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Der Dank der Stadt blieb aus

Domprediger Joachim Hempel …
 
… und „sein“ Dom St.Blasii am Burgplatz. Fotos: T.A.

Domprediger Joachim Hempel spricht über große Aufgaben und mangelnde Wertschätzung.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 29.12.2013.

Braunschweig. Im Juli geht Domprediger Joachim Hempel in den Ruhestand, jetzt hatte er zum letzten Mal Journalisten eingeladen, um „Zwischen den Jahren“ miteinander zu reden, Bilanz zu ziehen, in die Zukunft zu blicken.

Soviel ist klar – auf seinen Nachfolger wartet eine Riesenaufgabe. „Mehr geht nicht“ – sagt Domprediger Joachim Hempel über Angebot und Nachfrage. „Sein“ Dom muss mitunter wegen Überfüllung geschlossen werden, allein in der Christvesper waren rund 1700 Menschen zu Gast. Sie überschütteten „ihren“ Domprediger minutenlang mit Applaus.
Insgesamt haben seit dem 1. Advent mehr als 13 000 Menschen den Dom besucht. Das will vorbereitet, begleitet, organisiert sein. Dafür braucht es Engagement, Mitarbeiter, Ehrenamtliche und viel Geld. Um all das macht sich der Domprediger seine Gedanken – und auch ernsthafte Sorgen.
Mächtig beliebt
Zu allererst freut er sich natürlich mächtig über die immer noch steigende Beliebtheit; die Braunschweiger lieben ihren Dom, so viel ist klar, die Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache.
Diese „Eventmaschine“ wie heute habe es in seinen Anfängen vor 40 Jahren in Riddagshausen nicht gegeben. „Olivia Molina war die erste Sängerin bei uns, die mit lateinamerikanischen Weihnachtsliedern und drei Gitarrenspielern auftrat“, blickte Hempel zurück. Heute sei das Angebot riesig, umso schöner, „dass wir daneben Bestand haben“. Und offenbar noch an Wert gewinnen, immer mehr Menschen würden an Weihnachten etwas hören und vor allem auch selber singen und nicht nur einen Knopf drücken wollen.
Aber das erreicht nicht alle. Hempel beobachtet ein zunehmendes „Auseinanderdriften der Gesellschaft“, das Verbindende der Kirche und des Glaubens sieht er gefährdet, die tragenden Säulen von gemeinsamen Werten und Normen zerbröckeln. „Die einen feiern, die anderen machen sich darüber lustig“, kommentiert er ein wenig bissig und verweist auf mögliche Folgen.
„Wenn die Kirche wegbricht, was kommt stattdessen, was fängt auf?“, fragt er. Kirche betreibe Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, die Diakonie – „wenn wir diese Saite nicht mehr bespielen, wer dann?“, verweist er auf die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, die Kirche erfülle.
Und spricht als Beispiel von der Domsingschule. Wöchentlich würden hier rund 850 Kinder und Jugendliche musikalisch gefördert und ausgebildet, aber auch sozial betreut und zum Teil aus Mitteln der Fördergesellschaft unterstützt, wenn die Familien in Not gerieten.
Diese großen gesellschaftlichen Aufgaben, die Kirche trage, werden nach Hempels Ansicht zu wenig wertgeschätzt. „In meinen mehr als 20 Jahren hier am Dom haben wir noch nie eine Einladung von der Stadt in die Dornse erhalten, um den Hauptakteuren dieser Arbeit einmal zu danken“, spielte er an auf die Empfänge für Feuerwehrleute oder andere Ehrenamtliche, die relativ regelmäßig geehrt würden. Das sei wichtig und richtig, aber in der Kirche würde eben auch sehr viel Arbeit geleistet, von der die gesamte Stadt und die Region profitiere.
Frage der Gerechtigkeit
Und die ausschließlich von denen finanziert würde, die Kirchensteuer bezahlten. „Nur 30 Prozent der Gemeindemitglieder zahlen Kirchensteuer, weil nur diese 30 Prozent überhaupt ein versteuerbares Einkommen haben“, erklärte er bereits beim Neujahrsempfang vor zwei Jahren. Aber alle anderen – auch die, die gar nicht zur Kirche gehören – würden den Dom in der Mitte ihrer Stadt schätzen, meistens lieben und gern ihren Freunden und Verwandten zeigen, wenn die zu Besuch in Braunschweig sind.
„Aber der Unterhalt des Doms soll ausschließlich aus der Kirchensteuer bezahlt werden“, sagte Hempel, „das ist ungerecht“. Sein Vorschlag: eine breite Diskussion darüber, ob und wie Kulturgüter wie beispielsweise Kirchengebäude erhalten werden sollen. „Eine Kulturabgabe wäre eine gerechte Lösung“, sagte Hempel, „und die Menschen, die bereits Kirchensteuer bezahlen, wären von dieser Abgabe befreit“.
Zunächst aber wird Joachim Hempel „weiterarbeiten wie gewohnt“, das heißt neben Gottesdiensten, Silvesterkonzert und Andachten rund um den Jahreswechsel, „Neujahrsempfang am Burgplatz“ am Montag (6. Januar) ab 17 Uhr gemeinsam mit dem Braunschweigischen Landesmuseum und dem Herzog Anton Ulrich-Museum unter dem Titel „Hier ist die Mitte der Stadt“. Alle Menschen sind eingeladen und „wie immer bei uns, ist der Eintritt frei“.
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