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Der Vorhang fällt, jetzt ruft der Berg

Nach 33 Jahren als Sänger und Inspizient am Staatstheater hat Gottfried Mäge heute seinen letzten Arbeitstag

Von Marion Korth

Braunschweig. Ein Schaltpult, viele Knöpfe und Regler: Ein bisschen wie im Raumschiff Enterprise. Der Arbeitsplatz des Theaterinspizienten Gottfried Mäge – per Funk verbunden mit der Mannschaft. Ohne sein Kommando läuft auf der Staatstheaterbühne nichts. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag. „Ein merkwürdiges Gefühl“, sagt er.

Der Inspizient gibt das Kommando, wann der Vorhang sich heben darf, wann der Darsteller seinen Auftritt hat, wann ein Strahler leuchten soll. Er ist der Mann, der die Vorstellungen von Regisseur und Bühnenbildner umsetzt. Heute Abend noch einmal Tanztheater, „Don Quijote“ wird gegeben, danach sagt Mäge (59) „tschüs“. Abschied in den Ruhestand nach 15 Jahren als Sänger und 18 Jahren als Inspizient.
Nein, er glaubt nicht an eine große Feier. Und überhaupt ist ihm die viele Aufmerksamkeit fast schon ein bisschen peinlich. „Ich bin ein eher leiser Mensch“, sagt er. Ja. Und eine stille Autorität. Die Art, wie ihn Techniker, Schauspieler oder Chorsänger begrüßen, zeugt von Respekt und Wärme gleichermaßen. Kaum einer am Theater hat wohl mit so vielen Menschen zu tun: Garderobiere, Chor, Orchester, Regisseur, die Technik. „Trotzdem ist der Inspizient ein Einzelkämpfer“, sagt er. Das ist das Besondere an seinem Beruf, den man nicht im klassischen Sinn erlernen kann.
Mit den Bühnenabläufen kannte sich der Sänger Gottfried Mäge aus, alles andere hat er sich abgeschaut. Organisationstalent und unerschütterliche Ruhe brachte er mit. In den Noten kann der studierte Musiker lesen wie in einem Buch. Die Noten sind seine Landkarte, die ihn durch das Stück führen. Er weiß, wo er ist, und gibt den anderen ihren Einsatz. Er muss sich auf die Kollegen verlassen können und die sich auf ihn. „Eine sehr konzentrierte Arbeit“, sagt er. Langweilig ist es nie, immer passiert irgendetwas Unvorhergesehenes. Mäge ist der Krisenmanager, wenn die Schauspielerin nicht aus der Versenkung auftaucht, die Drehbühne sich nicht drehen will. „Einmal musste ich deswegen den Vorhang fallen lassen“, erzählt Mäge. Danach hatten die Techniker ihren Einsatz.
Überhaupt, die Techniker und Maschinisten. „Mit denen habe ich unheimlich gern gearbeitet, die machen tolle Arbeit und sind mir sehr ans Herz gewachsen“, sagt Mäge. Ganz oben in seiner Achtung steht Regisseur Thomas Wünsch („Jede Produktion war die reine Freude.“). Auch oder sogar vor allem wegen der angenehmen Arbeitsatmosphäre. Mäge legt Wert auf dieses Mitmenschliche. „Das ist wichtiger als den Macker zu markieren.“ Wenn die Chemie stimmt, so seine Erfahrung, wird alles einfacher. Er ist froh, dass er in seiner Berufszeit nur ganz selten einmal energisch werden musste.
Der Inspizient hat seine Arbeit gut gemacht, wenn er ein „optimales Umfeld“ für die Hauptperson auf der Bühne geschaffen hat, sie ungestört alles geben kann. Aber dennoch gab es eine Situation, da war auch der Mann am Schaltpult machtlos. Die Musik spielte zu laut für seine Ohren. Das war vor fünf Jahren. Lärmtrauma, Tinnitus. Seither ist „das Ding“ in seinem Kopf. Ein Dauerton, der ihn immer und überall begleitet. „Am schlimmsten ist für mich der Verlust der Stille“, sagt er. Der lauten Welt ist er gern entflohen, hinaus in die Natur, zum Wandern. Wenn er jetzt geht, dann geht der Ton mit ihm. So richtig wird er sich als musikalischer Mensch wohl nie daran gewöhnen, aber er versucht es.
33 Jahre lang war Mäge so eine Art Konstante, aber sonst regiert am Theater der Wechsel. „Gerade hat man sich angefreundet, dann geht derjenige wieder weg.“ Viel Zeit, neue Freunde zu finden und Freundschaften zu pflegen, hatte er sowieso nicht. Da sind die Arbeitszeiten bis in den Abend, die Anforderungen, während das Stück läuft, die Musik spielt. „Das ganze Privatleben richtet sich nach dem Theater“, sagt Mäge. Eine Feststellung, kein Vorwurf.
Aber das wird jetzt anders. Erst einmal zur Ruhe kommen, sich klar werden, wie er seine Zeit sinnvoll nutzen, wofür er sich engagieren möchte. Mit seiner Frau zieht es ihn wieder in den Süden. In Franken geboren, in Oberbayern aufgewachsen, ist Gottfried Mäge ein Mann der Berge. Deshalb fährt er auch so gern in den Harz. „Eine große Liebe habe ich zu Goslar.“ Da findet er beides: Kultur und Natur.
33 Jahre sind eine lange Zeit, aber Gottfried Mäge ist bereit für neue Aufgaben: „Ich freue mich auf ein selbstbestimmtes Leben.“ Und von den vielen Freunden in Süddeutschland, die er viel zu selten besucht hat, hat er „schon ganz viele Einladungen“ erhalten.
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