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Angeklagte: „Ich hatte nicht das Gefühl, als gehöre es zu mir“

Prozessauftakt zum „Waller Babymord“ – 36-Jährige gesteht, beide Kinder getötet zu haben.

Braunschweig (jen). 26.10.11

Das Landgericht hat mit der juristischen Aufarbeitung jenes Falles begonnen, der 2005 als „Babymord vom Waller See“ für Schlagzeilen sorgte. Die 36 Jahre alte Angeklagte hat die Tötung ihrer neugeborenen Tochter zugegeben. Dennoch sehen sich die Richter mit vielen Ungereimtheiten konfrontiert, zumal die Frau auch ihr zweites Kind umgebracht haben soll.

Wenn die Verhandlung trotz des Geständnisses schwierig wird, liegt das vor allem am Auftritt der Beschuldigten. Die schmale Frau mit den glatten schwarzen Haaren drückt sich gewählt aus. Sie äußert sich aber nur stockend und legt zwischen den einzelnen Sätzen lange Pausen ein.
Das klang geradezu unheimlich, als sie fast teilnahmslos den gewaltsamen Tod ihres Säuglings beschrieb. Vater des Kindes sei ein verheirateter Mann. Sie habe die Schwangerschaft verheimlicht und verdrängt. Die Geburt habe sie überrascht und sei mit Komplikationen verbunden gewesen.
Kehle durchgeschnitten
„Es waren so schlimme Schmerzen“, schilderte die 36-Jährige. Als das Baby nach vielen Stunden in ihrem Badezimmer zur Welt gekommen war, „hatte ich nicht das Gefühl, als gehöre es zu mir. Ich brauchte nur noch Ruhe, und es schrie so laut.“ Da habe sie ein Messer genommen und dem Neugeborenen den Hals durchgeschnitten. Die Anklage geht davon aus, dass die Schuldfähigkeit der Frau durch die Schmerzen und die Erschöpfung erheblich vermindert war.
Tagelang bewahrte die Beschuldigte den in einer Plastiktüte verpackten Leichnam in ihrer Besenkammer auf. Dann verscharrte sie ihn am Ufer des Waller Sees. Dort entdeckten spielende Kinder das tote Baby. Die Polizei startete eine großangelegte Suche nach der Mutter. Ihre Bemühungen erwiesen sich aber fast sechs Jahre lang als vergeblich. Erst im Frühjahr 2011 gelang es, die Braunschweigerin mittels einer zufällig entdeckten DNA-Spur zu identifizieren. Nach ihrer Festnahme führte sie die Fahnder zur Leiche ihrer zweiten Tochter. Der kurz zuvor geborene Säugling steckte in einem Müllcontainer.
Vater sei erneut ein verheirateter Mann, erklärte die 36-Jährige. Anders als im ersten Fall habe sie das Baby aber unbedingt behalten wollen: „Ich habe mich so darauf gefreut. Es wäre endlich etwas gewesen, das mir allein gehört.“ Das Mädchen sei aber ertrunken, weil sie sich zur Geburt in die mit Wasser gefüllte Badewanne gelegt habe. Daran zweifelt Oberstaatsanwältin Kirsten Stang nicht. Sie geht jedoch davon aus, dass die Beschuldigte den Tod des Säuglings billigend in Kauf genommen hat. Daher sind beide Fälle als Totschlag angeklagt.
Schwieriger Lebensweg
Auch vor der Tötung des ersten Kindes war der Lebensweg der 36-Jährigen problematisch. Ihre kurdischen Eltern gehören einer kleinen, sehr strengen religiösen Minderheit an. „Mädchen gelten da nichts. Für uns gab es keine Liebe, nur Grausamkeit“, sagte die Frau gestern.
Sie und ihre zehn Schwestern seien geschlagen und erniedrigt worden. Mit 18 Jahren sei sie aus Angst vor einer Zwangsehe geflohen. Weil sie die Rache ihrer Familie fürchtete, habe sie sich seither versteckt gehalten und mit Jobs in Kneipen und Spielhallen durchgeschlagen.
Mit dem Urteil ist nicht vor Mitte November zu rechnen.
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