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Amerikas Goethe wohnte im Wald

Frank Schäfer wohnt mit seiner Familie in Lehndorf. Trotz der grünen Idylle im Garten, das Walden-Experiment wäre nichts für ihn. „Ich bin ein Kulturmensch“, sagt er über sich. Foto: Korth
 
Die Biographie über Henry Dacid Thoreau ist als Suhrkamp Taschenbuch erschienen.

Der Braunschweiger Frank Schäfer schrieb die Biographie über den Schön- und Poltergeist Henry David Thoreau.

Von Marion Korth, 01.07.2017.

Braunschweig. Die Kanne Kaffee leert sich schlückchenweise, tassenweise, die Kekse bleiben unberührt. Dazwischen eineinhalb Stunden und ein Gespräch, dessen Verlauf fröhlich mäandriert, ins Stocken gerät, im Strudel um sich selbst kreist, Fahrt aufnimmt, über Steine rauscht.

Wir waren gleich nach draußen gegangen, wo Büsche, Bäume und Vogelgezwitscher den Rahmen bilden. „Ein bisschen wie in Walden“, sage ich und habe das Bild von grüner Idylle im Kopf. „Ja“, sagt Frank Schäfer und fügt das Hintergrundrauschen der nahen Autobahn ein: „Wie in Walden, da war die Eisenbahn zu hören.“

Walden – oder genauer noch der Walden Pond – liegt in Massachusetts, dorthin hatte sich Henry David Thoreau 1845 für genau zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage in seine selbst gebaute Holzhütte zurückgezogen – ohne Zwang, aber mit Neigung dazu; ohne Geld, aber mit Muße zum Schreiben. Mit dem Stoff für sein Buch „Walden“ kam er wieder hervor, ein Lobgesang auf die Natur, das einfache Leben, Freiheit und Verzicht. Gerade ist die Biographie „Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell“ bei Suhrkamp erschienen, geschrieben hat sie der Braunschweiger Frank Schäfer.

Nein, das Walden-Experiment wäre nichts für ihn selbst, kein Gedanke daran, sich in die Abgeschiedenheit einer Hütte im Nirgendwo zurückzuziehen. „Ich bin kein Naturmensch, ich bin ein Kulturmensch“, sagt Frank Schäfer über sich. Seine Faszination für Henry David Thoreau, Nachfahre einer Hugenottenfamilie, die kurz vor Ausbruch der französischen Revolution aus Frankreich nach Boston/Neuengland flüchtet, speist sich aus anderer Quelle. Dessen „rigoroser Moralismus“ oder umgekehrt „moralischer Rigorismus“ nötigt Schäfer Respekt ab. Um seiner Haltung treu zu bleiben, lässt sich Thoreau nicht verbiegen, weicht schon gar nicht von ihr ab, sondern nimmt sogar persönliche Nachteile in Kauf. Gerade hat er nach erfolgreichem Harvard-Studium eine Lehrerstelle angenommen, da bekommt er Besuch von der Schulaufsicht, deren Vertreter ihn nachdrücklich auf die Vorzüge der Prügelstrafe hinweist, schließlich sei es in seiner Klasse ziemlich laut. Thoreau ist seiner Zeit weit voraus, von Schlägen hält er nichts, will lieber lehrender Begleiter sein. Nun aber lässt er ein paar Schüler vortreten, verteilt – für nichts – ein paar lahme Patscher und kündigt am nächsten Tag die sehr gut bezahlte Stelle. „Ein super Einstieg in einer Kleinstadt wie Concord“, sagt Frank Schäfer und grinst. Thoreau hatte spätestens jetzt seinen Ruf weg, wurde später als „Eremit“ belächelt, obwohl er das niemals gewesen ist, der Gesellschaft niemals komplett den Rücken zugewandt hat. „Er war kein angenehmer, kein bequemer Zeitgenosse“, sagt Schäfer. Thoreaus Kompromisslosigkeit habe ihn Freunde gekostet.

Das ist die Kehrseite einer eigensinnigen Lebenseinstellung, aber da ist noch etwas: „Seine Essays leben von den Brüchen“, sagt Schäfer. Mal sei Thoreau der Vollakademiker, dann wieder einer, der sich draußen dreckige Fingernägel holt und sich in Schwärmersprache verliert. „Aus diesen Quellen bezieht er seinen Stil“, sagt Schäfer. Das Genre des „Nature Writing“, in dem die Natur bis aufs Kleinste und Feinste beschrieben und gefeiert wird – Henry David Thoreau ist einer seiner überzeugendsten Vertreter. In der Natur offenbarte sich für ihn die Schöpfung, dort konnte der Mensch mit dem Universum verschmelzen und zum wirklichen Sein vordringen. Eine Kirche brauchte es nicht, um Christ zu sein. Der Masse und auch dem Staat misstraute er, da ging er doch lieber ins selbstgewählte Exil, seine Hütte, und zahlte keine Steuern, weil er der Sklaven- und Expansionspolitik der Regierung nicht noch Vorschub leisten wollte.
Sinnierend und praktizierend modellierte er sein Bild des besseren Menschen, der moralisch gefestigt, alle Bereiche des Lebens selbst ausfüllen kann und seine Geschicke selbst in die Hand nimmt. Wälzte dabei so manche anarchistische Gedanken. Thoreau schenkte sich nichts, verzichtete auf Reichtum, Sex, Tee, Kaffee, Alkohol und Tabak, streifte kilometerweit gleich einem Indianer durch den Wald, mistete klaglos Ställe aus, war ein ebenso guter Handwerker wie Schreiber.

Als Erster habe Thoreau das Dilemma der Moderne beschrieben, die den Menschen als Folge der Arbeitsteilung am Ende selbst zerlegt und auf bestimmte Fertigkeiten reduziert, sagt Schäfer. Thoreaus Vorstellung: Nicht sechs Tage arbeiten und einen Tag ruhen, sondern umgekehrt – einen Tag arbeiten und sich sechs Tage der Kontemplation widmen. „Das ist ein Gedanke, den jeder einmal in der Moderne gedacht hat, dass eigentlich keine Zeit für die wahren Fragen ist“, sagt Schäfer. Diese Fragen habe Thoreau in schmissigen Sätzen und mit Verve gestellt und auch beantwortet, etwa mit seinem Traktat „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“. Diese Schrift spricht noch heute der Globalisierungsprotestbewegung aus dem Herzen.
Errungenschaften wie Eisenbahn und Telegraphie beschleunigten zu Thoreaus Lebzeiten (1817 - 1862) das Leben der Menschen ungemein. Dieser Globalisierungsschritt hat Thoreau verschreckt, sprachlos machte es ihn nicht. So beschreibt Thoreau die Möglichkeiten der Telegraphie, der Nachrichtenübermittlung über weite Strecken in kürzester Zeit, um dann spitzbübisch zu fragen: „Aber was ist, wenn wir gar nichts auszutauschen haben?“

Ein Jahr lang hat Schäfer an der Biographie gearbeitet, das Buchregal in seinem Arbeitszimmer spricht Bände und verweist aufs umfangreiche Quellenstudium. Thoreaus Bekanntschaft hatte Schäfer lange davor gemacht, hatte „so mit 18“ das Buch „Walden“ gelesen, „aber nicht von Deckel zu Deckel“, räumt er ein. Jahre später bei der Recherche für „Der kleine Provinzberater“ trifft er wieder auf den naturverliebten Querdenker, der selbst nie wirklich aus der Provinz herausgekommen ist. Jetzt war es Zeit – Thoreaus Geburtstag am 12. Juli 1817 jährt sich zum 200. Mal – sich ihm in ganzer Ausführlichkeit zu nähern.

Schäfer macht das, pralles Hintergrundwissen im Rücken: geistreich, wortgewandt, zugespitzt, lebendig. Er lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, streut locker Zitate ein, hat auch den Mut, das Bild unscharf zu lassen, wo die Belege fehlen, statt sich in wilde Spekulationen, wie etwa Thoreau sei schwul gewesen, zu versteigen. Ein paar Stolpersteine gibt es auch, aber der wirklich schlaue Leser (ich gehöre nicht dazu) springt locker darüber und weiß, was das Wort „dithyrambisch“ (nur als Beispiel) ihm sagen will.

Thoreau ist weder Spinner noch Romantiker, sondern Individualist durch und durch. „Gelesen haben ihn hier die Wenigsten“, weiß Schäfer. In den USA ist das anders, da hat Thoreau als fester Bestandteil der Nationalliteratur den gleichen Stellenwert wie Goethe in Deutschland. Strenge Selbstbeschränkung, persönliche Haltung, gesellschaftliche Verantwortung und Freiheit des Individuums – findet sich in den USA noch ein Widerhall dieser Gedanken? Schäfer nickt, selbst das Person gewordene Phänomen Donald Trump fußt auf dieser Grundlage: „Eine Figur, die genau weiß, was zu tun ist, ein Selfmademan.“ Nur unter „moralisch gefestigt“ hätte Thoreau sich sicher etwas anderes vorgestellt ...

Was er sich vorgestellt hätte, wie er gelebt hat, das bringt uns Frank Schäfer in seiner Thoreau-Biographie so nah, wie es diesem zeitlosen Denker gebührt. Wer nach der Lektüre Lust bekommen hat, dessen Schriften im Original zu lesen, nur zu. Und wenn es manchmal etwas zu belehrend wird, dann hilft Frank Schäfer mit dieser Empfehlung: „Weiterblättern!“
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