Anzeige

„Die Frauen verschieben die Grenzen“

Die Braunschweigerinnen des Internationalen Frauenkreises beim Picknick im Grünen: „Überall in den Städten gibt es Parks und kleine Oasen, die ausgiebig und von allen genutzt werden.“ Foto: oh
 

18 Braunschweigerinnen des Internationalen Frauenkreises reisten in den Iran – „Ein gastfreundliches, offenes Land“.

Von Birgit Leute, 08.01.2014.

Braunschweig. Schwarz oder farbig? Eine Reise in den Iran wirft im Vorfeld viele Fragen auf. Aber eine der wichtigsten ist: Wie muss der Schleier aussehen?
Es ist eben nicht egal, ob man als Mann oder Frau in den Iran reist. Und der erste Stolperstein wartet schon, noch bevor das Flugzeug überhaupt gen Teheran gestartet ist.

„Bereits für das Bild im Visum mussten wir ein Kopftuch aufsetzen“, erinnert sich Doris Bonkowski, Leiterin des Büros für Migrationsfragen, an die erste Irritation. Im Oktober letzten Jahres war sie mit 18 Braunschweigerinnen des Internationalen Frauenkreises – viele selbst im Ausland geboren – in den Iran aufgebrochen. Ein Land, bei dem zu allererst Ayatollahs und gestrenge Sittenwächter in den Sinn kommen. „So ein Kopftuch tragen zu müssen, allein um einreisen zu können – da sträubte sich erst einmal alles in mir“, erzählt Teilnehmerin Joëlle Ohlmer-Trouvé.

Doch die Französin und ihre Mitreisenden erkannten schnell: Die strengen Regeln im ehemaligen Persien haben sich längst gelockert: „Der schwarze Tschador wird seltener“, staunte selbst die Iranerin Sara Rhoda, die die Gruppe begleitete und vor neun Jahren noch ganz andere Erfahrungen gemacht hatte. „Man spürt überall, dass die Frauen – vor allem die jungen – die Grenzen verschieben. Nicht mit einem Paukenschlag, nicht durch eine Revolution, sondern unmerklich, Schritt für Schritt“.

Der Schleier – so absurd es erst einmal erscheint – ist fast so etwa wie ein Sinnbild für den Fortschritt: Formal akzeptiert, doch eher nachlässig und nicht selten als Modeaccessoire getragen. „Die Frauen in den Städten sind alles andere als unterwürfig. Ganz im Gegenteil: Viele sind hochgebildet und äußerst selbstbewusst“ erzählt Kate Grigat von anregenden Gesprächen über Kunst und Politik in fließendem Englisch.

Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Iraner wird den Besuchern aus Braunschweig wohl lange in Erinnerung bleiben. Denn ob in der quirligen Hauptstadt Teheran mit ihrem zum Teil lebensgefährlichen Verkehr, im grünen Isfahan oder in einer stark europäisch geprägten Metropole wie Shiraz – überall stießen die reiselustigen Frauen auf offene, herzliche und sehr interessierte Menschen. „Der Wunsch, dass das Ausland den Iran positiver sieht, nicht als drohende Atom-Macht, sondern als Land mit einem reichen und uralten Kulturschatz ist stark in der Bevölkerung“, sagt Bonkowski.

Also ist unser Bild ganz falsch? Gibt es gar keine Unterdrückung der Frauen? Keine gesellschaftlichen Spannungen wie in den anderen arabischen Staaten? Nicht ganz. Es gibt tatsächlich Einschränkungen für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Viele müssen trotz einer guten Ausbildung untergeordnete Arbeitsstellen annehmen. Außerdem sorgt eine stete Inflation für schleichende Armut. „Viele junge Leute sehen nicht wirklich eine Perspektive für sich und wandern ab – trotz des Stolzes auf ihr Heimatland“, so Bonkowski.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.