die Ecken, die total unbeliebt sind.
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