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„Das Ungewisse bringt das Feuer rein“

Polizist Lothar Bese liebt den Lagedienst: Die Schichten wechseln, die Aufgaben auch, nur auf die Kollegen ist Verlass

. Von Marion Korth, 06.04.2011

Braunschweig. Lothar Bese ist ein Schreibtischtäter. Innendienst bis zum Abwinken, keiner ist länger dabei als er. Sein Arbeitsplatz ist ein besonderer, kein Aktenmief, keine Gefahr Spinnweben anzusetzen. An diesem Tisch kann es jederzeit „brennen“. Lothar Bese arbeitet im Lage- und Führungszentrum der Polizeiinspektion Braunschweig.

Kein Stift, kein Fitzel Papier, dafür drei Bildschirme, lange Reihen mit Knöpfen, diverse Telefonhörer. Keine Amtsstube, sondern eher Raumschiff Enterprise. Wer im Bereich der Polizeiinspektion Braunschweig die 110 wählt, landet in der Friedrich-Voigtländer-Straße und vielleicht bei Lothar Bese.
Besuch bei ihm, die Schichten, die er noch vor sich hat, sind schnell abgezählt: 13. Am 11. April ist „Schicht im Schacht“, Hauptkommissar Lothar Bese geht in den Ruhestand. 44 Jahre war er im Polizeidienst 34 Jahre beim Lagedienst. Die Kollegen werden ihm fehlen, er wird den Kollegen fehlen. Und das nicht nur wegen des obligatorischen Kuchenpakets für alle, ohne das er nie zur Spätschicht kommt. „Für Kaffee und Kuchen habe ich eine Schwäche“, sagt Lothar Bese. Anzusehen ist ihm das nicht, der 61-Jährige ist gut in Form.
Kaffee und Kuchen, das hört sich entspannt an, aber schon in der nächsten Sekunde brennt die Luft. Kollege Torsten Ehlers schnippt mit den Fingern. Alle sind in Alarmbereitschaft. Ein Notruf. Eine Stimme aus dem Lautsprecher, wilde Ortsangaben, angeblich ein Geisterfahrer auf der Stadtautobahn. Während ich noch überlege, wo das denn sein könnte, haben alle anderen längst kapiert: Autobahnkreuz Süd-West. Einer tippt die Meldung für den Verkehrsfunk, Priorität eins, das Programm wird für die Durchsage sofort unterbrochen. Parallel informiert ein anderer die Autobahnpolizei. Eine Streife wird den beschriebenen Abschnitt gleich abfahren.
Lothar Bese hat es jetzt leicht, zu erklären, warum ihm dieser Job „auf den Leib geschnitten ist“. „Dieses Ungewisse, das ist das Reizvolle, das ist das Prickelnde, das bringt Feuer rein.“ Selbst in diesen ruhigen Dienstagvormittag. Nie weiß er, was ihn erwartet. Berufsleben zwischen höchster Anspannung und Entspannung bis hin zur Langeweile. „Man dümpelt so dahin, aber dann kommt ein Ding rein und der Adrenalinspiegel geht hoch.“ Die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr sei fies, zumindestens wenn nichts los ist. Trotzdem kein Schnarchjob. „Wir sind verantwortlich dafür, dass unsere Jungs und Mädels da draußen wieder heil zurückkehren.“
Er und seine Kollegen sind früher selbst Streife gefahren, sie alle wissen, dass jede Information kostbar ist, ein eingeschworenes Team, die Verantwortung schweißt zusammen. „Jeder Satz ein Pfund“, heißt es beim Lagedienst. Will heißen: Kein Geschwafel, sondern klare Ansage, Einschätzung. Harmloser Nachbarschaftsstreit oder Familiendrama, das sich auf die Katastrophe zuspitzt? „Das geht nur, wenn man jahrelang Erfahrung hat“, sagt Lothar Bese. Er nimmt den Notruf an, ordnet ein, versucht eine plastische Vorstellung zu entwickeln, was da irgendwo in der Stadt passiert, denkt voraus, gibt Informationen weiter, koordiniert. Manchmal nur eine Sache von Minuten. „Der Auftrag ist für mich erledigt, wenn die zuständigen Kräfte den Fall übernommen haben“, erläutert er.
An der Wand hängt ein Stadtplan, aber heute mehr zur Dekoration. Über die Einsatzleitrechner sind verschiedene Stellen miteinander verbunden. Jeder kann sehen, was gerade in Braunschweig oder dem Umland an Einsätzen läuft. Ein Bildschirm liefert die passenden Stadtplanausschnitte, aber jeder Beamte hier hat sowieso ein genaues Bild der Stadt im Kopf. Als ein Mann vor Jahren am Telefon drohte, im Schlecker-Markt auf der Hamburger Straße geht gleich eine Bombe hoch, da wusste Bese gleich, dass das ein böser Scherz ist. „Auf der Hamburger Straße gab es keinen Schlecker“, sagt er. Noch heute müssen die Männer lachen, als sie an die Brandmeldung eines jungen Mädchens denken müssen. „Es brennt, ich stehe hier am Kohlmarkt vor der Boutique Kredit Susi.“ Die Boutique Susi kannte niemand, wohl aber die Bank Credit Suisse, da hatte es tatsächlich einen Fehlalarm gegeben. An einen Nachtdienst im Jahr 1989 erinnert sich Bese noch immer gern. Ein Kollege auf Streife hatte um 2 Uhr nachts über Funk bei ihm angefragt, wo es zu dieser Zeit Ansichtskarten von Braunschweig zu kaufen gebe. Bese dachte zunächst, da sei Alkohol im Spiel, bis klar war, dass die ersten DDR-Bürger in Braunschweig angekommen waren und nun ihren Besuch im Westen dokumentieren wollten. „Da war von der Grenzöffnung noch gar nichts offiziell“, erzählt er.
Der Lagedienst ist für ihn alles, nur nicht langweilig. Auch wenn die ewigen Schichtwechsel schlauchen und keineswegs familienfreundlich sind. Die Familie sind ein bisschen auch die Kollegen. Und zu Hause konnte er sich auf das Verständnis seiner Frau, die selbst im Schichtdienst als Krankenschwester gearbeitet hat, stets verlassen. Für sie hat er bald mehr Zeit. Auch für sein altes Haus von 1900, den Riesengarten und Reisen. „Ich freue mich auf den Ruhestand, aber ein bisschen Wehmut ist dabei“, sagt er.
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