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Aufbruch in einen Lebenstraum

Ulrich Markurth übergibt Mark Harzheim ein Grußschreiben für Bandung. Davor das Spezialrad mit schwenkbarem Solarpanel, das bei Sonnenschein den Ersatzakku schneller auflädt als der primäre Akku während der Fahrt entladen wird. Foto: Nizar Fahem

Der Braunschweiger Mark Harzheim plant mit einem Fahrrad, die Welt zu umrunden – Der Zeitrahmen ist offen.

Von Andreas Konrad, 16.04.2016.

Braunschweig. Es könnte die längste Kurierfahrt der Stadtgeschichte werden. Mark Harzheim will sich morgen mit einem Grußschreiben von Oberbürgermeister Ulrich Markurth an Braunschweigs Partnerstadt Bandung in Indonesien auf dem Weg machen – mit einem Pedelec mit Solarladestation im Schlepp.

Bandung freilich liegt dabei lediglich auf den Weg. Harzheim plant, einmal um die Welt zu fahren, fünf Kontinente, mehr als 100 000 Kilometer und immer unter dem Motto „nur nicht hetzen lassen“.

Tiefenentspannt sitzt er uns bei einem Tee gegenüber, erzählt von seinem letzten Arbeitstag am 17. Dezember und sechs Monaten Freistellung durch seinen Arbeitgeber. Ursprünglich wollte er schon früher losfahren, aber es hat halt nicht geklappt, die Vorbereitungen auf die Reise, das Bauen des Rades und die Sponsorensuche sowie vor allem das Erstellen seiner Homepage (www.oneworldpedelectour.de), die er unterwegs pflegen will, haben einfach länger gedauert. Somit rückt der Tag ohne direkte Rückkehr in sein Leben als Fahrzeug-Ingenieur immer näher. „Das ist egal“, sagt der sympathische 49-Jährige, „meine Entscheidung steht fest, ich fahre.“

So lange er denken könne, trage er sich mit dem Gedanken dieser Tour. Auch zahllose Urlaubs-Radreisen, Trips auf dem Jakobsweg und andere Wanderungen konnten den Drang des ehemaligen Moto-Cross-Fahrers nicht bremsen. „Seit eineinhalb Jahren ist das aktiv geworden, ich begann intensiv Bücher zu lesen, zu Vorträgen zu gehen und Netzwerke mit anderen Weltreisenden aufzubauen“, so Harzheim, der aufgrund eines Kreuzbandrisses und insgesamt sechs Operationen sowie einer nachfolgenden Arthrose sein rechtes Knie nur bedingt belasten kann – deshalb die elektrische Unterstützung beim Treten.

Ob er keine Angst habe, allein zu reisen, wollen wir wissen. Mitnichten. „Die Menschen sind nicht so schlecht wie sie in den Nachrichten erscheinen“, hätte man ihm berichtet. Natürlich müsse man aufpassen, „ich bin aber grundsätzlich positiv eingestellt und habe die nötige Abenteuerlust – wenn man allein reist, kommt man außerdem viel schneller mit Menschen in Kontakt, wird häufiger angesprochen“, so Harzheim, der auf seiner Reise jeden Morgen noch nicht wissen wird, wo er abends ankommt, geschweige denn übernachtet. Von Hostel über Couchsurfing, von Eingeladen-werden bis Zelt reicht die angedachte Standard-Bandbreite. „Da ich diesbezüglich anspruchslos bin, kann es auch die Waldhütte am Wegesrand für eine Nacht sein“, sagt er so überzeugend, dass daran kein Zweifel aufkommt.

Die Reiseroute führt ihn zuerst nach Passau, dann entlang der Donau bis zum Schwarzen Meer, über die Türkei in den Iran. Visa hat er sich noch nicht besorgt, schließlich wisse er ja nie, für welchen Zeitraum er sie brauche. Deshalb wird er in der Hauptstadt eines jeden Landes die Botschaft des Folgelandes aufsuchen, um – wenn die Zeit reif ist – ein Visum zu beantragen.
Hinter dem Iran stehen dann je nach Jahreszeit und politischer Lage drei Optionen zur Verfügung. Nördlich über einen der drei Himalaya-Pässe, falls es noch Sommer ist, weiter durch Pakistan, falls die Route sicher ist, oder südlich über Dubai und den Oman per Containerschiff nach Indien.

Einem Tipp eines Weltreisenden folgend habe er hierzu eigens in einem Tageslehrgang in Berlin einen „Seeleute-Ausweis“ gemacht, ein offizielles Dokument der Bundesrepublik, das der Türöffner sein soll, auf Schiffen anzuheuern, falls sich keine andere Überfahrt-Möglichkeit ergibt. „Dokumente mit Bundesadler haben international einen hohen Stellenwert“, sagt er und lacht. Ist dieser Streckenabschnitt überstanden, rückt auch schon der Adressat des Markurthschen Grußschreibens immer näher – Bandung, Indonesien. Wir werden berichten, wenn es soweit ist, aber bitte „nicht hetzen“.

Ein Zeitlimit für die Weltumrundung hat sich Harzheim übrigens nicht gesetzt. Die daheim vermietete Eigentumswohnung soll das Internet-Konto füllen und der Rest wird sich schon ergeben. Nicht ausgeschlossen, dass er irgendwo seinen Traumplatz findet und dort bleibt, obwohl – wie er betont – er absolut gerne hier in Braunschweig lebt. „Ich bin vor allem ein Fan von Europa und würde auch gern zurückkommen.“ Die Reise sei keine Flucht sondern einfach der Beginn eines anderen Lebensabschnitts.

Nach Indonesien soll es weiter gen Süden Richtung Australien und Neuseeland gehen, schließlich quer über den Pazifik nach Kalifornien, dann die komplette Westküste des Kontinents einschließlich der Anden hinunter nach Feuerland und im Osten wieder hoch nach Buenos Aires. Hier käme möglicherweise wieder „Seeleute-Ausweis“ zum Einsatz, um nach Kapstadt zu „containern“, andere Reisende hatten alternativ noch den Tipp, auf einer privaten Segelyacht anzuheuern. Was Harzheim auf jeden Fall vermeiden möchte, ist zu fliegen – das sei Teil seiner Motivation. In Südafrika ankommen, geht es dann Richtung Norden nach Europa, zur Straße von Gibraltar, über Frankreich nicht direkt nach Deutschland: Als finale Ehrenrunde sind Großbrittanien, Island, Skandinavien, das Baltikum und Polen eingeplant. Und vielleicht hat er dann ja ein Grußschreiben von Mochamad Ridwan Kamil, dem Bürgermeister von Bandung, in der Satteltasche.
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4 Kommentare
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Dagmar Fengler aus Außerhalb der Region | 03.05.2016 | 17:33  
Andreas Konrad aus Braunschweig - Innenstadt | 03.05.2016 | 18:28  
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Ilona L. Juhász aus Braunschweig - Innenstadt | 11.05.2016 | 16:06  
Andreas Konrad aus Braunschweig - Innenstadt | 12.05.2016 | 12:45  
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