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„Die Elternangst ist kontraproduktiv“

In falscher Richtung im Halteverbot. Das hat zur Folge, dass der Schulbus nicht wie vorgesehen halten kann. Fotos: André Pause
 
Verkehrssicherheitsberaterin Ines Fricke spricht mit den Schülern über die Aktion und verteilt kleine Geschenke.

Polizei und Schulkinder klärten im Hohestieg über Halteverbote und den autolosen Schulweg auf.

Von André Pause, 20.09.2014.
Braunschweig. Es sei immer das Gleiche, berichtet Gabriele Hübner, Leiterin der Grundschule Hohestieg: Jeden Morgen um kurz vor acht Uhr drängelten sich die Autos vor der Einfahrt zu den Grundschulen Hohestieg und St. Josef.

Auch Schulbusse kämen nicht mehr vernünftig durch die schmale Straße im westlichen Ringgebiet, weil motorisierte Mütter und Väter ihre Sprösslinge quasi direkt ins Klassenzimmer fahren.
Wer die Szenerie beobachtet, erkennt das Dilemma und bemerkt, dass sich die Eltern hier so recht weder um das absolute Halteverbot, noch um markierte Sperrflächen scheren. Aufklärung tut also not, vor allem zum Schulanfang – schließlich ist manches elterliche Rangiermanöver für zu Fuß kommende Schüler nicht so ganz risikolos. Gemeinsam mit den Schülern haben sich die Polizeibeamten Ines Fricke und Jens Weidemann der Problematik angenommen. Mit Signalband und Pylonen wurde der besagte Bereich markiert, zusätzlich auf dem Gehsteig drapiert: zwei Duzend von den Kindern selbst gebastelte Schultüten. Das fällt auf, möchte man meinen. Eine gewisse Wirkung verfehlt die Aktion unter dem Motto „Kleine Füße – sicherer Schulweg“ zunächst auch nicht. Gabriele Hübner ist begeistert: „So leer habe ich den Bereich zu dieser Zeit noch nicht gesehen.“ Sie deutet auf einen eintreffenden Schulbus-Van: „Der konnte noch nie hier parken.“
Doch schon einen Augenblick später müssen Beamte und Schüler das erste Mal eingreifen. Ein Wagen parkt in falscher Richtung im absoluten Halteverbot, die Schülerbeförderung in Linienbusgröße hat keine Chance. Martin Stamm, der fast jeden Tag Tochter und Sohn mit dem Auto zur Schule bringt, ist umringt von Schutzweste tragenden Grundschülern, lässt sich von ihnen informieren und bekommt als kleine Erinnerung noch einen Flyer mit. „Grundsätzlich finde ich die Aktion super. Allerdings würde ich auch erwarten, dass vor der Schule ein paar Kurzabladeplätze zur Verfügung stehen. Letztlich mache ich ja nichts anderes als der Schulbus auch“, sagt der Familienvater. Den Einwand von Polizeioberkommissar Weidemann, er könne doch 100 Meter weiter nach einem Parkplatz schauen, kontert Stamm: „Sie wissen doch selbst, dass es dort auch nicht besser aussieht.“
Einige Meter weiter, ein paar Minuten später: Beamtin Ines Fricke traut ihren Augen nicht. In ihrem Blick – nackter Unglaube. Ein Familienvater parkt nicht nur auf der Sperrfläche, er hat statt Kindersitzen wenig vertrauenerweckende Polster im Auto angebracht. Yusuf Gültekin zeigt allumfassend Reue. Nicht nur um sichere Sitze wolle er sich nun kümmern: „Wir werden in Zukunft besser aufpassen, wo wir halten dürfen. Bisher haben wir unseren Sohn, der gerade eingeschult wurde, fast jeden Tag gebracht, weil wir zwei Kilometer entfernt wohnen und aufgrund der Baustellensituation am Ring Angst haben.“
Für Schulleiterin Gabriele Hübner – das Kollegium der St. Josef-Schule zeigt zumindest vor Ort kein Interesse am Engagement der Schüler (O-Ton Ines Fricke: „Das ist dann ja auch ein Statement.“) – kann die in ihren Augen kontraproduktive Angst der Eltern nicht nachvollziehen. Den zu Fuß absolvierten Schulweg hält sie aus vielerlei Hinsicht für sinnvoll: Die Kinder hätten nicht nur Bewegung an der frischen Luft, sie würden auf diese Weise auch die Umgebung erkunden und kämen unterwegs mit Schulkameraden in Kontakt. „Es gibt einige Wege, Kinder selbstständig zu machen, wenn man es will“, kommentiert Hübner. Auch das Argument der schweren Schultaschen ziehe nicht: „Alle Kinder haben Fächer, in denen die schweren Bücher deponiert werden könnten.“
Vonseiten der Stadt ist die Schülerbeförderung im Übrigen klar geregelt: Die Grenze für das Zufußgehen liegt bei zwei Kilometern. Alle Kinder, die einen weiteren Weg haben, erhalten Karten für Öffentliche Verkehrsmittel. „Wenn alle ein wenig Rücksicht nehmen würden, würde einiges besser funktionieren“, seufzt Ines Fricke und ergänzt: „Die Verantwortung in diesem Fall liegt eindeutig bei den Eltern. Allein deshalb werden wir diese Aktion auch fortsetzen.“
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