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Als der Geschichtenerzähler kaum ein Wort herausbrachte

Der Waliser Richard Worgan ging anfangs viel aus und lernte zunächst „Disko-Deutsch“

Braunschweig (ht). 03.01.2010

„Ich bin Waliser, und wir sind Geschichtenerzähler“, sagt Richard Worgan. Schlimm seien die ersten Monate in Deutschland gewesen, weil er seine ganz persönliche Geschichte nicht erzählen konnte. Heute kann er es – in flüssigem Deutsch.

In der Anfangszeit habe er eher eine Art „Disko-Deutsch“ gesprochen, so Worgan. In einer für ihn fremden Stadt sei er durch Bars, Irish Pubs und Diskotheken gestreift. Habe sich mit unbekannten Menschen unterhalten, ständig auf der Suche nach sozialen Kontakten.
Das war Anfang der 90er Jahre. Der damalige Austausch-Student blieb zunächst nur vorübergehend in Braunschweig. Er absolvierte ein Praxisjahr bei Siemens. Kehrte wieder zurück in seine Heimat, machte seinen Abschluss und arbeitete kurz. Als seine damalige Freundin ein Lehramts-Studium begann, entschloss sich Worgan zu einem weiteren Braunschweig-Aufenthalt.
„Ich wollte so lange bleiben, wie es Spaß macht“, berichtet der 42-Jährige. Dass er seit nunmehr 17 Jahren hier ist, hat einen Grund: „Es hat hier immer Spaß gemacht!“ Sicher waren da die Sprachprobleme zu Beginn. Aber nachdem seine Beziehung an der Entfernung gescheitert war, versuchte sich Worgan verstärkt zu integrieren.
Und das ging schnell. Er rutschte in die Theatergruppe der Technischen Universität Braunschweig, war dort bald für Ton- und Lichttechnik zuständig. Auf der Bühne lernte er auch seine jetzige Frau kennen. „Sie war ein Apfelbaum“, erinnert sich der Brite schmunzelnd. Aber er sollte noch eine ganze Zeit an ihrem Stamm rütteln müssen, um in den Genuss der süßen Frucht zu kommen.
Indes lernte Worgan Braunschweig immer besser kennen. „Zu Anfang war es für mich eine riesige Stadt“, erzählt der Mann aus Laleston und erklärt warum: „Mein Heimatort hat 1000 Einwohner und viel zu viele Kneipen für so wenige Leute.“
Aber auch Braunschweig wurde ihm schnell vertraut. Und weil man selbst mit dem Fahrrad überall schnell hinkommt, bezeichnet er die Löwenstadt auch gerne als „10-Minuten-Stadt“.
Während ihm das deutsche Essen mit Mettwurst und anderen deftigen Spezialitäten sofort mundete, stieß ihm etwas anderes übel auf: die Bürokratie. „Die Amtsgänge waren mir fremd“, sagt Worgan. Und er lernte schnell: „Bei Beamten lohnt es sich, mehrmals zu fragen. Man bekommt nämlich oft unterschiedliche Antworten.“ Wobei er das nicht zu sehr betonen wolle – schließlich sei seine Frau auch Beamtin.
Und eine Theorie hat der Oldtimer-Fan noch aufgestellt: Deutsche haben eine „Anti-Warteschlangen-Mentalität“. Geduld sei nicht ihre Stärke. Jeder versuche schnell an die Reihe zu kommen. Dafür schätzt er das Pflichtbewusstsein der Deutschen. Den Müll in den Eimer schmeißen, im Winter Schnee schippen – das sei hier noch nicht verloren gegangen.
Auf der zwischenmenschlichen Ebene charakterisiert Worgan Deutsche wie folgt: „Die Leute sind erstmal etwas kalt. Aber wenn das überwunden ist, hast du sehr gute Freunde.“ Den einen oder anderen müsse er mit dem Hinweis korrigieren: „Ich bin kein Engländer!“ Wales sei für ihn auch in touristischer Hinsicht ein Geheimtipp. Wenn ihm Bekannte erzählen, sie seien auf dem Weg nach Irland durch Wales durchgefahren, gibt er ihnen den Tipp: Haltet nächstes Mal an!
Heimweh kam dennoch nur auf, wenn es privat oder beruflich schwer war. Das ist es für Richard Worgan aber derzeit nicht. Er hat einen ausfüllenden Job als Ingenieur, wohnt mit seiner Frau, der achtjährigen Tochter und dem fünf Monate jungen Sohn in Braunschweig. Die Kinder tragen die walisischen Namen Gwyneth und Geraint. Ein Umzug nach Wales? Vorerst nicht. Höchstens, wenn es hier mal keinen Spaß mehr macht.
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