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Auf dem Weg zur „Stadt der Nähe“

Wenn das Erdöl zur Neige geht, wird sich unser Leben radikal ändern – Ein Blick in die Zukunft mit Dr. Stephan Rammler.

Von Marion Korth, 13.02.2011

Braunschweig. Im Supermarkt kostet der Liter Rapsöl neuerdings nicht mehr 1,09 Euro, sondern 1,39 Euro. In Marokko, Tunesien und Ägypten gehen die Menschen auf die Straße. Was hat das damit zu tun, dass die Erdölvorräte der Welt zur Neige gehen? Eine ganze Menge, erfahren wir im Gespräch mit Professor Dr. Stephan Rammler.

Er hat 2007 das Institut für Transportation Design gegründet, und er beschäftigt sich mit der Zukunft. Genauer mit der postfossilen Zeit, in der Erdöl nicht mehr kostengünstig zur Verfügung steht. „Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass wir in fünf Jahren in der postfossilen Zeit leben“, sagt er dann. Die Erdölvorräte werden schneller knapp werden, als es uns lieb ist. Um das zu wissen, genügt ein Blick nach China oder Indien, wo Mittelklassen wachsen, die am Wohlstand teilhaben möchten.
Schon jetzt werden auf immer größeren Flächen nachwachsende Rohstoffe angebaut. Mit der Folge, dass Nahrungsmittel in diesem Jahr so teuer sind wie nie zuvor. Das war mit ein Auslöser dafür gewesen, dass die Menschen in Nordafrika protestieren.
„Wenn es um Öl geht, dann denken viele nur an Treibstoff für ihr Auto, aber Öl ist konstituierend für unsere Kultur“, betont Rammler. Ob Plastikeimer, Medikament oder Lebensmittel – wenn Öl nicht direkter Bestandteil eines Produktes ist, dann wird Öl in zweiter, dritter oder vierter Instanz gebraucht. Für die Herstellung, die Ernte, für Kühlung oder Transport. Es gebe Fachleute, die davon ausgehen, dass 2010 das Erdölfördermaximum erreicht worden ist und von da an die Fördermengen sinken und die Preise steigen werden. Andere sehen diesen Punkt erst 2015 bis 2020 erreicht. „Wir haben zehn Jahre Zeit, in denen wir überhaupt noch handeln können“, meint Rammler. Und: „Wir sind schlecht vorbereitet.“
Den Übergang zu schaffen, ist eine riesige Herausforderung. Rammler: „Das ist so, als wollte man bei einem fahrenden Auto Getriebe, Motor und Reifen wechseln, das ist nach unserer heutigen Vorstellung unmöglich.“
Allerdings haben wir keine andere Wahl, als das Unmögliche zu versuchen. „Und Bangemachen gilt sowieso nicht“, sagt Rammler. Er ist halbwegs zuversichtlich, dass Deutschland mit seinen technischen Möglichkeiten und den Folgen des Klimawandels ganz gut klarkommen werde.
An seinem Institut verfolgen Forschung und Lehre einen neuen Ansatz, um Studenten im Sinn einer anderen Denkungsart zu erziehen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Bernhard Fehr weiß von drei Kommilitonen, die nach ihrem Studium nicht einfach weiterarbeiten, nicht die soundsovielte Variante eines Produktes entwickeln möchten, sondern für sich persönlich nach neuen beruflichen Antworten suchen.
Im Institut stehe immer weniger das Produkt im Vordergrund, sondern die Frage, wie ganze Systeme neu geschaffen oder verändert werden können. Was sind unsere Bedürfnisse und wie können wir sie erfüllen? „Wir müssen Glück und Wohlbefinden auf einer anderen Ebene herstellen“, erläutert Rammler. Der schnelle und billige Konsum werde jedenfalls der Vergangenheit angehören. „Die ganze Regionalisierung ist ein Zurück, aber sie ist dennoch ein positives Beispiel“, sagt Bernhard Fehr. Wer Obst, Gemüse oder Eier beim nächstgelegenen Bauern kauft, handelt fortschrittlich. Ein guter Ansatz sei auch, wenn sich viele Leute ein Auto teilen oder im Mehrfamilienhaus Gemeinschaftswaschmaschinen im Keller stehen. Nicht mehr jeder werde sich ein eigenes Auto leisten können. „Die Regiostadtbahn wäre ein schönes Konzept gewesen, um wenigstens eine minimale Mobilität auch für die ländliche Bevölkerung aufrechtzuerhalten“, sagt Rammler.
Auch in der postfossilen Zeit werden Menschen mobil sein, aber in einem engeren Umkreis. „Wir werden nicht um eine Verkleinerung der Strukturen herumkommen“, sagt Rammler und spricht von „Dezentralisierung“. Viele Siedlungen, heißen sie nun Lamme oder Timmerlah, sind in Zeiten der billigen Automobilität entstanden. Es werde aber nicht mehr finanzierbar sein, alle suburbanen Zentren mit der Straßenbahn anzufahren.
Stattdessen werde sich eine „Stadt der Nähe“ entwickeln. In der wird Mobilität nicht mehr an der möglichst großen Zahl zurückgelegter Kilometer abzulesen sein, sondern als Erreichbarkeit von allem, was der Mensch zum Leben braucht. Gemeint sind kurze Wege, die Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen können, aber auch mehr soziale Nähe. Für Familien mit Kindern werde die Stadt mehr Lebensqualität bieten. Sie wird viel leiser und auf den Straßen leerer sein. Der Professor stellt sich eine Mischung aus Schienenverkehr, Elektrobussen, Fahrrädern und vereinzelt Autos vor. Fahrradkurierdienste werden vielleicht die Branche der Zukunft werden.
Rammler hat keine Kristallkugel, um in die Zukunft zu schauen. „Zukunftsforschung ist keine harte Wissenschaft, das hat viel mit Eintrittswahrscheinlichkeiten und Risikobewertungen zu tun“, erläutert er. Er weiß aber, dass sich Grundsätzliches ändern wird. „Wir haben keine fertigen Antworten, aber wir sollten anfangen nachzudenken, denn es wird schwierig genug.“
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