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„Buftis“ bauen Brücken: Beim Kicken bricht das Eis ganz schnell

Kicken als Völkerverständigung: Beim gemeinsamen Sportnachmittag kommen sich junge unbegleitete Flüchtlinge ...
 
... und deutsche Jugendliche, die gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, schnell näher. Fotos: Thomas Ammerpohl

100 junge Menschen, die ihren Freiwilligendienst absolvieren, engagieren sich für Flüchtlinge.

Von Birgit Leute, 08.04.2016.

Braunschweig. Keine Minute brauchte Marietta zu überlegen: „Klar, wollte ich etwas mit Flüchtlingen machen. Ich bin doch auch bei den Demos gegen Pegida dabei.“ Die 20-Jährige ist eine von 100 Jugendlichen, die derzeit ihr Freiwilliges Soziales Jahr beziehungsweise ihren Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Und so wie Marietta entschieden sich alle ohne Ausnahme dafür, Projekte mit Flüchtlingen zu entwickeln. An diesem strahlenden Frühlingstag steht Kicken am Südsee auf dem Programm.

„Müssen wir Englisch reden? Verstehen sie überhaupt Deutsch?“ – am Anfang herrscht ein bisschen Unsicherheit, als der Bus mit den jungen Flüchtlingen anrollt. Doch Tobias Müller, der die Begegnung unauffällig aus dem Hintergrund lenkt, kann beruhigen: „Wenn ihr langsam sprecht, verstehen sie euch gut.“ Müller arbeitet als Sozialpädagoge beim Dachverband der Elterninitiativen, der den Freiwilligendienst organisiert, und ist verantwortlich für die Theorie: In diesem Fall entstanden in Seminaren fünf Projekte für Flüchtlinge. „Wir haben bereits einen gemeinsamen Stadtspaziergang organisiert, ein Infozelt auf dem Schlossplatz aufgebaut und heute spielen wir Fußball“, zählt Müller auf.

Die Ideen und die Umsetzung kommt von den „Buftis“ und „FSJler“ selbst, die an diesem Tag erst einmal mit einer Vorstellungsrunde versuchen, das Eis zu brechen. „Hallo, ich bin Linus“, kommt es leise von der deutschen Seite. „Hallo Linus“, kräftig und mit einem freundlichen Lächeln von der syrischen. Die Offenheit der Flüchtlinge überrascht. Keine Spur von Verlegen- oder Schüchternheit. Schnell ziehen sich die elf Jugendlichen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan Trikots und Leibchen über. Und selbst die Bedenken der jungen Frauen – „Spielen die überhaupt mit Mädchen Fußball?“ – sind schnell vom Tisch: Jeder kickt mit jedem.

Frank Theis, der die Flüchtlinge begleitet, ist zufrieden. „Ich erlebe sie immer wieder als neugierig, offen und total engagiert“, zollt er den Jungen, die erst vor fünf Monaten ohne Familie in Braunschweig ankamen, ein dickes Lob. Als Lehrer an den Berufsbildenden Schulen V unterrichtet er die Flüchtlinge jeden Tag in Deutsch und bringt ihnen das Land näher. „Eine Tagesstruktur ist wichtig. Nach Wochen auf der Flucht, brauchen die Jungs Beständigkeit, müssen eine gewisse Disziplin lernen“, beschreibt er die Herausforderung. Wie dankbar diese für das Engagement sind, bestätigt Karrar, der vor dem Islamischen Staat aus dem Irak flüchtete und sich

17 Tage lang über die Türkei bis nach Deutschland durchschlug. Allein. „Es war schwierig am Anfang mit der neuen Sprache“, sagt der 16-Jährige, „aber jetzt geht es besser, auch weil ich Kontakt zu Deutschen habe.“


IN KÜRZE

100 Jugendliche absolvieren derzeit in Braunschweig ihr Freiwilliges Soziales Jahr beziehungsweise ihren Bundesfreiwilligendienst, organisiert vom Dachverband der Elterninitiativen. In den begleitenden Seminaren entstanden folgende Projekte für Flüchtlinge:

– ein Zelt auf dem Schlossplatz informierte über die Ursachen der Flucht

– eine Stadtführung für jugendliche Flüchtlinge zeigte ihnen Braunschweig aus Sicht von Gleichaltrigen

– eine Fahrradreparaturaktion will Flüchtlingen auf dem Land mehr Mobilität geben

– ein Fußballturnier am Südsee sorgte für ein näheres Kennelernen

– ein Spielenachmittag mit Flüchtlingskindern in der LAB will Brücken bauen
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