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Auszeit vom normalen Wahnsinn

Paul Koch (l.) koordiniert die Erholungsfahrt. Jetzt freuen sich alle auf den Zirkusbesuch. Foto: T.A.

28 Jahren nach Tschernobyl: Kinder aus Weißrussland tanken frische Kraft in Braunschweig.

Von Marion Korth, 13. August 2014.

Braunschweig. Bald 30 Jahre sind seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vergangen. Trotzdem: In der Region um das Kraftwerk macht das normale Leben die Menschen krank. Eine Gruppe von Kindern hat sich eine Auszeit genommen. Gestern besuchte sie den Zirkus Krone.

Freudige Gesichter, gespannte Erwartung. „Einen Wanderzirkus kennen die Kinder nicht“, sagt Paul Koch. In ihrer Heimat, in Weißrussland, haben die Zirkusse feste Spielstätten, wie ein Theater. Der frühere Sozialdiakon hat 1990 die erste Kindererholung organisiert. In diesem Jahr zum ersten Mal mit Unterstützung der Evangelischen Akademie in Braunschweig, die für die 18 Kinder im Alter zwischen 9 und 14 Jahren für zwei Wochen ihr Gästehaus öffnete. Die nB hatte geholfen, den kostenlosen Zirkusbesuch für die Gruppe zu ermöglichen.
Die Kinder kommen alle aus dem Dorf Valawsk im Gomelgebiet. Die weißrussische Region war mit am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffen, Tschernobyl in der Ukraine liegt fast „nebenan“. Die Gefahr lauert unsichtbar im Boden. „Es ist eine dörfliche Region, die Menschen ernähren sich viel von dem, was auf den Äckern und in den Gärten wächst“, sagt Paul Koch. „Cäsium hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, und dann hat es ja immer noch die Hälfte des ursprünglichen Strahlenwerts“, erläutert er das Problem. Deshalb ist auch 28 Jahre nach der Reaktorkatastrophe keine Normalität eingekehrt.
Es muss nicht Leukämie sein, auch kein anderer Krebs. Das Immunsystem der Kinder sei angeschlagen, sie würden häufig unter Konzentrationsschwäche leiden, haben oft Nasenbluten. Die Zeit in Braunschweig soll ihren Körper von Belastungen befreien. Betreuerin Natascha sagt, dass das gelingt. „Bevor die Kinder bei uns abreisen, wird ihre radioaktive Belastung gemessen und wenn sie zurückkommen auch“, erzählt sie. Die Erfahrung mit früheren Gruppen habe gezeigt, dass die Werte tatsächlich deutlich geringer sind.
Obwohl die Kinder in Braunschweig so herzlich aufgenommen worden sind – für zwei Wochen von der Evangelischen Akademie und seit Freitag für eine weitere Woche von Gasteltern in Braunschweig – haben manche hier mit einer speziellen Krankheit zu tun. „Heimweh“, sagt Gastmama Angela Hochgreve. Immer zwei Kinder leben in einer Gastfamilie. Natalja und Ina bei den Hochgreves. „Die beiden sprechen ein paar Worte Deutsch, wir leider kein Russisch.“ Aber die Verständigung klappt trotzdem. Das Wörterbuch liegt griffbereit, und seitdem die Familie auch noch eine Internetseite gefunden hat, auf der die Mädchen gesuchte Wörter in kyrillischen Buchstaben eingeben können und diese dann übersetzt werden, geht sowieso alles einfacher. Die Mädchen seien sehr lieb, nur ihre Ernährungsgewohnheiten neu für die Familie. Zwischen zwei Brotscheiben passt nicht nur eine Scheibe Käse oder Schinken, sondern gleich mehrere, immer im Wechsel. „Das machen meine beiden auch“, sagt eine andere Gastmutter und lacht.
In Braunschweig haben die Kinder schon viel gesehen, tobten sich auf dem Abenteuerspielplatz in Melverode aus, nahmen an einer Stadtführung und einer Fibs-Aktion teil, besuchten Till Eulenspiegel in Schöppenstedt, fuhren mit der historischen Straßenbahn durch die Stadt und waren im Zoo. Am gestrigen Dienstag stand der Besuch der letzten Zirkusaufführung dieses Krone-Gastspiels auf dem Programm, in die Autostadt geht es auch noch.
Der Zirkusbesuch war übrigens beim Jazz auf der Oker eingefädelt worden. Da war an nB-Redaktionsleiterin Ingeborg Obi-Preuß die Bitte nach ein paar Zirkuskarten für die Kinder aus Belarus herangetragen worden. Der Zirkus Krone sagte sofort seine Unterstützung zu und gewährte für Kinder und Betreuer freien Eintritt.
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