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Das Gedächtnis liebt Mittelmaß

Familienforscher, Heimatforscher oder wissenschaftliche Forscher – die Grenzen der Benutzergruppen im Stadtarchiv sind fließend: Die Historikerin Elisabeth Sandfort schreibt an ihrer Doktorarbeit über weibliche Orden in Braunschweig. Foto: T.A.
 
Das lückenlose Zeitungsarchiv reicht bis 1745 zurück. Archivleiter Dr. Henning Steinführer zeigt uns die erste Ausgabe der nB. Originale werden nur im Ausnahmefall herausgegeben, die meisten Dokumente können auf Film eingesehen werden. Foto: T.A.

Bloß nicht zu warm, bloß nicht zu feucht: Das Stadtarchiv im Schloss gleicht begehbarem Tresor.

Von Marion Korth, 18.05.2014.
Braunschweig. Die Tür schließt sich, und die Welt draußen ist ausgesperrt. Der hektische Puls der Zeit verlangsamt sich, wird hier, wo das Gedächtnis der Stadt am Leben erhalten wird, zum regelmäßigen Pochen. Das Stadtarchiv im Schloss ist mittendrin und doch abgeschirmt von allem: ein großer, begehbarer Tresor.

In Schubladen, Rollregalen und Kühlkammern lagert hier, was von Menschen und Geschehnissen, von Leben und Tod, Aufbau und Zerstörung zeugt. Den Muff der Jahrhunderte, den gibt es hier nicht. Kein Staub, keine Spinnweben, kein Federkiel im Tintenglas. Das Stadtarchiv ist hochmodern, ein Bau im Bau mit eigener Statik, mit speziellen Brandschutztüren. Weiße Wände, weiße Handschuhe und Stimmen, die sich unweigerlich zum Flüstern senken. Die Atmosphäre ist fast klinisch rein, wären da nicht das Wissen und Verheißung auf die Schätze, die hier lagern. Jeder Band, jede Urkunde öffnet ein Fenster und macht einen kleinen Ausschnitt im Lauf der Jahrhunderte sichtbar.
Die älteste Urkunde im Archiv stammt aus dem Jahr 1031, es handelt sich um die Weiheurkunde der Magnikirche. „Ich bin Mittelalterhistoriker, deshalb gibt es kaum etwas Grandioseres, als hier zu arbeiten“, sagt Archivleiter Dr. Henning Steinführer. Von seinem Büro zwei Räume weiter entfernt liegen die mittelalterlichen Urkunden. Sammeln, bewahren, forschen, dieser Auftrag verbindet Archive und Museen. Dabei besteht eine gesetzliche Verpflichtung zur Archivierung. Kein Amtsvorgang ist so unwichtig, dass er nicht doch von Interesse sein könnte. Dies zu bewerten, ist allein Sache der Archivare. „Jeder Vorgang muss dem Archiv angeboten werden“, betont Steinführer und hofft, dass das allen Mitarbeitern im Rathaus klar ist. Nichts darf einfach in den Papierkorb. Zwei bis fünf Prozent der Amtsvorgänge werden übernommen. „Aus der Kfz-Stelle weniger, aus dem Büro des Oberbürgermeisters mehr“, sagt Steinführer. Jeder Augenblick schreibt Geschichte und ist doch so schnell vorbei. „Das Wissen ist sehr, sehr schnell weg“, sagt Steinführer und fragt: „Wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben?“ Und wer druckt schon jeden Tag seine E-Mails aus, um sie aufzuheben und der Nachwelt einen Eindruck vom Alltagsleben im Jahr 2014 zu geben? „Das macht kein Mensch“, sagt Steinführer. Dabei sind es tatsächlich die Briefe, in denen sich das 18. und 19. Jahrhundert widerspiegeln. Spätestens 1990 reißt die Kette ab, der Brief ist selbst Geschichte geworden. Steinführer leistet sich einen kleinen Luxus, seine E-Mails werden gegen Extragebühr auf einen Server dauerhaft gespeichert. Ein bisschen verrückt sei das zwar, aber dafür kann er jetzt seine alten E-Mails von vor zehn Jahren lesen.
Das Digitale verdrängt das Papierdokument. Von den acht Facharchivaren beschäftigt sich einer nur mit digitalen Daten – Tendenz steigend. In der Stadtverwaltung werden Dokumente in vielen Stellen von Managementsystemen hin- und hergeschoben. Die Pappkartons voller alter Fotografien stammen noch aus einer anderen Zeit. 5,9 Grad, 30 Prozent Luftfeuchte: Die 60 Quadratmeter große Kühlbox wird gerade kalibriert, bevor sie demnächst die Fotonegative aufnehmen soll. 700 000 Bildeinheiten bewahrt das Archiv, darunter Daguerreotypien aus den Anfängen der Fotografie. Eine Besonderheit ist die Sammlung an Wahlplakaten aus den 1930er Jahren, die schon mehrmals ins Holocaust-Museum nach New York entliehen wurden. Solche Zeitdokumente sind selten, werden eher abgerissen als aufgehoben.
Sieben Regalkilometer sind mit Büchern, Schriften, Akten gefüllt, neun Kilometer sind noch frei. Ein Archiv „denkt“ in größeren Zeitspannen. Feuer und Bombenhagel hat es überlebt, die Bestände waren im Zweiten Weltkrieg ins Wasserschloss Wendhausen sowie einen Salzstock bei Grasleben ausgelagert worden. Eine Vorsichtsmaßnahme, die verzichtbar gewesen wäre, wie durch ein Wunder blieb das 1910 gebaute Stadtarchiv am Steintorwall unzerstört. Die Vollständigkeit der Sammlung macht das Stadtarchiv heute zu einem der bedeutendsten Kommunalarchive Niedersachsens. Die Besucherfrequenz ist hoch. „4000 Benutzertage, das ist vergleichbar mit dem Staatsarchiv Hannover“, sagt Steinführer.
Dann schließt sich die Tür des Archivs für heute, im Fahrstuhl geht es der anderen Welt und dem Lärm entgegen. Draußen vor dem Schloss ein Blick zurück nach oben. Das vierte Stockwerk ist von hier aus nicht zu sehen – abgeschirmt, doch mittendrin.
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