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„Die Luft wird für uns dünner“

Alle Investitionen – wie die für zwei neue Operationssäle – werden mit dem Ziel getätigt, gleichzeitig Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Immer mehr Krankenhäuser werden jedoch selbst zum Patienten. Klinikum Braunschweig/Jörg Scheibe

Klinikum: Jahresabschluss mit kleinem Plus.

Von Marion Korth, 20. August 2014.

Braunschweig. „Eine Punktlandung, mehr nicht“, so kommentierte Oberbürgermeister Ulrich Markurth das Jahresabschlussergebnis des Städtischen Klinikums.

Bei rund 260 Millionen Umsatz konnte eine knappe Million Euro erwirtschaftet werden. Immerhin noch eine schwarze Zahl, schließlich schreibt bereits die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland rote Zahlen. Im Vergleich steht das Klinikum als kommunaler Regel- und Maximalversorger richtig gut da. Markurth forderte eine politische Lösung für die Krankenhausfinanzierung. Trotz aller Bemühungen zur Effizienz- und Qualitätssteigerung: „Auch für uns wird die Luft dünner“, sagte Geschäftsführer Helmut Schüttig gestern.
Das Klinikum steht trotz „chronischer Unterfinanzierung“ gut da. „Keine Zauberei“, wie Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Ulrich Markurth betonte. Wirtschaftliches Denken habe dort begonnen, als die Krankenhäuser noch nicht „mit dem Rücken zur Wand standen“. Anders als andere kommunale Krankenhäuser habe das Klinikum bei der Ausgründung (es ist heute eine gemeinnützige GmbH) sein Vermögen behalten können und musste auch in den Folgejahren keine Gewinne an die Stadt abführen. Dies sei das Polster, das dem Klinikum trotz widriger Rahmenbedingungen Investitionen ermögliche.
Gekauft wurde moderne Technik, immer sei damit aber ein Gewinn an Qualität und Wirtschaftlichkeit verbunden gewesen, sagte Ärztlicher Direktor Professor Dr. Horst Kierdorf. Als Beispiele nannte er den Hubschrauberlandeplatz direkt oben auf dem Dach der Intensivstation, einen besseren und vor allem schnelleren Hochleistungs-Computertomographen, neue Operationssäle oder die erweiterte Intensivstation der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Auch die geriatrische Rehabilitation ist ein Schritt, um das Leistungsspektrum des Klinikums dem Bedarf anzupassen. Das Qualitätsmanagement helfe, Prozessketten zu verbessern. „Damit machen wir unseren Mitarbeitern das Leben leichter und erhöhen die Behandlungsqualität für unsere Patienten“, sagte Kierdorf. Insgesamt befinde sich das Städtische Klinikum auf „universitärem Niveau“. Nur so sei es möglich, Leuchtturm-Kapazitäten ins Ärzteteam zu holen.
Gleiches gilt für das Pflegepersonal. „Wir schulen und fördern unsere Mitarbeiter“, sagte die stellvertretende Pflegedirektorin Birgit Walther. Karrieremöglichkeiten wie ein berufsbegleitendes Studium an der Ostfalia bringen junge Leute dazu, sich im Klinikum zu bewerben. „Wir haben noch Zulauf, auch von anderen Häusern.“
Der erste Bauabschnitt des Mega-Projektes, um das Klinikum auf zwei Standorte zu konzentrieren, sei so gut wie abgeschlossen, seit 2006 seien rund 76 Millionen Euro verbaut worden. Damit der volle Grad der angestrebten Effizienzsteigerung erreicht werden kann, werden weitere Zuwendungen des Landes erwartet. Im November geht es weiter, dann soll an der Salzdahlumer Straße ein neues Bettenhaus entstehen.
Auch für das laufende Jahr rechnet Geschäftsführer Helmut Schüttig mit einem Plus von mindestens einer Million Euro. Dazwischenkommen dürfe allerdings nichts. Nachdem im vergangenen Jahr Korrosionsschäden an ärztlichen Instrumenten festgestellt worden waren, habe nur ein straffes Krisenmanagement längere Operationsausfallzeiten verhindern können. Aber so etwas könne vorkommen. Seither wurde der gesamte Reinigungsprozess überprüft und verändert.

DIE SITUATION

„Wir möchten und wir dürfen die Patienten nicht wegschicken“, sagt Dr. Horst Kierdorf. Auch nicht die Patienten, die mit Wespenstich oder Kopfschmerzen in die Notaufnahme kommen. Fakt sei aber, dass 31 Euro als Kassenleistung für die Notbehandlung nicht die Kosten decken. „Rosinen picken“ komme für ein kommunales Krankenhaus nicht in Frage.
Die Schere klafft immer weiter auseinander: gedeckelte Einnahmen und Investitionsstau des Landes einerseits sowie steigende Ausgaben für Löhne, Behandlungstechnik, Medikamente und eine alternde Gesellschaft mit schwerwiegenderen Erkrankungen andererseits. Die Zeiten des Bettenabbaus sind vorbei. „Niedersachsen hat eine Unterversorgung“, sagt Ulrich Markurth. der Aufsichtsratsvorsitzende fordert eine politische Lösung. „Sonst werden wir bald vor der Frage stehen, ob ein 80-Jähriger noch eine neue Hüfte bekommt.“
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