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„Die Welt hat Haiti vergessen“

Veranstalten ein Haitianisches Kulturfest und beantworten gleich Fragen zur aktuellen Situation in dem Land: Peter Backmann und Girandoux Fandio (hinten v.l.), zweiter und erster Vorsitzender des Haitianischen Kulturvereins Niedersachsen, sowie Marie-Anne Fandio mit den beiden Kindern Matthieu und Arnold. Foto: Leute
 
Und wieder vor dem Nichts: Nur sechs Jahren nach dem Erdbeben hat Haiti wieder eine Naturkatastrophe heimgesucht. Wirbelsturm „Matthew“ hinterließ eine Spur der Verwüstung. Fast 400 Menschen starben, zahlreiche Häuser wurden zerstört. Foto: oh

Der Haitianische Kulturverein feiert ein Kulturfest und informiert über die aktuelle Lage.

Von Birgit Leute, 11.10.2016.

Braunschweig. Zum Feiern ist Girandoux Fandio eigentlich nicht gerade zumute. Der 43-Jährige ist Vorsitzender des Haitianischen Kulturvereins Niedersachsen. Am Wochenende veranstalten die Mitglieder ein zweitägiges Fest unter dem Titel „Haiti – die Farben des Lebens“ in Braunschweig und stellen ihr Land vor. Doch nach der jüngsten Katastrophe wird es neben Tanz und Gesang sicher auch um die aktuelle Lage in Haiti gehen.

„Die Folgen von Wirbelsturm ’Matthew‘ sind verheerend“, sagt Fandio ernst. Der Hurrikan, der Ende vergangener Woche über Haiti zog, hat Hütten und Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Inzwischen breitet sich auch die Cholera in dem karibischen Inselstaat aus. „Ausgerechnet die, die gar nichts haben, stehen wieder vor dem nichts“, erzählt der Ingenieur betroffen.
Fandio selbst stammt aus Kamerun, doch seine Frau ist Haitianerin und fürchtete bereits 2010 um ihre Familie. „Meine Mutter lebt in Port-au-Prince. Als vor sechs Jahren in Haiti die Erde bebte, hatte ich große Angst, dass sie nicht überlebte. Und jetzt ist wieder alles verwüstet“, erzählt Marie-Anne, die 2005 als Flüchtling nach Deutschland kam und inzwischen mit Mann und Kindern in Wolfsburg wohnt.

Das Problem, sagt sie, sei die unsichere politische Lage und die grassierende Korruption. „Die Hilfe kommt bei den Menschen nicht an. Selbst Jahre nach dem Erdbeben wohnen viele immer noch in provisorischen Häusern. Junge Leute haben zudem kaum eine Perspektive, wohnen nach dem Abitur bei den Eltern, weil sie sich keinen Studienplatz leisten können und kaum Arbeit finden“, erzählt Marie-Anne.
Sie selbst rettete vor rund zehn Jahren mit der Flucht nach Europa buchstäblich ihre Haut. „Frauen und Mädchen werden in Haiti immer wieder Opfer von Vergewaltigungen“, erzählt sie über ein Land, das bis 2005 die Täter einfach straffrei ausgehen ließ. Auch nach den jüngsten Naturkatastrophen, so Marie-Anne, sei es immer wieder zu Überfällen auf Frauen gekommen.
Die 37-jährige Haitianerin sieht in dem Fest am Freitag (14. Oktober) und Samstag (15. Oktober) auch die Chance, ihr Land in den Fokus zu rücken. „Die Welt hat Haiti in den vergangenen Jahren ziemlich vergessen“, sagt ihr Mann Girandoux.

Rund 15 aktive Mitglieder hat der Haitianische Kulturverein Niedersachsen mit Sitz in Braunschweig, außerdem viele unterstützende Familie aus verschiedenen Ländern. Girandoux Fandio zur Seite steht Peter Backmann als zweiter Vorsitzender. „Wir möchten am kommenden Wochenende neben unserer Arbeit vor allem die Kultur und Tradition von Haiti vorstellen“, sagt Fandio. Höhepunkt ist der Auftritt des haitianischen Gospelchors „Act for God“ am Freitag, 17 Uhr, im Christuszentrum Braunschweig. Die Sänger reisen für ihren Auftritt eigens aus Frankreich an. Beim Kulturfest am Samstag im Kulturpunkt West können sich die Besucher dann ab 16 Uhr von dem karibischen Lebensgefühl anstecken lassen: Dann präsentieren die Kinder des Vereins typisch kreolische Tänze und Lieder.

Haitianisches Kulturfest

• Freitag (14. Oktober),
17 Uhr, Christus-Zentrum Braunschweig, Am Alten Bahnhof 15: Haitianischer Gospelabend mit dem Chor „Act for God“ aus Frankreich. Karten sind in der Friedenskirche, Kälberwiese 1, und im Christus-Zentrum erhältlich.

• Samstag (15. Oktober),
16 Uhr, Kulturpunkt West, Ludwig-Winter-Straße 4: Haitianischer Kulturabend mit Bühnenprogramm, Kunsthandwerk, Büfett und Tanz. Restkarten an der Tageskasse.
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