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„Anästhesie war früher ein Abenteuer“

Professor Dr. Peter Werning, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie (von rechts), Ärztlicher Direktor Professor Dr. Horst Kierdorf und Pflegedirektor Ulrich Heller demonstrierten, wie eine Narkose erfolgt. Foto: Klinikum Braunschweig/Jörg Scheibe

Das Städtische Klinikum war seiner Zeit voraus, als es 1965 eine eigene Fachabteilung für Anästhesiologie gründete.

Von Marion Korth, 06.01.2015.

Braunschweig. Ein großer Schluck aus der Schnapsflasche, ein Holz zwischen die Zähne – „Betäubung“ im Stil alter Westernfilme. Der medizinische Fortschritt seither ist enorm, aber wenn Chefarzt Professor Dr. Peter Werning an die Methoden von vor 50 Jahren denkt, dann sagt er: „Anästhesie war früher ein Abenteuer.“

Die Anästhesiologie als eigenständige Abteilung, sie gibt es im Städtischen Klinikum seit einem halben Jahrhundert. „Das war 1965 extrem innovativ, damit war Braunschweig vor Hannover ganz vorn dabei“, sagt Werning, der seit 1990 in Braunschweig ist. Er kann sich gut an seine Anfangsjahre als junger Arzt erinnern; 1985 in einem Krankenhaus in Osnabrück, wo zwei erfahrene Pfleger allein die Anästhesieabteilung bildeten. Lange Zeit war die Anästhesie allenfalls als Anhängsel der Chirurgie und nicht als eigenes Fachgebiet gesehen worden. Davon kann heute keine Rede mehr sein, die Patientenzahlen stiegen von 3000 bis 5000 Patienten in den 1990er-Jahren auf aktuell mehr als 24 000. Einher mit dieser Entwicklung ging seit 1981 die kontinuierliche Ausbildung und Qualifikation der Pflegekräfte.
Herzoperationen, die acht oder gar zehn Stunden dauern, gehören zum Klinikalltag, früher waren sie undenkbar. Neben dem Hightech-Operationsarbeitsplatz mit all seinen Schläuchen, umstellt von Bildschirmen, die weit mehr organische Parameter sichtbar machen als Puls und Atmung, wirkt die Atemmaske aus Metall, die Werning zum Vergleich zeigt, wie aus dem Mittelalter. Auf die Stoffbespannung ließ der Arzt aus der Flasche Äther tropfen. Die Dosierung war, so Werning, „Glückssache“. Auch für den Arzt war diese Form der Narkose nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen: „50 Prozent der Narkosemittel hat er selbst eingeatmet.“
Es ist ein schmaler Grat, der bei der Narkose beschritten wird, ist sie zu stark, kommt es zum kompletten Atemstillstand. Die kontrollierte Beatmung sichert heute den Patienten. Äther war zwar einfach in der Anwendung, aber trotzdem gefährlich. Immer wieder sei es zu Explosionen im Operationssaal gekommen, da die Narkosegase brennbar waren und sich durch den Einsatz elektrischer Operationsmesser entzünden konnten. 1960 wachte von 2000 Patienten einer nicht mehr aus der Narkose auf, heute liegt das Verhältnis bei eins zu einer Million.
Die medizinische Entwicklung habe riesige Schritte gemacht. Die Möglichkeiten der genau auf den Patienten abgestimmten Narkosemittel und die genaue Dosierung und Überwachung ließen Gewichts- und Altersgrenzen fallen. „Mein ältester Patient war 107 Jahre alt und wurde am Herzen operiert, Frühgeborene wiegen manchmal nicht einmal 1000 Gramm“, sagt Werning.
Zu den Operationen sind noch weitere wichtige Einsatzbereiche hinzugekommen. Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie – die Anästhesisten haben es oft mit schwierigen Fällen zu tun. Sie stehen im Hintergrund bereit, um Unfallopfer sofort versorgen zu können, bei aufwendigen Operationen wird gleich ein zweites Team für den Schichtwechsel eingeplant. Mit mehr als 250 Mitarbeitern ist die Klinik für Anästhesiologie heute eine der größten im Haus. Dagegen hatte Dr. Dietrich Bickel am 1. Januar 1965 als Leiter der neugegründeten Anästhesiologie im Städtischen Klinikum noch allein dagestanden.
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