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Beißen, kratzen, fauchen: Wenn sie kommt, werden alle wütend

Schöner Beruf mit Schattenseite: Als Tierärztin im Zoo macht man sich wenig Freunde

Von Marion Korth

Braunschweig. Wie kann jemand, der so sympathisch und freundlich ’rüberkommt, nur so unbeliebt sein? Dr. Anja Blankenburg hat es geschafft, es sich mit (fast) allen zu verscherzen, da hilft das netteste Lächeln nichts. Aber das bringt ihr Beruf so mit sich. Die 35-Jährige ist Tierärztin im Stöckheimer Zoo und im Tierpark Essehof.

Ein Tierarzt wird Tierarzt, weil er Tiere mag. Aber diese Zuneigung beruht nur selten auf Gegenseitigkeit. Mittlerweile hat sich Anja Blankenburg an diesen Widerspruch gewöhnt. „Aber es tut mir Leid, wenn ich unsere handaufgezogene Gepardin, zu der ich einmal in der Woche auch zur Schaufütterung ins Gehege gehe, dann mit dem Blasrohr betäuben muss“, sagt Anja Blankenburg. Trotzdem steht für sie fest: „Ich habe wirklich Glück, dass ich diese Stelle bekommen habe.“
Bevor Schnappschildkröten, Esel, Kamele oder Tiger ihre Patienten wurden, hatte sie unter anderem auch in einer ganz „normalen“ Kleintierpraxis gearbeitet. So groß seien die Unterschiede aber gar nicht. „Vieles ist ähnlich: Ein Watussirind ist wie eine Schwarzbunte und ein Tiger wie eine Katze.“ Etwas macht ihre Arbeit im Zoo dann aber doch speziell: „Hier weiß man genau, hier kooperiert keiner mit einem.“ Zootiere sind Wildtiere und schon im normalen Umgang mit Vorsicht zu genießen. Erst recht, wenn sie krank sind oder Schmerzen haben. Als Tiger Jelzin wegen eines herausgebrochenen Eckzahnes behandelt werden musste, gab es erst einmal eine Ladung Betäubungsmittel aus dem Blasrohr, ansonsten wäre an ihn kein ’Rankommen.
Die kleineren Tiere sind nicht besser. „Hast du Handschuhe dabei?“, fragt Anja Blankenburg. Tierpfleger Dario Bosse nickt. Die „Operation Waschbär“ läuft an. Operiert wird niemand, aber der vier Monate alte Waschbärnachwuchs soll geimpft werden. Nicht nur Ernie und Bert, die handzahm sind, sondern auch zwei menschenscheue Tiere. Die wehren sich nach Kräften, fauchen, beißen, kratzen. Und sie haben Verbündete. Waschbärweibchen Foxy wird zu Furie, weil es ihren Kindern an den Kragen geht. Sie nimmt die Verfolgung auf und versucht, den Tierpfleger ins Bein zu beißen. Am Ende hilft alle Gegenwehr nichts, hintereinander weg bekommen die beiden Waschbären ihre Spritze.
Die Prophylaxe macht den Löwenanteil der Tierarztarbeit im Zoo aus. An die 350 Tiere in rund 60 Arten müssen regelmäßig entwurmt und geimpft werden. Wirkliche Krankheiten seien eher selten, häufiger dagegen Verletzungen als Folge von Rangordnungsrangeleien. Besonders schlimm hatte es einmal ein Pavianweibchen erwischt, nachdem das Alphamännchen der Horde sie attackiert hatte. „Die Haut an ihrem Arm hing in Fetzen herunter“, berichtet die Tierärztin. Kreuz und quer habe sie die Wunden nähen müssen. „Sah hinterher ein bisschen wie bei Frankenstein aus“, meint sie.
Goldkopflöwenäffchen zählen mit zu ihren Lieblingstieren, aber Affen an sich sind als Patienten „ganz schlimm“. Verbände werden in nullkommanichts abgepult, das Fädenziehen gleich beim Lausen miterledigt. Da hilft oft nur ein Ganzkörper-Schlauchverband, um eine Wunde gut und vor allem dauerhaft zu verpacken.
Der Austausch mit anderen Tierarztkollegen ist wichtig, weil bei Wildtieren manches schlicht nicht bekannt oder erforscht ist. Direkt im Zoo sind die Tierpfleger Anja Blankenburgs wichtigste Ansprechpartner. Sie kennen ihre Schützlinge ganz genau, merken sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Die Haltung von Tieren im Zoo sei immer ein Kompromiss. Aber im Zoo Stöckheim soll es ein guter Kompromiss sein. „In erster Linie soll es unseren Tieren gutgehen“, betont Blankenburg. Darauf haben auch die Zoobesucher ein wachsames Auge. Alarmmeldungen wie „das Stinktier ist tot“, hört sie öfter mal. „Dann liegt es platt da und sonnt sich“. Diese Fürsorge ist die eine Seite, Gewissenlosigkeit die andere. Dann steht morgens in der Sommerhitze mal wieder ein Pappkarton mit einem Meerschweinchen vor der Eingangstür. So etwas macht Dr. Anja Blankenburg richtig sauer: „Für mich sind alle Tiere gleich viel wert, egal ob Meerschweinchen oder Tiger. Beide sind Lebewesen.“
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