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Dicht dran an den Menschen

Norbert Winkler, scheidender Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie. Neben dem schwarzen Tee gehörte der karierte Schal zu seinen „Markenzeichen“. Foto: T.A.
 
Keine Scheu vor Ortsterminen: Im vergangenen Jahr machte sich Norbert Winkler (3.v.l.) gemeinsam mit der Sozialdezernentin Dr. Andrea Hanke (2. von l.) ein Bild von der Lage der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die bei ihrer Ankunft schnell im Jugendzentrum Neustadtmühle untergebracht werden mussten und heute in einer Unterkunft in der Neuen Knochenhauer Straße wohnen (links Martin Albinus, rechts Übersetzerin Sara Rhoda). Archiv: T.A.

Norbert Winkler, Leiter des Jugendamtes, geht in den Ruhestand.

Von Birgit Leute, 01.06.2016.

Braunschweig. Tintenschwarz und stark musste er sein. Während für die Kollegen Kaffee auf den Sitzungstisch kam, wussten die Sekretrinnen in der Verwaltung: Vor Norbert Winkler gehörte eine Teekanne.

Nach 34 Jahren verabschiedet sich der Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie, also des Jugendamtes, jetzt in den Ruhestand – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Auf seine norddeutsch-nüchterne Art führte der gebürtige Braker und gelernte Jurist vergleichsweise geräuschlos den mit rund 1000 Mitarbeitern personalstärksten Fachbereich der Stadt. Und stieß doch mehr als einmal an seine Grenzen. „Ohne diesen starken Stamm von qualifizierten Mitarbeiter/-innensind die Aufgaben, die heute an den sozialen Bereich gestellt werden, kaum zu bewältigen“, sagt Winkler.

Viel Verantwortung

Seit den Fällen von Kindesmisshandlungen in Bremen, Hamburg oder Schwerin werden die Jugendämter mit Argusaugen beobachtet. Hinzu kommen immer neue gesetzliche Vorgaben – vom Ausbau der Krippenplätze bis zur optimalen Betreuung. „Wir werden von den Eltern gefordert, Lösungen zu finden“, sagt Winkler mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mehr noch: Im Falle von Kindesmissbrauch – den es in Braunschweig Gott sei Dank in den vergangenen Jahren nicht gegeben hat – muss der Leiter des Jugendamtes gegebenenfalls persönlich haften. „In verschiedenen Städten mussten politisch verantwortliche den Hut nehmen“, weiß der 63-Jährige.
Die Stadt ist heute eben ein Dienstleistungsunternehmen, muss transparent arbeiten und sich auch der Kritik stellen. „Das war vor 30 Jahren völlig anders“, sagt Winkler. Als er Anfang der 80er Jahre seinen Dienst – damals als juristischer Sachbearbeiter – antrat, hätte es zwischen Stadt und Bürgern einen wesentlich geringeren Austausch gegeben. „Die Verwaltung erschien mir wie ein hermetisch abgeschlossenes Bollwerk“, sagt Winkler. Mitbestimmung? Bürgerbeteiligung? Das waren Fremdworte zur damaligen Zeit, oder hatten zumindest nicht die Bedeutung wie heute.

Selber „Platte gemacht“

Anfang der 90er brach dieses Bollwerk auf. Winkler übernahm die Leitung des Sozial-, später des Jugendamtes und erlebte hautnah die Licht- und Schattenseiten in der Stadt. „1991 fehlten in Braunschweig an allen Ecken und Enden Wohnungen, was dazu führte, dass die Zahl der wohnungslosen Menschen sprunghaft anstieg. Die Stadt konnte nicht anders und brachte diese Menschen zentral unter, zum Beispiel rund 300 Personen in der Vorwerk-siedlung – und sorgte ungewollt für einen enormen sozialen Sprengstoff“, erinnert sich Winkler.

Die Anwohner protestierten vehement, worauf Winkler in seinen Wagen stieg und sich selbst ein Bild machte. „Die Zustände in den Unterkünften waren tatsächlich unbeschreiblich: Ich stand in einer Wohnung, die vollkommen verwahrlost war und nach Müll stank“, erinnert sich Winkler.
Es war klar: Hier musste schnellstens gehandelt werden. Zwar schwand die Wohnungsnot nicht über Nacht, aber die Wohnungslosen wurden besser und – so wie heute üblich – dezentral in kleine, betreute Wohneinheiten untergebracht. „Kaum einer kann sich vorstellen, was es heißt, kein Dach über dem Kopf zu haben“, sagt Winkler nachdenklich. „Ich auch nicht, bis ich mich entschloss, selbst für eine Nacht Platte zu machen.“ An einem kühlen Oktoberabend schnappte sich der zweifache Familienvater seinen Schlafsack und gesellte sich zu den Wohnungslosen, die damals mitten in der Innenstadt an der Bartholomäuskirche campierten. „Die Art und Weise, wie mit der Wohnungslosigkeit später umgegangen wurde, war ein echter Systemwechsel“, sagt Winkler.

Gut aufgestellt

Er erlebte noch viele weitere – die Einführung der Pflegeversicherung als fünfte Säule im Sozialversicherungssystem, den verbesserten Kinderschutz und, ganz aktuell, die Versorgung und Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.
„Was den Schutz von Kindern betrifft, sind wir heute in Braunschweig sehr gut aufgestellt“, sagt der scheidende Jugendamtsleiter nicht ohne Stolz. Jugendamt, Kinderärzten, Kitas, Schulen und Jugendzentren seien eng vernetzt, um möglichst frühzeitig Problemlagen in den Familien zu erkennen.
Das Amt selbst arbeitet betont niedrigschwellig. „All das ist aber nur mit hohem Personalaufwand möglich“, sagt Winkler mit Blick auf die Kosten, die der Kinder- und Jugendbereich inzwischen benötigt und für die er sich regelmäßig rechtfertigen muss.
Wenn Winkler in den kommenden Tagen endgültig seine Teekanne einpackt, dann spürt er doch ein bisschen Wehmut. „Der Austausch mit den Partnern, der Kontakt zur Öffentlichkeit und den Kollegen wird mir fehlen“, sagt er.
Und freut sich doch gleichzeitig auf die Möglichkeit, langgehegte Reisepläne umsetzen und mehr Zeit mit seinen beiden Enkeln verbringen zu können.
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