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Das Panikherz und der coole Udo

Benjamin von Stuckrad-Barre sorgte für einen unterhaltsamen Leseabend. Foto: André Pause
 

Benjamin von Stuckrad-Barre las in der ausverkauften Brunsviga aus seiner Autobiografie.

Von André Pause, 12. April 2016.

Braunschweig. Benjamin von Stuckrad-Barre war trotz bedenklich pickeliger Gesichtshaut so etwas wie der Posterboy für die Germanistik-Erstsemesterinnen des ausgehenden zweiten Jahrtausends – und mit Werken wie „Soloalbum“, „Livealbum“, „Remix“, „Blackbox“ oder „Transkript“ an der 90er-Jahre- Popliteratur-Renaissance nicht unerheblich beteiligt. Danach wurde es stiller um ihn, so wie sich überhaupt um die ganze eher derbe Variante des Genres ein Schleier des Vergessenwerdens legte.

Untätig war der heute 41-Jährige deshalb nicht: hier ein bisschen was fürs Schweizer Fernsehen, da eine politische Unterhaltungssendung für ZDF-neo, Prominentenbesuche für den RBB oder die Co-Autorenschaft zu Helmut Dietls Film „Zettel“ und so weiter. Stuckrad-Barre war nie ganz weg, aber eben auch nicht mehr in zuvor bekannter Form da.

Dieser Umstand hat nun ein Ende, möchte man meinen, denn der Schriftsteller, Journalist und Moderator hat mit „Panikherz“ eine Autobiografie veröffentlicht, die ihn seit rund einem Monat in die Talkshowstuben und die Lesesäle der Republik führt.
Im Buch schildert Stuckrad-Barre auch seine Bulimie, seine Kokainsucht und die damalige damit untrennbar verbundene exzessive Lebensweise. Bei seiner Lesung in der Brunsviga konzentriert er sich freilich auf die Komponente Entertainment, philosophiert eingangs launig über A-, B- und C-Städte, und darüber, welcher Typ Mensch wohl wo wohnen mag. Aufgrund des langjährigen Trikotsponsorings des Kräuterherstellers Jägermeister bei der Eintracht assoziiert der Literat das Unternehmen fälschlicherweise mit der Auftrittsstadt Braunschweig, worauf ihn eine Dame aus dem Publikum auf die geografische Unsauberkeit aufmerksam macht, und im Anschluss ebenso als Anspiel-Partnerin herhalten darf, wie der Schreiber dieser Zeilen und ein Fotograf. Das ist meist recht unterhaltsam, der Autor jedoch lotet die Grenzen einer Lesung schon reichlich konsequent aus, kommt vom Hündchen aufs Stöckchen. Bis eine Besucherin irgendwann leicht genervt fragt: „Kannst Du nicht mal weiterlesen?“

Gänzlich unberechtigt ist die Frage nicht, denn zu diesem Zeitpunkt hatte Stuckrad-Barre die begonnene Geschichte über die zwischenmenschlichen Untiefen eines Abitreffens gut und gerne zehn Minuten unterbrochen. Andererseits hat der Mann ausgeprägte Unterhalter-Qualitäten, ist ein charmanter Plauderer. Vor allem die vorgetragenen Passagen des Buches, in denen sein Idol und väterlicher Freund Udo Lindenberg eine tragende Rolle spielt – und das ist oft der Fall – gewinnen, wenn der Autor mit gespreizten Lippen den markanten Lindenberg-Slang imitiert („Ey, Stuckimän, alles klar?“).

So explizit der Sprachstil der Geschichten in „Panikherz“ ist – anekdotisch, präzise und durchaus hart –, so einfach sind diese zu rezipieren. Ob das anno 2016 jeder in Buchform auf dem Nachttisch braucht, ist die Frage. Als Live-Abend funktioniert das Programm allerdings tadellos.
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