Anzeige

„Das Leid lindern, ohne zu töten“

Dr. Rainer Prönnecke. Foto: oh

Der Palliativmediziner Dr. Rainer Prönnecke lehnt ärztlich assistierten Suizid vehement ab.

Von Marion Korth, 06.06.2015.

Braunschweig. Die politische Debatte darüber, ob Ärzte sterbenskranken und leidenden Patienten beim Sterben „helfen“ sollen, indem sie ein entsprechendes Medikament verschreiben, kommt für Dr. Rainer Prönnecke, Palliativmediziner und Chefarzt im Marienstift, viel zu spät. Heute, sagt er, gibt es medizinisch andere Möglichkeiten, unerträgliches Leiden zu lindern.

„Das machen wir ohnehin, wenn die Probleme massiv werden“, sagt Prönnecke. Behandlungen werden abgebrochen, wenn sie nur noch belasten, starke Schmerzmittel gegeben, selbst wenn sich dadurch die Lebenserwartung verkürzt. Seine Aufgabe als Palliativmediziner beschreibt er so: „Wir kümmern uns um das Leid, aber wir müssen dazu nicht töten.“
Eine erschütternde Diagnose löst heftige Abwehrreaktionen aus: „Schluss aus, nicht mit mir!“, solche Äußerungen hört Prönnecke öfter. Die Krankheit wird plötzlich riesengroß, droht alles zu verschlingen. „Der Mensch ringt um sein Kontrollgefühl.“ Häufig werde die Vorstellung eines früheren Todes oder eine Selbsttötungsabsicht geäußert. Ein Schritt im Prozess der Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod. Dahinter stehe eigentlich die Erwartung, dass der Arzt helfen möge, oder auch die Angst, anderen zur Last zu fallen.
Doch niemand müsse in die Schweiz fahren, um sich dort ärztlich einen Giftcocktail verschreiben zu lassen. „Wir haben das Angebot für einen künstlichen Schlaf, wobei das Bewusstsein gezielt ausgeschaltet wird“, betont er. Schon allein das Wissen um diese Möglichkeit, das Gefühl, der Krankheit nicht ausgeliefert zu sein, bedeutet für den Patienten einen Gewinn an Lebensqualität.
Für ihn als Arzt kommt die Sterbehilfe ohnehin nicht infrage. „Ich will persönlich nicht beim Töten helfen“, sagt er. Dies ließe sich mit seinem christlichen Welt- und Menschenbild nicht vereinbaren, aber auch nicht mit seiner ärztlichen Berufung. „Ich kann den Patienten doch nicht fragen, ob er lieber sterben oder leben will, und dann je nach Wunsch das eine oder andere Mittel geben“, sagt er. Eine solche Doppelrolle würde das Vertrauensverhältnis Arzt-Patient erschüttern.
„Ich wünsche mir, dass wir den palliativen Ansatz noch verbreitern, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Prönnecke. Statt eines ärztlich begleiteten Suizids oder aktiver Sterbehilfe sei ein fürsorgliches Solidaritätsnetz notwendig, damit der Patient sich fallen lassen kann und die Ruhe findet, die es braucht, „heil“ zu werden, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen.
Das gelingt nicht immer. „Es passiert, dass Menschen ein paar Stunden vor ihrem Tod hierher in die Palliativmedizin gebracht werden. Das halte ich für ein Versagen“, sagt Prönnecke. Grundsätzlich aber sei die Palliativversorgung im Zusammenspiel ambulanter Dienste und stationärer Einrichtungen wie dem Marienstift gesichert.
Der Arzt hält es für ein Zeitphänomen, warum die Diskussion um die Sterbehilfe jetzt geführt wird. Dahinter steht für ihn auch der menschliche Anspruch auf berechenbares, lebenslanges Glück. Nach dem Krankenhausservice werde eben der Sterbeservice eingefordert. Aber der Abschied vom Leben ist kein Spaziergang, und lebenslanges Glück gibt es nicht. „Es muss wehtun“, sagt Prönnecke. Diesen Prozess auszuhalten und zu begleiten, dies sei die Aufgabe von Angehörigen und Ärzten.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.