Anzeige

Auf dem Weg in die Wirtschaft holpert es noch ziemlich

Sie alle setzen sich für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ein (v.l.): Adalbert Wandt (IHK), Harald Eitge (Agentur für Arbeit), Olga Alferova (prüft für die IHK die Qualifikation von Flüchtlingen, die keine Abschlüsse vorweisen können), Wolfgang Niemsch (Arbeitgeberverband), Dr. Ulrich Kühnast (Ausbildungsverbund der Wirtschaftsregion Braunschweig/Magdeburg) und Michael Albrecht (Porsche-Zentrum). Foto: T.A.
Von Marion Korth, 31. Oktober 2015.
Braunschweig. Noch ist alles in Bewegung, täglich kommen neue Flüchtlinge, während sich bei den Bundesbehörden die Asylanträge stapeln. Viele Menschen sind nicht einmal registriert, geschweige denn, dass schon geprüft worden ist, ob sie eine Ausbildung haben und ob diese mit einer in Deutschland zu vergleichen ist. Mangelnde Sprachkenntnisse behindern zudem den schnellen Zugang auf den Arbeitsmarkt.
Bei einer Veranstaltung in der IHK am Donnerstag wurde über die Wege der Integration in den Arbeitsmarkt gesprochen und die ersten gelungenen Beispiele vorgestellt. „Es wird sicher Folgeveranstaltungen geben“, sagte IHK-Vizepräsident Adalbert Wandt. In seiner Spedition werden mit Unterstützung des Ausbildungsverbundes Braunschweig/Magdeburg derzeit acht Kroaten zu Berufskraftfahrern ausgebildet.
In Gastronomie, Altenpflege oder auch im Handwerk werden Arbeitskräfte gesucht, diese aber unter der Vielzahl der Flüchtlinge zu finden, ist derzeit eher noch Glückssache. Zahlreiche gesetzliche Regelungen sind eine zusätzliche Erschwernis. Pragmatismus sei gefragt, um den Weg in die Arbeitswelt zu ebnen.

Jeden Tag kommen 1000 Flüchtlinge nach Niedersachsen. Wer sie sind, welche Qualifikation und Talente sie haben, ob sie überhaupt bleiben dürfen, das ist nicht bekannt. Und da liegt das Problem. In der Industrie- und Handelskammer ging es am Donnerstagabend darum, wie die Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können. „Das ist eine große Herausforderung für alle, aber für die Arbeitgeber auch eine große Chance“, sagte Adalbert Wandt, Vizepräsident der IHK. Rund 40 Unternehmer waren gekommen, um sich zu informieren. Wandt führte es auf die Herbstferien zurück, dass etliche Stühle im großen Saal leerblieben.
Rund 10 000 Flüchtlinge werden nach den Prognosen zum Jahresende in Goslar, Salzgitter, Wolfenbüttel und Braunschweig (LAB) leben. „Aus diesen vier Gebietskörperschaften kennen wir 120 Menschen, die sich gemeldet haben“, sagte Harald Eitge, Leiter der Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar. Eine verschwindend geringe Zahl. „Aber wir können nur denjenigen helfen, die wir kennen.“ Zwei Mitarbeiter der Arbeitsagentur wurden für ein „Erstprofiling“ in die LAB entsandt, an die Arbeitsagentur weitergeleitet werde aber nur, wer ein Studium nachweisen könne, nicht aber derjenige, der zu Hause Autos repariert habe. Und dann bleibt immer noch die Frage, was dahinter steckt, wenn jemand sagt, er habe studiert, skizzierte Eitge die Probleme.
„In der Industrie ist es der Maschine egal, ob derjenige an der Drehbank einen Gesellenbrief in der Tasche hat oder nicht“, sagte Wolfgang Niemsch. Der Vorstandsvorsitzende des Arbeitgeberverbandes Region Braunschweig warb für einen pragmatischeren Ansatz. Viele potenzielle Arbeitgeber dürfte zudem abschrecken, dass sie bereits nach drei Monaten den Mindestlohn von 8,50 Euro zahlen müssen. Drei Monate aber reichten nicht aus, um einem Flüchtling Deutschkenntnisse und zusätzlich benötigte Fachterminologie zu vermitteln. Wünschenswert wären Förderwerkzeuge wie die Erstqualifikation für Schüler mit Lerndefiziten, nun aber für erwachsene Flüchtlinge mit mangelnden Sprachkenntnissen.
„Ohne Sprachkenntnisse wird es keine Integration in den Arbeitsmarkt geben“, stellte auch Eitge klar. Für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Eritrea kann und wird die Arbeitsagentur Sprachkurse organisieren, nicht aber für diejenigen, deren Herkunftsländer nun als gesichert gelten oder die aktuell vom Westbalkan kommen. An Lehrern mangelt es obendrein, derzeit würden pensionierte Lehrer angeschrieben, um sie für Deutschkurse zu gewinnen.
350 000 Asylanträge würden sich derzeit unbearbeitet stapeln. 100 000 Menschen hätten Aussicht auf Asylgewährung. Eitge ist aber skeptisch, ob es gelingt, den Berg bis Weihnachten abzuarbeiten. Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge solle die Arbeitsagentur 90 Mitarbeiter zur Unterstützung schicken.
Fürs nächste Jahr rechnet Eitge mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um fünf Prozent – schon allein deshalb, weil etliche Monate vergehen, bis Aufenthaltsstatus und Kenntnisse es möglich machen, einen Flüchtling zu vermitteln. Derzeit sei die Agentur dabei, ein Coachingsystem aufzubauen, um diesen Schritt schneller vollziehen zu können. Eine Konkurrenzsituation mit deutschen Arbeitslosen werde seiner Ansicht nach nicht entstehen, und demografisch gesehen, seien die Flüchtlinge ohnehin ein Glück.
------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die Glücksfälle, die gibt es auch

Von Marion Korth, 31. Oktober 2015.
Braunschweig. Bisher sind es eher persönliche Kontakte, die einem Flüchtling den Weg in ein Unternehmen ebnen. Eine Empfehlung brachte Mustafa Abakar aus dem Sudan ins Porsche-Zentrum. Sein Chef Michael Albrecht schätzte vom ersten Tag an das Engagement des neuen Mitarbeiters. Albrecht: „Es macht Spaß mit ihm.“ Voraussetzung für die geglückte Integration sei aber, dass alle Mitarbeiter Zeit bekommen, Vorurteile und mangelndes Wissen abzubauen, um sich mit dem neuen Kollegen anzufreunden. Albrecht nimmt sich selbst nicht aus, auch er habe keine Ahnung gehabt, was er sich unter einer Reparaturwerkstatt im Sudan vorstellen soll. Heute weiß er, dass damit kein Schuppen in der Wüste, sondern ein ziemlich moderner Betrieb in einer Millionenstadt gemeint war. Beide Seiten müssten dazulernen. Bei vergleichbarer Qualifikation würde er sofort noch weitere Flüchtlinge einstellen.
Auch Wolfgang Niemsch berichtet von einem Mitarbeiter, bei dem sich durch Zufall herausstellte, dass er ein Meister an der Fräsmaschine ist, ohne dass er eine entsprechende Ausbildung hat.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.