Anzeige

Der Handschlag – Nicht nur Ausdruck von Höflichkeit

(Foto: pixabay.com ist frei von Urheberrechten (Creative Commons CC0))
Braunschweig: Innenstadt | Vor einiger Zeit hörte ich zufällig in der Braunschweiger Innenstadt ein Gespräch dreier junger Männer mit, sie waren ca. Mitte 20 und unterhielten sich über den Handschlag-Eklat letztes Jahr nach dem Fußballspiel FC Utrecht gegen Twente Enschede in den Niederlanden. „Wir geben Frauen nicht die Hand“ sagte einer der drei ganz entschlossen und die beiden anderen nickten eifrig. Der niederländische Muslime und Fußballer Nacer Barazite hatte der TV-Reporterin Hélène Hendriks vom Sender Fox nach einem Interview aus religiösen Gründen den Handschlag verweigert. Im vergangenen Jahr hatte es aus dem gleichen Grund schon einmal heftige Debatten gegeben, als ein Imam der rheinland-pfälzischen CDU-Partei- und Fraktionschefin Julia Klöckner beim Besuch in einem Flüchtlingsheim nicht die Hand geben wollte.

Ich respektiere jede Religion, aber es ist wie mit dem Freiheitsgedanken, der seit Jahrhunderten immer wieder neu formuliert wird und im Kern immer gleich bleibt,
z. B. von Immanuel Kant, „Die Metaphysik der Sitten“ (1797): „Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann“. Dieses allgemeine Gesetz meint im Falle des abgelehnten Handschlags Höflichkeit und Respekt gegenüber anderen Menschen in ihrem Kulturkreis.
Meine eigene Freiheit endet also da, wo ich die Freiheit eines anderen beschneide.

Religion sollte etwas Privates bleiben, jeder soll glauben, woran er möchte, das ist in unserer Verfassung als Religionsfreiheit verankert. Auch freiwillige Sexualität unter Erwachsenen ist Privatsache.

Wenn es bei meinen muslimischen Nachbarn gewünscht wird, dass ich die Schuhe ausziehe, dann respektiere ich das, das mache ich auch bei meinen nichtmuslimischen Nachbarn. Wenn ich die jüdische Synagoge besuche und mein Haupt bedecken soll, dann tue ich das, oder ich betrete die Synagoge halt nicht. Christliche Kirchen sind für ihre Ruhe und Stille bekannt, also schreie ich dort nicht herum. Aber wenn man von mir aus religiösen Gründen verlangt, jemanden zu beleidigen, denke ich gar nicht daran.
Man hat immer eine Wahl, sich zu entscheiden.

Der Handschlag ist keine deutsche Erfindung, man nimmt an, dass er im 5. Jahrhundert vor Christus in Griechenland erstmals als Geste des Friedens auftrat. Wer sich die Hand gab, drückte so aus: Ich komme nicht in kriegerischer Absicht und sollte auch zeigen, dass man unbewaffnet ist. Im Laufe der Zeit wurde daraus ein Begrüßungsritual, das gegenseitiges Vertrauen und beiderseitigen Respekt ausdrücken soll.

Wer sich unsicher ist, wie man respektvoll die Hand gibt: Es gibt im Internet eine Vielzahl von Tipps, z. B. die Knigge-Anleitung für den perfekten Handschlag, der auch Gepflogenheiten im Ausland berücksichtigt, damit man seinen Gastgeber, Geschäftspartner etc. nicht beleidigt. Es gibt Länder, in denen das Händeschütteln anderen Gesetzen unterliegt, halte ich mich dort auf, befolge ich die dort geltenden Regeln. In Japan z. B. soll der Handschlag nicht als freundliche Geste, sondern eher als Eingriff in die Privatsphäre gelten. Die japanischen Familien, die ich in Deutschland kennengelernt habe, haben mir jedoch immer freundlich die Hand gegeben.

Was steckt also eigentlich dahinter? Warum dürfen muslimische Männer und Frauen sich nicht die Hand geben? Ich habe im Netz einige Erklärungsversuche gefunden, demnach ist es einem muslimischen Mann verboten, den Körper einer Frau zu berühren, weil dies zur Verbreitung von Versuchung und Verdorbenheit führe. In der Überlieferung heißt es: „Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf“. Ganz großes Kino, insbesondere angesichts besonders aggressiver Übergriffe auf Frauen in letzter Zeit.

Es wird allerdings etwas ganz Entscheidendes grundsätzlich missverstanden. Es geht um einen freundlichen, festen Händedruck, bei dem man sich kurz anschaut. Angenommen, ein Muslime stellt sich bei der Personalchefin eines großen Unternehmens vor. Der Händedruck ist hierzulande ein wichtiges formelles Begrüßungsritual, gerade in Berufen mit viel Kundenkontakt sagt der Händedruck viel über den Bewerber aus. Bevor ich in ein anderes Land gehe, informiere ich mich über die dortigen Gegebenheiten, Bräuche, Regeln und Gesetze. Wenn ich mich in einem arabischen Land aufhalte, vermeide ich den Händedruck. Auch in Teilen Asiens wird ganz darauf verzichtet, eine kurze Verbeugung ist dort eher üblich. Aber hier in Europa ist die Weigerung des Händeschüttelns ein Affront gegen denjenigen, der einem die Hand reicht. So etwas muss man einfach wissen und ich erwarte, dass dies respektiert wird.

Die Chancen, eine verantwortungsvolle, gut dotierte Stellung zu erhalten, nachdem man den Händedruck abgelehnt hat, weil man Versuchung und Verdorbenheit zwischen Bewerber und Personalchefin nicht fördern möchte, gehen sicherlich gen Null. Für die Gleichstellung von Mann und Frau haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland hart gekämpft. Um unsere Verfassung werden wir zu Recht von vielen Ländern beneidet. Einer Frau in diesem Land nicht die angebotene Hand zu geben, ist keine gute Idee! Die abenteuerlichen Hintergründe dafür interessieren hier niemanden, was zählt ist der Eindruck, der dadurch entsteht.

Im Christentum haben wir ja im Mittelalter auch eine Menge Unfug angestellt. Man denke nur an die Verbannung in die Hölle, mit der Option, sich im Fegefeuer reinzuwaschen, die man sich per Ablassbrief für viel Geld von der Kirche erkaufen konnte. Schon ziemlich dämlich. Aber wem auch immer sei Dank, haben wir uns weiterentwickelt. Diese muslimische Geschichte mit dem verweigerten Handschlag erscheint mir jedoch sehr mittelalterlich und hinkt auch, wenn man sie hinterfragt. Der Fußballer Nacer Barazite hat z. B. in seinem Verein FC Utrecht kein Problem mit der Berührung durch eine weibliche Team-Physiotherapeutin.

Die neuen Muslime in unserem Land werden schnell die Regeln des höflichen Miteinanders lernen müssen, hier aufgewachsenen, sozialisierten Muslimen die sich weigern, sich anzupassen, unterstelle ich jedoch bewusste Provokation bei der Nichtachtung – Verachtung unserer Gesten des höflichen Umgangs.

Wo soll das ganze denn auch hinführen? Ich erinnere mich an eine Aktion vor dem Schloss in Braunschweig. Braunschweiger Muslime hielten Mahnwache als „Zeichen, dass wir alle zusammengehören“. Das Verbindende, nicht das Trennende sollte dort im Mittelpunkt stehen. Ein Imam sang vor dem Schloss einige Suren aus dem Koran, welche vom Zusammenleben der Völker handelte. Angesichts der dramatischen Flüchtlingszahlen, Fluten von Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache, Kulturen, Religionen, Sitten und Gebräuchen plädiere ich auch für das Verbindende: Wir brauchen keine neuen Moscheen in Deutschland, sondern offene Begegnungsstätten wie das ehemalige Freizeit- und Bildungszentrum im Bürgerpark, in denen alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenkommen sollen und dürfen, egal welcher Religion und welcher Ansicht, für gemeinsame Veranstaltungen, Feiern, Gottesdienste etc. Offen nicht nur am 3. Oktober oder sonntags, sondern 365 Tage im Jahr. Damit könnten wir auch ein Zeichen zum Thema Nahostkonflikt setzen. Nur indem wir aufeinander zugehen, haben wir miteinander eine Chance.

Unsinnig ist auch der getrennte Religionsunterricht an den Schulen. Wie sollen Kinder sich denn vorurteilslos eine eigene Meinung bilden können, wenn sie von Anfang an wegen der Religionszugehörigkeit ihrer Eltern im Unterricht getrennt werden? Während die Christenkinder getrennt nach Katholiken und Protestanten und einem Teil, der das Fach Werte und Normen besucht, unterrichtet werden, dürfen die muslimischen Kinder nach Hause gehen oder werden von einem eigens ausgebildeten, ferngesteuerten und aus dem Ausland, z. B. der Türkei, bezahlten Imam unterrichtet. Religion sollte Privatsache bleiben, es ist definitiv kein Unterrichtsfach, da finde ich Ethik, soziales Verhalten und gutes Benehmen statt dessen viel angebrachter und sinnvoller.

Außerdem müssen Flüchtlings-Familien auf gemischte Wohngebiete verteilt werden, nur so ist Integration und Sprachförderung möglich. Wenn wir es zulassen, dass bereits in den Flüchtlingsunterkünften nach Muslimen, Christen usw. getrennt wird, wird Integration nie gelingen. Schließlich ist „Intelligenz die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen“ (Stephen Hawking). Der Menschheit mangelt es ja auch - zumindest häufig - sicher nicht an Intelligenz, sondern eher an Vernunft.

Warum gibt denn Muslim Erdogan Frau Merkel die Hand? Weil er es sich nicht leisten kann, die Bundeskanzlerin von Deutschland und mächtigste Frau der Welt zu brüskieren. Da geht es dann auf einmal doch, ohne dass ihm ein Eisenstachel in den Kopf einfährt. Money talks!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.