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Der Löwe auf der Landkarte

Zwei Brasilianerinnen tauschten Sonne und Strand gegen Winter und Weihnachtsmarkt

Von Marion Korth, 06.12.2009

Braunschweig. Ein Klassenzimmer in Brasilien. Eine Weltkarte an der Wand, und dort, wo Braunschweig ist, hat der Lehrer einen Löwen hingeklebt. Julia Söhnchen Victor Rodrigues (15) und Ana Luiza Ramos Fernandes (16) haben den Löwen jetzt auch in Wirklichkeit gesehen – und den Weihnachtsmarkt drumherum.

„Das war für mich eine Überraschung, so etwas gibt es bei uns in Rio de Janeiro nicht“, sagt Ana Luiza. Auch keine Lebkuchen und Weihnachtsbäckerei. Mit Ausnahmen: „Meine Oma macht das, und ich habe Fotos gesehen von singenden Kindern, alles ist dekoriert, deshalb wollte ich gern in der Weihnachtszeit kommen“, erzählt Julia. Die Familie ihrer Mutter hat deutsche Wurzeln. Die Urgroßeltern waren einst nach Brasilien ausgewandert.
Julia führt die Verbindung zu Deutschland fort, besucht die zehnte Klasse der deutschen Schule in Rio de Janeiro. Eine Privatschule – es ist ein Privileg, sie besuchen zu dürfen. Das wissen die Mädchen. Ana Luiza hat zu Hause niemanden, der deutsch spricht. Mit Grausen erinnert sie sich an die Anfangszeit in der neuen Schule. „Niemand konnte mir mit der Sprache helfen, ich war komplett verwirrt“, erzählt sie. Die Schulwahl bereut sie aber keinen Tag. „Die beste Sache, die ich je gemacht habe. Wir lernen zwei Kulturen kennen.“
Die beiden Schülerinnen haben ein Betriebspraktikum bei der nB gemacht. Ana Luiza, weil sie gern liest und schreibt, Julia, weil sie auf diese Weise „mehr über Braunschweig“ erfahren wollte. Haben sich ihre Erwartungen erfüllt? Was sollen die beiden antworten? Sie lächeln und sagen: „Mehr als erfüllt“.
Beide sprechen sehr gut deutsch, stehen allenfalls mit den Artikeln etwas auf Kriegsfuß. Ihre Schulbücher kommen aus Deutschland, manche Lehrer auch. Die seien nett, auch beliebt, aber manchmal ziemlich streng. „Da kommt man nur eine Minute zu spät und die schimpfen schon“, sagt Julia. Die deutschen Lehrer gehen mehr auf Distanz. In jeder Hinsicht. Als Julia einem Lehrer, der sich versehentlich „angemalt“ hatte, einen Kreidestrich aus dem Gesicht wischen wollte, machte der vor Schreck einen Schritt rückwärts. In Brasilien kommt man sich schnell nah, ohne damit Hintergedanken zu verbinden. Umarmungen zur Begrüßung, selbst bei der ersten Begegnung überhaupt, seien nicht ungewöhnlich. „Der größte Unterschied ist vielleicht, dass die brasilianischen Lehrer zwischen Unterricht und Freizeit trennen. In der Freizeit sind sie wie unsere Freunde“, meint Julia.
Über die Straße gehen, wo sie gerade will, vielleicht auch bei rot – das macht die Schülerin hier lieber nicht mehr, nachdem sie ein Autofahrer übel beschimpft hat. Immerhin gibt das geordnete Leben auch Sicherheit. „Jugendliche haben dadurch mehr Freiheit“, sagen die Mädchen.
Einen Nachteil hat der Braunschweig-Besuch im Advent: Die frostigen Temperaturen. In Brasilien ist gerade Sommer mit Temperaturen an die 40 Grad, beliebtester Treffpunkt nach der Schule ist der Strand. Hier das Kleidungs-Kontrastprogramm mit dicker Jacke und Stiefeln. Aber das sind Äußerlichkeiten. Die beiden Mädchen scheinen mit ihrem Gastland durchaus „warm“ geworden zu sein. Julia, die „Mathe liebt“, kann sich vorstellen, in Deutschland auch länger zu leben. „Ich mag das Land sehr“, sagt sie.
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