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Beispiellose Aggressivität

Vier von 36 Fußball-Rowdys verurteilt. Nach Krawallen in der Neuen Straße: Polizisten sagten vor dem Jugendgericht aus.

Von Martina Jurk, 04.12.2013.
Braunschweig. Das erste Mal seit den Krawallen in der Neuen Straße nach dem Eintracht-Spiel am 19. Mai saßen sie sich gegenüber: Täter und Polizisten. Kein Blickkontakt bei der Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht, bei der sich vier junge Männer verantworten mussten.

Die 19- und 20-Jährigen wurden wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs verurteilt. 29 Polizeibeamte waren am Pfingstsonntag bei Randalen nach dem letzten Saisonspiel Eintracht Braunschweigs gegen Frankfurt und dem damit besiegelten Bundesliga-Aufstieg teilweise schwer verletzt worden, sie trugen Knochenbrüche, Prellungen, Hämatome und einen Zahnabbruch davon. Es entstand ein Sachschaden von 6000 Euro. Die Rowdys, die ihrer Gewaltbereitschaft freien Lauf ließen, warfen Tische, Stühle, Gläser und schwere Aschenbecher auf die Polizisten.
Als ein Braunschweiger Beamter einem am Boden liegenden Kollegen aufhelfen wollte, wurde ihm von hinten ein Stuhl über den Kopf gezogen. Die Folge: eine Verletzung an der Halswirbelsäule. Ein 20-Jähriger, der diese Tat beging, war Hauptbeschuldigter in dem Prozess im Braunschweiger Amtsgericht, in dem der Polizeibeamte als Nebenkläger auftrat.
„Die Angeklagten sitzen hier, als könnten sie kein Wässerchen trüben, aber sie zeigten eine andere Seite. Die Aggressivität und Brutalität ihrer Taten sind beispiellos und beängstigend“, sagte Oberstaatsanwalt Hans Meyer-Ulex. Genau das bestätigten neun Zeugen, acht von ihnen waren mit der Hundertschaft der Göttinger Bereitschaftspolizei an diesem Pfingstsonntag in Braunschweig. „Es war ein normaler Einsatz. Wir begleiteten den Fanmarsch vom Stadion zum Bohlweg. Kurz nach 21 Uhr waren wir im Begriff, nach Hause zu fahren, als von den Braunschweiger Kollegen Unterstützung in die Neue Straße angefordert wurde“, berichtete ein 31-jähriger Polizeibeamter. „Die Angst der Braunschweiger Beamten war über Funk zu hören“, gab eine 24-jährige Zeugin zu Protokoll. „Wegen der Dringlichkeit konnten wir nur den Helm nehmen. Es blieb keine Zeit, Schutzkleidung anzulegen“, sagte ein 26-jähriger Zeuge aus.
Die Göttinger Polizisten berichteten von Hass, der ihnen bei ihrer Ankunft in der Neuen Straße entgegenschlug, von einem Trümmerfeld auf der Straße, von skandierenden Rufen „Hier regiert der BTSV“, von aggressiver Grundstimmung. Sie seien der aufgebrachten Menge personell unterlegen gewesen, hätten sich auf die Höhe des Karstadt-Kaufhauses zurückgezogen und eine Sperrlinie errichtet. Ein 24-jähriger Beamter sagte: „Für mich persönlich war das eine Ausnahmesituation. Während meiner gesamten Dienstzeit in der Hundertschaft habe ich so viel Aggressivität und Brutalität noch nicht erlebt, auch nicht bei Großeinsätzen in Gorleben, Berlin oder anderswo.“ Und eine 24 Jahre junge Beamtin fasste zusammen: „Das ist in unseren Köpfen geblieben.“
Der 20-jährige Hauptbeschuldigte legte ein vollumfängliches Geständnis ab. Er entschuldigte sich bei dem Braunschweiger Polizisten, dem er den Stuhl auf den Kopf geschlagen hatte. „Es tut mir Leid“, sagte er. Die Situation sei aus dem Ruder gelaufen, die Taten seien nicht erklärbar. Er hoffe, dass seine Entschuldigung glaubhaft rüberkomme. Auch die anderen Beschuldigten zeigten Reue. Gewalt sei nicht ihre Absicht gewesen. Ein „gutes Level“ an Alkohol und die Menschenmenge, das alles habe sie mitgerissen.
„Das kann eine Erklärung für das Verhalten sein, aber keinesfalls eine Entschuldigung. Alle Vier haben sich des schweren Falls des Landfriedensbruchs schuldig gemacht“, sagte Jugendrichterin Angelika Prölß in der Urteilsbegründung. Sie verstehe unter einer friedlichen Aufstiegsfeier etwas anderes.
Die jungen Männer haben alle eine ordentliche Schulausbildung genossen, zum Teil Abitur oder eine Ausbildung gemacht beziehungsweise sind noch in der Ausbildung. „Was sie getan haben, hat nichts mit Fußball zu tun. Das war Austoben“, sagte der Verteidiger des Nebenklägers.
Da die Beschuldigten unter 21 Jahre alt sind, kommt das mildere Jugendstrafrecht zur Anwendung. Bei dem Hauptbeschuldigten wurde eine Jugendstrafe für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Alle wurden in unterschiedlichem Maß zu freiheitsentziehenden Maßnahmen, das heißt ein bis zwei Wochen Dauerarrest beziehungsweise Freizeit-Arrest, Ableistung freiwilliger Arbeitsstunden, Teilnahme am Anti-Aggressions-Training und Geldauflagen verurteilt. Hinzu kommt ein bereits verhängtes Stadionverbot für drei Jahre sowie Betretungsverbot für die Innenstadt und den Bahnhof bei Eintracht-Heimspielen. Für die restlichen 32 erwachsenen Angeklagten gibt noch keine Prozesstermine.
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