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Das verbindet: „Ich war selbst ein Flüchtling“

Eine Freundschaft über Alters- und Ländergrenzen hinweg. Rosel Schultz lernte Daniel in der Kaufbar kennen. Seither ist er ihr ganz besonderer Schützling. Foto: Nizar Fahem

Integration im Kleinen: Rosel Schultz und Daniel verbindet eine ganz besondere Freundschaft – Alter und Nationalität spielen keine Rolle.

Von Birgit Leute, 19. April 2016

Braunschweig. Wenn er sie „Mama“ nennt, muss sie lachen. „Ach was“, wehrt sie dann bescheiden ab und wirkt doch irgendwie glücklich. Rosel Schultz und Daniel (Name von der Redaktion geändert) verbindet eine ganz besondere Freundschaft: Er ist ein junger Flüchtling, sie eine deutsche Seniorin. Doch weder das Alter noch die Nationalität spielen eine Rolle. Im „Schmelztiegel“ Kaufbar haben sie sich gesucht und gefunden. Gelebte Integration.

Obwohl über 70 Jahre alt, engagiert sich Rosel Schultz tatkräftig in den Flüchtlingsprojekten der Kaufbar. Die ehrenamtliche Arbeit ist ihr wichtig. ,„Ich war selbst ein Flüchtling, bin aus der ehemaligen DDR herübergekommen“, sagt sie, wenn nach dem Warum gefragt wird. Daniel ist ihr besonders ans Herz gewachsen. „Wir haben uns auf Anhieb verstanden“, sagt Schulz über die erste Begegnung mit dem Ruander. Aus dem zufälligen Treffen in der Kaufbar ist längst ein fast familiäres Verhältnis geworden. „Daniel ist ein Sprachgenie, unglaublich intelligent“, bewundert Rosel Schultz den 33-Jährigen. Der unterhält sich mit seiner deutschen „Mama“ meistens auf Italienisch, – Rosels Schultz’ Leidenschaft – spricht allerdings auch Englisch, Französisch, Russisch, Ukrainisch, Suaheli und Ruandisch. Fließend. „Ich war Sprachlehrer an der Highschool und habe dort Business Communication unterrichtet“, erzählt Daniel, der römisch-katholisch getauft wurde und auf eine konfessionelle Schule gegangen ist.
Aus seinem Heimatland floh er 2015. Als politisch engagierter Mensch saß er mehrfach im Gefängnis, noch nicht einmal hier fühlt er sich sicher. „Seit Präsident Kagame, Ex-Kommandant der Tutsi-Rebellen, regiert, wird jede oppositionelle Meinung unterdrückt. Vorher waren die Hutu an der Macht, die die Tutsi fast ausgelöscht haben. Es gibt keine simple friedliche Lösung“, umreißt Daniel das politische und gesellschaftliche Dilemma in seinem Heimatland, dem vor allem die Jungen und Gutgebildeten den Rücken kehren.
Auch in Deutschland möchte Daniel lieber unerkannt bleiben. „Das Regime hat auch hierhin Kontakte, ich kann jederzeit gefunden und drangsaliert werden“, beschreibt er seine tiefsitzende Angst. Mit ehrenamtlichem Engagement versucht er, diesen Gedanken zu verdrängen. Daniel hat sich selbst einen strammen Stundenplan verpasst: Täglich unterrichtet er andere Flüchtlingskinder in Englisch und Französisch, organisiert das Willkommenscafé in der St. Thomas-Gemeinde im Heidberg und nimmt an der Taizégruppe in der Pauli-Gemeinde im östlichen Ringgebiet teil. „Ich kann einfach nicht untätig herumsitzen“, sagt Daniel. Sein Asylverfahren läuft zwar, doch faktisch hängt der junge Ruander seit sechs Monaten in der Warteschleife. „Ich war erst drei Monate in der LAB, seit Februar ’wohne’ ich in der Sporthalle Naumburgstraße.“ Für den sensiblen, feinsinnigen Daniel eine Tortur. „Es gibt kein Privatleben, der Lärm ist enorm“, sagt er über sein Leben mit mehr als 150 weiteren Flüchtlingen. Einer der Orte, an denen er Ruhe sucht und findet, ist die Stadtbibliothek. Daniel büffelt hier fast täglich die deutsche Grammatik, versteht und spricht schon gut. Ein Eintrag in seinem Ausweis besagt, dass er aufgrund seiner Vorbildung freiberuflich arbeiten darf. „Ich könnte Sprachen unterrichten“, sagt Daniel.
Rosel Schultz unterstützt den jungen Mann mit seinen Bewerbungen, doch sie weiß auch: Vorher braucht Daniel eine eigene Bleibe. „Ein Zimmer würde schon reichen, dann hat er auch die Kraft, einen Job zu suchen“, sagt sie.
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