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„Der Otto, der führt doch ein lässiges Leben“

Otto Rui in seinem Büro im Physio an der Langen Straße. Foto: T.A.

Otto Rui weiß, dass er „skandinavisch lässig wirkt“ – doch der Chef der größten Fitnesskette der Region arbeitet im Grunde rund um die Uhr.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 18.08.2013.

Braunschweig. Otto Rui passt nur bedingt in unsere Serie „Ungewöhnliche Karrieren“, denn seine Berufswahl an sich ist nicht besonders ungewöhnlich, aber das, was der smarte Norweger daraus gemacht hat, ist relativ einmalig.

Zumindest hier in der Region ist Otto Rui Marktführer. Aus der kleinen Rehapraxis am Ritterbrunnen zum Besitzer von zwölf Fitnessstudios – Goslar, Hannover, Celle; neuerdings auch Köln. Und kein Ende in Sicht: Kiel und Berlin sind in Planung. Das Erfolgsrezept seiner Kette? „Wir schreiben draußen deutlich dran, was drinnen stattfindet“, beschreibt er das Konzept der klaren Außenwerbung. „Wir bieten Fitness, setzen auf das Training, wir sind keine Wellnesstempel.“ Durch die Konzentration auf den Sportfaktor könne er gute Preise bieten.
„Die Fitnesskette hat bald 40 000 Einzelkunden“, sagt er, und betont das deshalb, weil ihm der Umgang mit Einzelkunden die Freiheit lasse, auf besondere Kontaktpflege zu Firmen, Verbänden oder Organisationen in seiner Freizeit verzichten zu können. „Netzwerkarbeit, oder wie das neudeutsch heißt, ist nicht so meine Sache, ich bin auch nicht so oft auf offiziellen Veranstaltungen“, sagt er. Otto Rui engagiert sich lieber bei mehreren Sportvereinen in der Jugendarbeit.

Immer auf Touren

Apropos Freizeit. „Ich weiß, ich wirke skandinavisch entspannt, viele denken: Der Otto, der führt doch ein lässiges Leben. Aber in meinem Kopf arbeitet es immer.“ Der Mann ist ständig auf Touren. „Ich bin hibbelig“, sagt er, „wäre ich heute ein Kind, würde ich vermutlich Medikamente gegen ADHS bekommen“, sagt der 50-Jährige.
Dieses „Hibbeln“ hat Otto Rui von klein auf in seine eigene Formel umgesetzt: Bewegung mal Energie gleich Erfolg. Er selbst nennt das einen „fast schon masochistischen Ehrgeiz.“ Menschen, die ihn gut kennen, sagen: „Wenn du deinen Ochsenblick hast, halte ich mich fern.“
Er kann arbeiten wie ein Ochse, und er kann sich quälen wie ein Ochse. Immer in der Vorwärtsbewegung. Schon mit vier Jahren gab es die erste Auszeichnung für eine besonders gute Leistung in der Loipe rund um sein Heimatdorf Rissa bei Trondheim.
Der Vater ein Zahnarzt, die Mutter Krankenschwester, lebten er und seine drei Geschwister in einer recht wohlhabenden Familie. „Aber wir wurden relativ kurz gehalten“, erinnert sich Rui. Das Kind Otto Rui fand seine Freunde in einer nahgelegenen Plattenbausiedlung, „harte, coole Jungs“, sagt er heute.
Eine gewisse Härte hat er übernommen, vor allem im Umgang mit sich selbst. Eishockey, Handball, norwegischer Meiser im Hammerwerfen, norddeutscher Meister im Kugelstoßen, Speedskiing – eine Extremsportart, in der sich die Fahrer auf Skiern eine Piste herunterstürzen, „ich habe es in der Spitze auf 195 Stundenkilometer geschafft“, sagt Otto Rui und grinst ein wenig.
Unfälle bleiben bei dem Ehrgeiz nicht aus, die erste Rehamaßnahme stand mit 14 Jahren an und wurde prompt zum Berufswunscherweckungserlebnis. „Die Praxis war superschick, die Leute sehr nett, und sie hatten unglaublich beindruckende, hellblaue Uniformen an. Für mich stand fest: Das will ich auch.“
In Norwegen steht vor der Arbeit als Physiotherapeut eine universitäre Ausbildung, der Notendurchschnitt von 2,5 reichte für Otto Rui nicht. Also erst mal Medizin, dann hörte er von einer Schule in Berlin. „Die haben mich direkt genommen“, erzählt er. Mehr als 30 000 Mark BAföG hat er bekommen und zurückbezahlt. „Von meinen Eltern gab es kein Geld“, erzählt er, „sie meinten, ich schaffe das allein.“

Liebe in Braunschweig

Hat er auch. Und bekam bald Unterstützung – während der Ausbildung in Berlin traf Rui die Braunschweigerin Elke Rieche. „Vergangenes Jahr haben wir Silberhochzeit gefeiert“, erzählt er, „ganz klein, nur mit unserem Sohn und dessen Freundin, in einem Restaurant auf Mallorca.“ Bewegung und Natur, das verbindet das Ehepaar: Wandern im Harz, Skifahren in Norwegen oder Radfahren in Braunschweig. Seine Frau hat eine eigene Physiotherapiepraxis, „aber wir sprechen fast nie über Berufliches“, nennt Otto Rui eines seiner Rezepte für sein Eheglück.
Dafür hat er Torben Friedrich, seine rechte Hand, Geschäftsführer in allen seinen Fitnesscentern. „Er kümmert sich um das Tagesgeschäft, ist Ansprechpartner für das Personal und viel mehr“, sagt Rui. „Er hält mir den Rücken frei“, fügt er an.

Mut zum Aufbruch

Wofür? Für den Expansionskurs, den Drang zum Weitermachen. Nach einer Stunde im Gespräch fängt Otto Rui an zu zappeln, der Mann kann nicht gut stillsitzen. Direkt neben seinem Schreibtisch steht eine Hantelbank und ein Bauchbrett – für die kleine Bewegung zwischendurch. Das Büro hat er oben unterm Dach in seinem Flagschiff, dem Physio an der Langen Straße. „Ich hatte die Nase mit der Physiotherapie einfach voll“, erzählt er vom Sprung in die Fitnessbranche und der Eröffnung des ersten Studios 1997. „Mit jeder Gesundheitsreform wuchs die Bürokratie für uns, immer mehr Regularien.“
Otto Rui brauchte 75 000 Mark für den Start. Die Bank wollte Sicherheiten, die Eltern winkten ab, aber die Schwiegereltern stellten eine Bürgschaft in Aussicht. „Und dann ging es mit einmal auch so, meine Gesprächspartner in der damaligen Nord/LB gaben plötzlich grünes Licht“, freut sich Otto Rui noch heute, „sie haben an mein Konzept geglaubt, ich habe sie überzeugt, sie gingen das Risiko ein.“
Und er auch. Eine Bereitschaft, von der er gern mehr sehen würde. „Besonders hier in Deutschland werden die Menschen so sehr auf Sicherheit erzogen“, sagt er. Und nennt
Zahlen von der TU Braunschweig, nach denen nur fünf Prozent der Absolventen an eine spätere Selbstständigkeit denken. „In Polen sind das 60 Prozent, in Skandinavien immerhin rund 40 Prozent“, zählt er auf, „das ist doch schade für dieses Land.“
Denn er mag die Deutschen und ist hier gern zu Hause, besonders Braunschweig. „Ich bin dieser Stadt und ihren Bewohnern sehr dankbar“, betont Otto Rui, „Mitarbeiter, Wegebegleiter, Geschäftsfreunde, Ärzte, Banken und vor allem Patienten, Sportler und Kunden, sie alle tragen mein Unternehmen und glauben an meine Ideen.“
Nur die Risikobereitschaft, die könnte für ihn hier deutlich stärker ausgeprägt sein. Einfach mal den Weg gehen, von dem man träumt“, rät er. Er spricht von Mut und Aufbruch. Und erzählt von seiner Großmutter in Norwegen. „Sie war eine der ersten Zahnärztinnen in Norwegen, sie hat einfach ihr Ding gemacht. Und sie war dabei unglaublich humorvoll und warmherzig“, ist Otto noch heute beeindruckt.

Kein Ende in Sicht

Diesen Mut hat er übernommen und bewahrt. Verbunden mit Wissen und Einsicht. „Ich fahre zum Beispiel kein Alpinski mehr und habe auch mit dem Mannschaftssport aufgehört“, erzählt er, „ich habe zu viele Kreuzbandabrisse gesehen, das Risiko ist mit 50 Jahren einfach zu hoch.“ Alles sei eine Frage der richtigen Balance, ist er sicher. Immer schön in der Mitte – nicht zu viel, nicht zu wenig, das ist sein Rezept.
Nur bei seinem Ehrgeiz, da stimmt das Motto nicht. Aber immerhin – es gibt eine rein theoretische Planung eines Ruhestandes: „Ich erweitere auch deshalb ständig, um später für einen möglichen Käufer attraktiv zu sein.“ Otto Rui in den Bergen Norwegens, ganz still und ohne Arbeit – ein Bild, das sicherlich noch sehr lange auf Erfüllung warten muss.
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