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Charme und Anspruch: Tante Emma trifft Idealistin

Kann es manchmal selbst noch nicht richtig glauben: Denis Gunkelmann in ihrem Laden, der Verpackungsmüll vermeiden hilft. Fotos: Marion Korth
 
Kakao oder Kaffee, Hagel- oder Rohrzucker, Belugalinsen oder Vollkornnudeln: Grammgenau füllen die Kunden sich selbst ab, was sie brauchen. Die „Verpackung“ bringen sie selbst mit.

Serie "Junge Unternehmen": Weniger Plastikmüll, mehr Lebensqualität: Denise Gunkelmann und ihr neu eröffneter Laden „wunderbar unverpackt“.

Von Marion Korth, 25.01.2017.

Braunschweig. Der junge Mann ist zum ersten Mal da, schaut sich um, fragt, wie das mit den mitgebrachten Behältnissen funktioniert. Sein Einkauf heute: zwei Mandarinen, direkt aus dem großen Korb, kein Netz drum herum. „Ich habe den ganzen Plastikkram satt“, sagt er. Denise Gunkelmann auch. „Wunderbar unverpackt“ heißt der Laden, den sie im Dezember in der Fallersleber Straße eröffnet hat.

Fast alles in ihrem Geschäft kann sich der Kunde grammgenau abwiegen – in Gläser, Blech- oder auch Kunststoffdosen, die jeder selbst von zu Hause mitbringt. „Ich habe viele Reportagen über das ganze Plastik in den Weltmeeren gesehen“, sagt Denise Gunkelmann. Feinste Plastikteilchen, die als kilometerlange Teppiche die Ozeane durchziehen, von Fischen und Seevögeln gefressen werden. Fischernetze in den Mägen von Walen, Seevögel hoffnungslos verstrickt in feinste Schnüre. „Natürlich kann ich auf dem Markt Obst und Gemüse ohne Verpackung kaufen, aber ich will mich nicht nur von Obst und Gemüse ernähren“, sagt sie. Schon schwieriger sei es gewesen, an der Bedienungstheke im Supermarkt Käse oder Wurst direkt in die mitgebrachte Dose gelegt zu bekommen. Auf dem Weg ins weitgehend verpackungs- und plastikfreie Leben ist man allein ziemlich verloren. Oder eröffnet einen Laden, so wie Denise. Hülsen- und Trockenfrüchte, Reis und Mehl, Nüsse und Getreideflocken, Nudeln und Tee – alles in Bioqualität. Das hat seinen Preis. Die Kunden profitieren trotzdem, weil sie bedarfsgenau selbst kleinste Mengen kaufen können. Außerdem bezieht Denise Gunkelmann ihre Waren in großen Säcken (meistens aus Papier) und nicht in vielen Kleinverpackungen. Das spart Plastikmüll und Kosten. Den Preisvorteil gibt sie an ihre Kunden weiter.

Ist einer der Spenderbehälter demnächst leer, wird nachgefüllt. „Aber nur mit Waren derselben Chargennummer, damit das Mindesthaltbarkeitsdatum stimmt“, erläutert Denise Gunkelmann.

Produkte, die es nur in Kleinverpackungen gibt, hat sie aus ihrer Sortimentswunschliste gestrichen – dann eben nicht. Es war mühselig, für alle Produkte Anbieter ausfindig zu machen. „Logistisch ein Höllenaufwand, aber mittlerweile weiß ich, wo ich was finden kann“, sagt Denise Gunkelmann. Ansonsten läuft der Laden. Tolle Mitarbeiter, ein Freund, der neben seinem Vollzeitjob mit anpackt („Ohne ihn würde es gar nicht klappen.“) und nette Kunden, die sich ohne große Nachhilfe zurechtfinden.

Denise Gunkelmann bringt für ihren Laden beruflich einiges mit: Praxis als Vertriebsmitarbeiterin, BWL-Studium (Wirtschaftspsychologie), zuvor eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Ihre moderne Interpretation des „Tante-Emma-Ladens“ verbindet persönlichen Charme mit einem hohen ökologischen Anspruch. Das Konzept hat Bank und städtische Wirtschaftsförderung überzeugt: Die Jungunternehmerin erhielt den gewünschten Kredit und auch eine Förderung aus dem Gründerfonds.


Drei Fragen an ...

Denise Gunkelmann (27). Im Dezember eröffnete sie Braunschweigs ersten fast völlig verpackungsfreien Laden. Seither geht es in der Fallerleber Straße „wunderbar unverpackt“ zu.

? Gab es einen Tiefschlag, einen Punkt, an dem Sie gezweifelt haben, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?

! Denise Gunkelmann: „Einen richtigen Tiefschlag? Nein, das habe ich nicht gehabt. Einige spannende Sachen sind natürlich schon passiert. Die Etiketten haben wir vor dem Eröffnungstag bis nachts um 3 Uhr geklebt und wussten nicht, ob wir fertig werden. Und dann natürlich, dass diese beiden Regale nicht die gleiche Farbe haben. Das ist ärgerlich, wenn man sich so lange mit etwas beschäftigt hat, aber man sagte mir, Akazie könne ganz unterschiedlich aussehen …“

? Was war das Schönste, das Sie im Zusammenhang mit dem neuen Laden erlebt haben?

! Denise Gunkelmann: „Das Schönste war, dass Freunde und Familie so hinter mir stehen. Auch wenn ich nicht alle ihre Ideen verwirklicht habe, so haben sie sich doch damit beschäftigt oder standen einfach hier im Laden und haben gefragt, was sie machen können. Und dann waren da noch diese fünf Minuten am Montag nach der Eröffnung, da habe ich erst gesehen, wie schön alles geworden ist.“

? Können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus angehenden Gründern sagen, worauf es ankommt?

! „Es muss der richtige Zeitpunkt sein. Bei mir hat alles zusammengepasst: Kopf und Bauchgefühl. Und es muss natürlich etwas Neues sein, es macht keinen Sinn, das 20. Nagelstudio zu eröffnen. Wichtig ist auch, sich von vornherein Hilfe zu holen, ich hatte einen Unternehmensberater, das war gut.“
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