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Der Tuareg Toujani, der sich nach der Weite der Wüste sehnt

Der Kunstschmied kommt aus dem Land, in dem die Dino-Knochen geborgen worden sind

Von Marion Korth, 01.11.2009

Braunschweig. Niger gilt als das ärmste Land der Erde, aber Toujani Abdoulkader fühlt sich reich. „Meine Freiheit ist mir wichtiger als materieller Besitz“, sagt er. Der Kunstschmied gehört zum stolzen Volk der Tuareg. Für zwei Wochen hat er die Wüste hinter sich gelassen. Aber ein bisschen heimisch kann er sich doch fühlen.

Toujani, wie ihn auch Dr. Ulrich Joger, Leiter des Naturhistorischen Museums, immer nur nennt, hat sein Zelt nicht weit von den Dinosaurierskeletten aufgeschlagen, die im Niger geborgen und nach Deutschland gebracht worden sind. „Ein Dinosauriermuseum dort wäre der pure Luxus, die Leute haben drängendere Sorgen“, sagt Joger. Zum Beispiel, Schulen zu bauen, damit ihre Kinder etwas lernen. Toujani sagt selbst, dass er kaum Schulbildung hat. Wie auch, wenn die Familien immer unterwegs sind? Sein Französisch aber ist ausgezeichnet. Die Sprache seines Volkes spricht er ebenfalls, kann sie aber nur in Ansätzen schreiben.
Als Gegenleistung für die rund 130 Millionen Jahre alten Knochen, die nun in Deutschland in der Dino-Ausstellung zu sehen sind, wird mit Unterstützung der Volkswagenbank sowie der Lotto-Stiftung der Bau von Brunnen in der Wüstenregion sowie der von Schulen gefördert. Auch die Kooperative, für die Toujani arbeitet, verfolgt dieses Ziel. Die Einnahmen ernähren seine Familie und die der anderen Kunsthandwerker, Überschüsse aber werden für die Schulen verwandt. Im Museum und am heutigen „Mumme-Sonntag“ auch vor dem Schlosscarrée verkauft er den feinen Silberschmuck.
Natürlich hätten er und die anderen Stammesmitglieder von dem Saurierfriedhof in der Wüste gewusst. Es gibt sogar ein Kinderlied, das von „Jobar“ einem Untier oder Art Drachen erzählt. Deshalb heißt die im Niger gefundene Saurierart auch „Jobaria“. Über das Interesse der weißen Männer an den Knochen hat sich der Tuareg allerdings sehr gewundert.
Immerhin hat er den Sauriern die Reise nach Deutschland zu verdanken. Er war schon einmal hier. Ein „Auto, das fliegt“, also ein Flugzeug, kannte er bis dahin nicht. Auch nicht den Blick auf die Wolken. Und später Züge und Straßenbahnen. Das Wort „Stress“ kennt er, seitdem er in Europa war. Die Menschen scheinen ihm hier öfter unter Druck zu sein, wie Gefangene, meint er. „Wir sind arm, aber glücklicher.“
Regen fällt auch in Toujanis Heimat, aber selten. Solche Wassermassen wie in diesem Jahr sind völlig untypisch. Die Dörfer wurden überschwemmt, die Lehmhäuser fielen in sich zusammen. „Mein Haus ist auch zerstört“, sagt Toujani. 15 000 insgesamt in der Region, in dem sein Stamm lebt.
„Ja, wir leben noch immer traditionell“, erzählt er. Viele ziehen als Nomaden durchs Land. Eigentlich würde auch er lieber Hirte sein, aber durch seine Arbeit sei er gezwungen, die meiste Zeit in der Stadt zu wohnen. Eine Herde mit Kamelen, Schafen, Ziegen und Kühen hat er trotzdem. „Ich führe manchmal Touristen auf Kamelen durch die Wüste.“ Die Touristen kommen derzeit nur vereinzelt. Die Tuareg haben rebelliert, weil sie an der Ausbeutung des Urans, das in ihrem Gebiet liegt, mehr beteiligt werden wollen.
Sein Alter kennt er nicht genau, glaubt aber, dass 1970 sein Geburtsjahr, er also 39 Jahre alt ist. Das Kunstschmiedehandwerk hat Toujani von seinem Vater gelernt und der vorher von seinem. Eine Frau hat der Kunstschmied und fünf Kinder. Die Tuareg halten an Traditionen fest, sind aber längst in der Gegenwart angekommen: Toujani holt sein Handy heraus und zeigt Bilder seiner Familie. Er ist Muslim, aber bei den Tuareg tragen die Männer einen Schleier und nicht die Frauen. „Die Frauen sind bei uns sehr frei“, sagt Toujani. Freiheit ist überhaupt das Zauberwort. Für ihn und wohl für jeden Tuareg.
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